Judenhass der nichtrassistischen Art
«Der römisch-katholischen Kirche war es ein Anliegen, sich für die Haltung zu entschuldigen, welche ihre Würdenträger der Schoah gegenüber eingenommen hatten, doch vom historischen Standpunkt aus sind solche Entschuldigungen wenig sinnvoll: Dass die Katholiken die Massendeportation von Juden hingenommen haben, entsprang nicht einem vorübergehenden Mangel an Mut, sondern war die Konsequenz einer langen Entwicklung. Nicht Entschuldigungen wären notwendig, sondern eine Analyse der tieferen Ursachen des katholischen Antijudaismus.» Diese Sätze im Aufsatz des französischen Historikers Pierre Sorlin in Blaschkes und Mattiolis Band erhalten im Wesentlichen die Aussage, die hier in einer kohärenten Sammlung von Beiträgen vermittelt wird. Der Katholizismus des 19. Jahrhunderts war weder die klar identifizierbare Brutstätte des rassischen Antisemitismus, wie die einen, noch war er der Hort der grundsätzlichen Achtung vor den jüdischen Trägern des ersten Gottesbundes, wie die anderen gerne behaupten.
Schon die breit angelegte methodische Einführung Olaf Blaschkes, welche die verschiedenen Strategien und Thesen der Wissenschaft zur Bewertung der katholischen Antisemitismusthese vorstelltund ordnet, sowie die von ihm genannten «zwölf Ursachen des katholischen Antisemitismus» geben dem Leser einen klaren Einblick in den hier unternommenen Versuch, ein wissenschaftliches Instrumentarium zu schaffen, das gegen plakative Anklagen wie gegen blinde Apologetik resistent ist. Besonders in dem Blaschke zu einer vertieften Analyse des Ultramontanismus im 19. Jahrhundert, der verstärkten Rückbindung des Katholizismus an Rom auffordert, die nicht nur eine reaktionäre Haltung zur Folge hatte, sondern auch die Feinde des bedrohten Kirchenstaats im Judentum zu suchen trachtete und damit einen wichtigen antijüdischen Abwehraffekt generierte. Verdeutlicht wird Blaschkes Ansatz durch Mattiolis Bild der päpstlichen Segregationspolitik gegen die Juden Roms bis 1870, die gerade nach der Seligsprechung von Pius IX. von vielen noch aufmerksamer gelesen werden dürfte.
Die Herausgeber scheinen ihr Anliegen sehr klar an die übrigen Beiträger kommuniziert zu haben, denn das Bedürfnis nach Breite und Ausgewogenheit ist in eigentlich allen Artikeln spürbar. Deutlich wird in dem Band Mehreres von grundsätzlicher Bedeutung: Josef Langs Beitrag zum Antisemitismus in der Urschweiz etwa bestätigt die These eines «Antisemitismus ohne Juden». Die Artikel von Pierre Sorlin und Johannes Heil etwa verdeutlichen, dass das Bild des Juden in der katholischen Moderne nicht weniger von modernistischen Klischees geprägt war als in anderen Systemen, auch wenn die ursächliche Ablehnung in religiösen Differenzen verborgen liegen mochte. Und Christoph Nonn weist am Beispiel der Ritualmordgerüchte darauf hin, dass städtischer und ländlicher Antisemitismus auch in der modernen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts grundlegend andere Gesichter trugen. Eine der für Schweizer Leser vielleicht besonders bedrückenden Passagen ist diejenige Aram Mattiolis über den Aargauer «Mannli-Sturm», wo das Votum des Volkes 1862 die von der Kantonsregierung gewährte Judenemanzipation kurzfristig (bis zum Eingreifen des Bundesrats) rückgängig machte. Insbesondere sein Schluss, «dass Republiken im 19. Jahrhundert nicht notwendigerweise toleranter mit ihren jüdischen Minderheiten umgingen als Monarchien», sondern «sich demokratische Partizipation sogar retardierend auf die Durchsetzung wichtiger Grundrechte» auswirken konnte, gibt angesichts heutiger Versuche rechtskonservativer Kreise, die Mitsprache des Volkes in der Schweiz zu stärken, viel zu denken. So liefert denn dieses Buch nicht nur dem Fachhistoriker interessante Ansätze, die gewisse Entwicklungen bis zur Schoah, aber teilweise auch darüber hinaus in die heutige Zeit klarer nachvollziehen lassen.
Olaf Blaschke/Aram Mattioli (Hg.): Katholischer Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Ursachen und Traditionen im internationalen Vergleich. Orell Füssli-Verlag Zürich 2000, 383 S., Fr. 58.-