Jüdische Kultur in der Stadt am Rhein
Von Katja Behling
Die Kölner jüdische Gemeinde ist die älteste nördlich der Alpen. Ein Dekret des Kaisers Konstantin erwähnte diese bereits im Jahre 321 – bereits zu diesem Zeitpunkt beschäftigte sich der römische Herrscher mit seiner «Colonia» am fernen Rhein. Mit dem Dekret hob der Kaiser eine bis dahin gegenüber den Juden geübte Regel, ein Privileg, auf, das sie von der Berufung zum Stadtrat enthoben hatte, einem Amt, das den Berufenen schwere und ungeliebte Pflichten wie das Erheben der römischen Steuern auferlegte. Jüdische Kölner, ihre Kultur, Religion und Kunst haben die Kulturgeschichte und Identität der katholisch dominierten Rheinstadt also mindestens seit dem dritten Jahrhundert geprägt. Davon erzählt die bedeutende Judaica-Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums. Jüdische Kultur am Rhein erlebte eine Blütezeit im Mittelalter. Eine Elite der jüdischen Gelehrsamkeit lebte im Rheinland. Auch ihre internationalen Handelsbeziehungen trugen zum grossen Einfluss der Kölner Juden bei. Jürgen Wilhelm,
Vorsitzender der Landschaftsversammlung Rheinland und der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, hat ein 2007 Buch über die «Jüdische Kunst und Kultur in Köln» publiziert. Er beschreibt, welche Spuren dies – nicht nur in Köln – hinterlassen hat.
Auch die Kölner deutsch-jüdische Geschichte ist von Überlebenskämpfen und Vertreibungen, vom Ringen um bürgerliche Gleichstellung und von kulturellen Wechselwirkungen gekennzeichnet. Zwar nahmen Könige und Kaiser über die Jahrhunderte in der Regel eine wohlwollende Haltung gegenüber den Juden ein. Doch zur Zeit der Kreuzzüge erwies sich ihre Macht als zu schwach, um die Juden vor den Überfällen der Kreuzfahrer zu schützen. Von Frankreich kommend zogen die Verfolger 1096 in das Rheingebiet – und töteten Tausende von Juden: Die erste Judenvertreibung in Deutschland. Dennoch wuchsen über die Zeit in den Städten zwischen Rhein und Mosel lebendige jüdische Ansiedlungen. Ein jüdischer Kaufmann und Weltreisender erwähnte diese vitalen «Gemeinden im Lande Alemania» im 12. Jahrhundert. Bereits im 10. und 11. Jahrhundert entstanden im Rheinland Talmudschulen, die sich rasch einen hervorragenden Ruf erarbeiteten und Gelehrte sowohl erzogen als auch anzogen. So galt der im 13. Jahrhundert in Köln lebende Elieser ben Joel als «Geistesheld (Kober) der Thora-Wissenschaft». Jüdische Mystik fand Eingang in die Dichtung. Die Sprache der Kölner Juden war meist Deutsch.
Hochburg für Gelehrte und Künstler
Trotz erfolgreicher kultureller Teilhabe sollten bis zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden Jahrhunderte vergehen. Erst die Französische Revolution 1789 und die Eroberungskriege Napoleons brachten ihnen (kurzzeitig) Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Zum ersten Mal seit der römischen Zeit wurden die Juden Ende des 18. Jahrhunderts als Bürger der Stadt anerkannt. Die emanzipatorische Revolution begann und setzte eine enorme wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Kreativität und Energie frei. Dies wusste etwa Salomon Oppenheim zu nutzen: 1789 gründete er mit einem Bonner Kompagnon ein Wechselhaus, dessen Sitz er 1801 nach Köln verlegte – heute gilt das Bankhaus Sal. Oppenheim als Europas führende Privatbankgruppe. Nach 1789 war der Damm nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht gebrochen. So wurde in den 1840er Jahren die «Rheinische Zeitung» als «Neue Rheinische Zeitung» in Köln modernisiert. Zum Komitee um das nun pointiert politisch-literarische Linksblatt gehörte Moses (Moritz) Hess, der Begründer des philosophischen Sozialismus in Deutschland. Seine Mitstreiter waren mehrere Mitglieder der Kölner jüdischen Gemeinde, als Chefredaktor des roten Blattes fungierte der Kommunist Karl Marx.
