«Jüdische Ärzte sind nicht besser, nur anders»
Was macht einen jüdischen Arzt aus? Dieser zentralen Frage ging Abraham S. Abraham letzten Sonntag auf den Grund und stiess dabei auf grosses Interesse nicht nur unter Medizinern. In seinem Referat, das er anlässlich des von Jewish Medical Ethics in Switzerland organisierten Symposiums zum
Thema «Jüdische Ethik in der modernen Medizin» hielt, stellte Abraham gleich von Beginn weg klar, er wolle keine Unterschiede zwischen jüdischen und nicht jüdischen Ärzten machen, sondern lediglich die moralisch-ethischen Aspekte eines jüdischen Mediziners hervorheben. «Jüdische Ärzte sind nicht einfach nur Ärzte. Vielmehr haben sie die gottgegebene Pflicht, Menschenleben zu retten», war Abrahams deutliches Statement, und er betonte damit, wie zentral das Gebot auf Lebenserhaltung im Judentum ist. Es stehe über fast allen anderen jüdischen Geboten. Besonderes Augenmerk legte Abraham in seinem Referat dann auf die ethischen Pflichten eines jüdischen Arztes im Umgang mit seinen Patienten, insbesondere aber auch mit seinen Patientinnen. Ein Arzt sollte bei der Behandlung von Patientinnen besonders feinfühlig sein und unnötige Entblössungen vermeiden. Es sei mehr als wichtig, jedem Patienten den nötigen Respekt und die dazugehörende Privatsphäre zu gewähren. «Behandelt jeden Patienten so, wie ihr wollt, dass man eure eigene Mutter behandeln würde», war die klare Aufforderung des Professors an die anwesenden Ärzte und Ärztinnen. Schliesslich müsse jeder Patient als Mensch betrachtet und als eben solcher behandelt werden, unabhängig von seiner eigenen moralischen Einstellung.
Patient ist Patient
Abraham ging es Zeit seines Lebens nicht nur darum, seine Patienten einfach medizinisch zu versorgen, sondern ihnen auch gut zuzureden. Es sei so auch legitim, zu lügen, um Patienten, die an unheilbaren Krankheiten leiden, Mut zu geben und ihren Willen zu stärken. «Der letzte kleine Strohhalm, den man solchen Patienten gibt, ist fast wichtiger als jede medizinische Behandlung», sagte Abraham. Wer dem Professor mit Bart und Kippa zuhörte, erinnerte sich zweifellos immer wieder an das bekannte römische Redewendung «ein gesunder Geist in einem gesunden Körper». Was viele Mediziner denken, aber vielleicht oft zu wenig betonen, bekräftigte Abraham mit praktischen Beispielen: Körper und Geist sind sehr eng miteinander verbunden. Abraham zweifelt auch nicht daran, dass das Leben eines Nichtjuden nicht gleichwertig wie das eines Juden sei. Der religiöse Arzt meinte ohne mit der Wimper zu zucken: «Ich würde sofort den Schabbat brechen, um einem Patienten zu helfen, unabhängig davon, ob dieser jüdisch ist oder nicht. Ein Patient ist ein Patient.» Immer wieder stellte Abraham auch klar, dass für ihn jüdische Ärzte nicht besser, sondern lediglich anders sind. Jüdische und nicht jüdische Ärzte seien denselben moralischen Kodizes als Ärzte verpflichtet, jüdische Ärzte sollten sich dabei aber zusätzlich noch an den Grundsätzen der jüdischen Ethik orientieren. «Dabei darf man aber nie die staatlichen Gesetze missachten.» So ist zum Beispiel in Israel der Patientenwille als oberstes Gebot gesetzlich festgesetzt. Ein Arzt kann lebensmüde Patienten lediglich davon überzeugen, ihnen das Leben zu verlängern, zum Leben zwingen könne er sie aber nicht. Wenn ein Patient nach wiederholten Überzeugungsversuchen immer noch sterben wolle, habe er das Recht dazu. Es sei aber ein grosser Unterschied, ob man jemanden, der nicht weiterleben wolle, nicht mehr behandle, oder ob man ihm aktiv zu sterben helfe. Auch nach jüdischer Ethik gebe es Fälle, an denen man von einer Lebenserhaltung für kurze Zeit absehen könne, wenn diese mit grossen Schmerzen verbunden sei. Abschliessend meinte Abraham aber: «Jeder Fall ist anders und ethische Gesichtspunkte sind immer komplex. Einfache Antworten gibt es nie. Und manchmal gibt es auch gar keine Antworten auf gestellte ethische Fragen.»
