Jüdisch ist «trendy»
Sie schiessen in Europa geradezu wie Pilze aus dem Boden, jüdische Museen, Festivals, Denkmäler, Institute und Hochschulen. Anscheinend ist ein unglaublicher Nachhol- und Konservationsbedarf an jüdischer Kultur vorhanden, der sich gerade in Deutschland manifestiert, zumindest auf akademischer Ebene. Eine Wiederbelebung der etwa der Publizist Henryk M. Broder in einem Spiegel-Essay über den Erfolg einer neuen Auflage von Roman Vishniacs Fotoband «Eine verschwundene Welt» kritisch gegenüberstand. Broder machte aus, dass da eine verschwundene Welt verglorifiziert wird, die so nie existiert hatte. Ganz anders und zeitgemäss sticht in diesem Kulturreigen das Institut für Jüdische Studien der Universität Basel hervor. Die Gruppe um die heutigen Leiter Professor Haumann und Stegemann machte bereits während der Feierlichkeiten «100 Jahre 1. Zionistenkongress» mit einer Ausstellung, einem wissenschaftlichen Symposium und einer Buchpublikation auf sich aufmerksam. Höhepunkt war damals ein politisches Podium zum Friedensprozess im Nahen Osten mit israelischen und palästinensischen Politikern. Nun veranstaltete das Institut ein Jahr nach seiner Gründung ein Symposium zum Thema «Das Erwachen Palästinas». Nicht nur führte das Institut die Tradition des Dialogs mit hochkarätige Experten aus der ganzen Welt fort, auch der akademische Anspruch kam nicht zu kurz. Glanzpunkt allerdings - und dies spricht auch für den populären Zugang des Instituts - war der Auftritt von Multitalent Sir Peter Ustinov, der über die Einwanderung seiner Vorfahren in Palästina sprach. Am Faden der Familiengeschichte plazierte Ustinov in jedem Satz eine Weisheit und eine Pointe und liess die Zuhörer an seiner universellen Geistigkeit teilhaben, wie sie heute selten ist. Zu seinen seit wenigen Wochen bekannten jüdischen Vorfahren meinte er: «In jugoslawischen Termini gesagt: Ich bin ethnisch verschmutzt und stolz darauf!» Auch Nachdenkliches war zu hören, so etwa Erinnerungen an Ustinovs Interview mit Yitzchak Rabin kurz vor dessen Tod oder zur politischen Situation in Nahost. Vor allem blieb Platos Erkenntnis, die so ganz in die humanistische Tradition passt, in der sich das Jüdische Institut bewegt: «Erst wenn Philosophen Politiker und Politiker Philosophen werden, ist Frieden möglich.»