Mit der publizistischen ging die politische Aktivität Hand in Hand. Die Bankiers Abraham und Simon Oppenheim unterbreiteten 1841 dem König eine Petition zum gesetzlichen Status der Juden in der Rheinprovinz. Die dadurch ausgelöste und bald ganz Deutschland erfassende liberale Bewegung führte letztlich zu dem Erlass, der Genuss der bürgerlichen Rechte solle nicht vom religiösen Bekenntnis abhängen. Von dieser neuen Liberalität profitierte etwa die Familie des Kölner Kantors Isaac Eberscht aus Offenbach, der später den Namen seines Heimatortes als Nachnamen führte. Der jüdische Kantor war der Vater von Jakob Offenbach, der später als Opernkomponist Jacques Offenbach in Paris Furore machte. Auch ein anderer jüdischer Musiker kam in Köln zu Ruhm und Ehre: Ferdinand von Hiller wurde Direktor des Kölner Konservatoriums. Als Komponist und Autor eines musiktheoretischen Standardwerkes galt er seinerzeit als grösste Musikautorität Westdeutschlands. Nicht zuletzt diese – Kölner – Musiker trugen neben bis heute gefeierten Grössen wie Felix Mendelssohn-Bartholdy dazu bei, dass die Ära des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu einem der glanzvollsten Kapitel der deutsch-jüdischen Kulturgeschichte geriet. Nicht nur in der Musik. Der jüdische Maler Eduard Bendemann etwa schuf 1832 das bedeutende Gemälde «Die trauernden Juden im Exil». Der Künstler David Levy Elkan, 1808 in Köln in unterprivilegierte Verhältnisse geboren, gehörte am Ende seines Lebens zur Kölner Prominenz, allein das Kölner Stadtmuseum besitzt rund 200 seiner Werke. Max Bodenheimer übersiedelte 1890 nach Köln. Der erfolgreiche Rechtsanwalt, schon als Student Anhänger der Idee eines jüdischen Staates, wurde einer der Mitbegründer der zionistischen Bewegung in Deutschland. Die Kölner Avantgarde der Kreativen prägte den Wandel vom Kaiserreich zum Parlamentarismus mit – über die progressiven Mittel der Kunst, deren Vielfalt als Ausdruck von Pluralität verstanden wurde. Bereits 1911 entstand mit dem Kölner «Ge-
ronsclub» ein erstes Forum für die moderne Kunst. Zu seinen Mitgliedern gehörte der spätere Surrealist Max Ernst, jüdische Mäzene unterstützten das Projekt. Das wenig später, 1919, von Otto Freundlich geschaffene moderne Mosaik «Die Geburt des Menschen» ziert heute das Foyer der Kölner Oper.
Kulturbruch und Repressalien
Nach dem Ersten Weltkrieg lebten rund 16 000 Juden in Köln, die meisten assimiliert. Während der Jahre der Weimarer Republik hatte sich das Verhältnis zwischen jüdischen und nicht jüdischen Bürgern soweit entspannt und normalisiert, dass es im täglichen Umgang beinahe irrelevant war. Vielmehr würdigten etwa Messen wie die Presseschau «Pressa» 1928 in Köln auch und gerade die kulturellen Verdienste der Juden. Doch infolge der Wirtschaftskrise 1929 kamen alte Ressentiments wieder hoch. So hagelte es Proteste, als Alfred L. Tietz aus der Gründerfamilie des Hertie-Kaufhauskonzerns, dessen Zentrale sich seit 1895 in Köln befand, die Ehrendoktorwürde verliehen werden sollte. Erste Vorzeichen nur für das, was folgen sollte.
Wenige Jahre nach der Kulturhochblüte sollte alles Jüdische ausgemerzt werden: Der alte jüdische Friedhof, der 1922 im Zusammenhang mit Bauarbeiten wiederentdeckt worden war, wurde 1932 geschändet und 1936 zwangsweise aufgehoben. Spätestens mit dem Novemberpogrom 1938 und dem Brand der Synagoge in der Glockengasse hatte die NS-Vernichtungspolitik dann auch Köln erreicht. Das noch wenige Jahre zuvor reiche jüdische Leben in der Stadt versiegte infolge der Repressalien gegen Juden. Selbst das renommierte Spital blieb davon nicht verschont – Barbara Becker-Jákli hat in ihrem 2004 erschienenen Buch die Geschichte des Kölner jüdischen Krankenhauses aufgearbeitet. Die Klinik war 1896 beziehungsweise als Neubau 1907/08 als israelitisches Asyl mit Krankenhaus und Heim für Altersschwache und Sieche gestiftet worden. Das Asyl war seinerzeit weit über die Stadt hinaus bekannt, einzigartig im Rheinland und eine der grössten Institutionen dieser Art in Deutschland. 1936 verboten die Nationalsozialisten die Aufnahme von nicht jüdischen Patienten, obwohl das Krankenhaus damit drei Viertel seiner Kapazität nicht ausschöpfte – nur rund 20 Prozent der Patienten waren Juden. Während des Krieges räumten Gestapo und SS das Asyl. Ab 1943 wurden russische Kriegsgefangene im Spital versorgt. Nach dem Abzug der belgischen Streitkräfte, die bis 1995 ein Militärkrankenhaus auf dem Gelände betrieben hatten, erwarb die jüdische Gemeinde den Gebäudekomplex 1997 zurück, um mit der Sanierung und Errichtung eines Wohlfahrtszentrums an die Historie des Baudenkmals auf dem Asyl-Gelände anzuknüpfen. 2005 wurden zwei neue Thora-Rollen in das Zentrumsgebäude gebracht – wenige Wochen bevor Rabbiner Netanel Teitelbaum im August 2005 Papst Benedikt XI. in der Kölner Synagoge Roonstrasse begrüsste.