Kein Schwarz-Weiss-Schema
Anschliessend an Abrahams Referat vertiefte der Leiter der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin am Universitätsspital Zürich, Edouard Battegay, die durch Abraham aufgeworfenen ethischen Fragen und spielte sie anhand praktischer Beispiele aus dem Patientenalltag durch. Dabei wurde auch den vielen Teilnehmenden mit medizinischem Berufshintergrund klar, was Abraham meinte, wenn er suggerierte, manchmal gebe es keine Antworten auf ethische Fragen. So könne auch der jüdische Gesetzeskodex nicht alle Eventualitäten berücksichtigen. Gerade in der Medizinethik gebe es keine klaren Antworten, die in ein Schwarz-Weiss-Schema passten, sondern viele unklare Antworten in einer Grauzone. In weiteren Referaten untermauerten der Basler Rabbiner Yaron Nisenholz sowie der Basler Arzt Alain Nordmann diese Feststellung. Rabbiner Nisenholz sprach über die Rolle des Rabbiners in der medizinischen Entscheidungsfindung, Nordmann hingegen über verschiedene Fälle, bei denen entschieden wurde, Leben zu verlängern oder nicht.
Preise exorbitant
Auf einen spezifischen Fall in der Schweiz angesprochen, bei der das Bundesgericht vor Kurzem entschieden hat, dass die Krankenkasse einer Frau, die an der seltenen Krankheit Morbus Pompe leidet, keinen Beitrag an die Behandlung zu zahlen, antwortet Yves Nordmann, Kinderarzt und ebenfalls Koryphäe auf dem Gebiet der jüdischen Medizinethik in der Schweiz: «Aus Sicht der jüdischen Medizinethik besitzt jegliches menschliche Leben Heiligkeit und einen unendlichen, unantastbaren Wert. Trotzdem sind der Gesellschaft selbstverständlich Grenzen gesetzt, da Ressourcen zur Lebenserhaltung oder -rettung nicht unbeschränkt zur Verfügung stehen.» Deshalb sei es unausweichlich, im Rahmen von Gesetzen oder ähnlichen Regelungen festzulegen, welche Leistungen im Rahmen einer Krankenversicherung von den Kostenträgern übernommen werden und welche nicht. «Gerade bei seltenen Krankheiten sind die Preise für medikamentöse Behandlungen oft exorbitant und können deshalb im Rahmen von Grundleistungen nicht vergütet werden», findet Nordmann. Dies bedeutet nun aber nicht, dass auf individueller Ebene so viel wie immer nur möglich getan werden sollte, einem betroffenen Patienten eine Behandlung zu ermöglichen, sei es durch spezifische Fonds oder private Spendenaktionen. Nordmann selbst ist der Meinung, «dass in unserer Gesellschaft genug Geld für weitaus weniger wichtige Dinge ausgegeben wird. Also geht es hier auch um die Prioritätensetzung jedes Einzelnen.» Dabei wird wiederum bewusst, dass ethische Fragen nicht einfach gesetzlich oder religiös beantwortet werden können. Sie können lediglich im gesetzlichen oder religiösen Rahmen gesetzt und in diesem Kontext auch beantwortet werden.