Schauplatz deutsch-jüdischer Geschichte
Köln, Schauplatz von Schlüsselereignissen jüdisch-christlicher Geschichte, gilt als Ort und Symbol für den Neuanfang nach dem Holocaust. Bei 1953 begonnenen archäologischen Ausgrabungsarbeiten kamen unter anderem ein Münzschatz und Überreste mittelalterlicher Wohnhäuser aus wohl einst jüdischem Besitz zum Vorschein. Daraufhin wurden die Grabungen im Bereich des ehemaligen jüdischen Viertels ausgeweitet. Zutage traten dabei – neben Überbleibseln der Frauenschule, der Mikwe und des Hospizes – die Relikte der mittelalterlichen Synagoge, die nach der Vertreibung der Juden aus Köln im Jahre 1414 den Bedürfnissen des christlichen Kultes entsprechend eingerichtet worden war, weil sie fortan als Ratskapelle hatte genutzt werden sollen. Ein weiteres Beispiel für den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg ist die jüdische Bibliothek der Stadt: Die «Germania Judaica», eine wissenschaftliche Spezialbibliothek zur Geschichte des deutschsprachigen Judentums ab der frühen Neuzeit. 1959 auf Initiative Kölner Bürger als privater Verein gegründet, besitzt sie mit etwa 80 000 Bänden zur Geschichte des deutschsprachigen Judentums die grösste Sammlung auf diesem Gebiet in der Bundesrepublik Deutschland und in Europa. Die Gründer, darunter der Schriftsteller Heinrich Böll, wollten in der Nachkriegszeit mit der Germania Judaica eine Einrichtung schaffen, die über Geschichte und Kultur des deutschen Judentums informiert. Dies als Ausdruck einer zweifachen Verantwortung – der vor dem Erbe des deutschen Judentums und der vor nachfolgenden Generationen in Deutschland, deren eigene Geschichte sich nicht ohne die Geschichte der Juden erschliesst. Seit Januar 2006 wird der Verein Germania Judaica allein von der Stadt Köln gefördert.
Auf vielfache Weise zeigt sich, dass das einst facettenreiche jüdisch-kölnische Leben heute an vielen Orten wieder aufgeblüht ist. Das belegt nicht zuletzt das Leuchtturmprojekt Jüdisches Museum Köln. Geplant ist ein solches eigenständiges Museum für jüdische Kultur und Geschichte seit mehr als zehn Jahren. Zwar hat der Trägerverein, der eine Garantie für die Kostenübernahme von Bau und Betrieb des mit mindestens 20 Millionen Euro veranschlagten Museum-Projekts in der Altstadt gegeben hatte, Anfang Juli in einem Schreiben an Oberbürgermeister Fritz Schramma seine Zusage zurückgenommen. Vom Tisch ist das Projekt damit jedoch nicht. Es ist abzuwarten, ob auch ein kleinerer beziehungsweise modifizierter Bau unter Berücksichtigung der archäologischen Schutzzone realisiert werden könnte. Die Initiatoren suchen und brauchen Spender. Doch auch ohne private Mitfinanzierung könnte die Stadt beziehungsweise das Land Nordrhein-Westfalen am Ende in der moralischen Pflicht stehen, Gelder für das Vorhaben aufzubringen, mögen auch die öffentlichen Mittel in Krisenzeiten knapper sein denn je. Denn das Projekt – und damit auch den für gut befundenen und präsentierten Architekten-Entwurf – nach Jahren der Planung und Zustimmung gänzlich zu verwerfen, würde als kulturpolitisches Versagen gewertet werden: Köln, die Stadt mit dem Standort der ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen, will sich keinen Ort der Erinnerung leisten.
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.