Juden, Fussball und Träume

June 13, 2008
Jüdische Fussballgeschichten aus aller Welt oder wie der Fussball völkerverbindend wirkt.
<strong>Fussball kennt keine Umlaufbahn, auf die Verlass ist </strong>Teamwork als Kurzpasszauberei und individuelle Besessenheit der Dribbelk&uuml;nstler

Von Hanno Loewy

Eigentlich hat der internationale Fussball am Genfersee angefangen. Als Schülerspass in einem vornehmen Internat in Montreux. Walter Bensemann, ein 14-jähriger Schüler aus einer jüdischen Familie in Berlin, gründete gemeinsam mit seinen englischen Mitschülern einen Fussballclub. Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er zum Propagandisten des modernen Sports. Der englische Sport begann seine ersten Fans auf dem Kontinent zu finden – eifersüchtig beäugt von deutschnationalen Turnern und schlagenden Verbindungsstudenten.

Der Ball ist so rund wie der Globus – aber er kennt keine Umlaufbahn, auf die Verlass ist. Stattdessen bewegt er sich durch den Raum wie ein traumwandelnder Künstler, angestossen von widerstreitenden Energien und Wünschen. Es ist kein Zufall, dass auch im Kino der Fussballsport zur Metapher dafür geworden ist, unmögliche Beziehungen zu stiften, vom israelischen Klassiker «Cup Final» bis zu «Bend It Like Beckham».


Juden und Fussball verbindet eine besondere Leidenschaft, auch wenn sich das noch nicht bis zu jedem herumgesprochen haben mag. Als Zoltán Fábri die beginnende ironische Auseinandersetzung des Kinos mit dem Holocaust 1961 als Spiel mit zwei Halbzeiten inszenierte («Zwei Halbzeiten in der Hölle»), da konnte er mit diesem stereotypen Impuls der Zuschauer noch ganz sicher rechnen. Als die SS, so der Plot des Films, zur Feier eines hohen Besuchs und zur eigenen Gaudi die ungarischen Insassen eines Arbeitslagers in der Ukraine eine Fussballmannschaft bilden lässt, die gegen die SS antreten soll, da kommt es zur Belastung der Solidarität. Ein ehemaliger populärer ungarischer Fussballspieler, der im Lager gelandet ist, soll die Mannschaft formen und stösst sich an dem jüdischen Intellektuellen und Brillenträger Stein: der «Schwächling» passt ihm nicht ins Konzept. Am Ende müssen sie doch das gleiche Schicksal teilen.

Auch Cao Hamburger spielt, 45 Jahre später, in seinem Film «The Year my Parents Went on Vacation» von 2006 mit dem scheinbaren Gegensatz von Fussballnarren und Juden. Indem er uns in das gleichermassen von politischen Konflikten und Diktatur zerrissene und vom Fussball geeinte Brasilien des Jahres 1970 führt, schildert er uns die schwierige Geschichte eines zwölfjährigen Knaben in einer komplexen Welt – er ist der Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter. Während die brasilianische Nationalmannschaft sich darauf vorbereitet, den dritten Weltmeisterschaftstitel zu erringen, trainiert Mauro für ein Tischfussballspiel, und seine Eltern bereiten ihre Flucht in den Untergrund vor. Als Kommunisten verfolgt, bringen sie das Kind nach São Paolo zu seinem jüdischen Grossvater Motel, der in einer jiddischen Community polnisch-jüdischer Einwanderer lebt. Sie versprechen ihrem Kind, rechtzeitig zum Beginn der Weltmeisterschaft wieder da zu sein – und fahren Hals über Kopf «in Urlaub», ohne dass Mauro versteht, was geschieht. Doch das ist nicht die letzte Überraschung, die das Kind in diesem Sommer seiner ersten Reife erlebt. Was die disparaten Lebenswelten, zwischen denen er hin und her gerissen wird, zusammenhält, ist natürlich: der Fussball. Vor ihm geraten nicht nur die linken Studenten in Verzückung. Auch die orthodoxen Juden, in deren Gemeinde Mauro wie Moses im Weidenkorb gelandet ist, tanzen Freudentänze vor den unscharfen Fernsehbildern aus Mexiko, die Pele immer wieder als Matchwinner zeigen.

Fussball als einendes Element

Die jüdischen Fussballgeschichten, sie erzählen immer wieder von den unmöglichen Beziehungen, Freundschaften und Koalitionen, die der runde, in jede Richtung springende Ball ermöglicht. Erez Tadmor und Guy Nattiv lassen in ihrem Film «Strangers» aus dem Jahr 2007 aus der Ekstase der Fussballweltmeisterschaft in Berlin eine Romeo-und-Julia-Geschichte entstehen. Gedreht während der WM 2006 und ohne fertiges Drehbuch, entwickelt «Strangers» eine verstörende Liebe: zwischen einem Israeli, der in Berlin seine deutsche Freundin treffen will, und einer Palästinenserin aus Paris, die ihre französische Nationalmannschaft bejubeln will. Eine unmögliche Beziehung? Für Hauptdarsteller Liron Levo jedenfalls eine Geschichte, für die es ein neutrales Terrain geben muss (eine U-Bahn mit Neonazis, das Berliner Olympiastadion, die Liebe, den Fussball etc).

Ein WM-Finale führt auch in Eran Riklis´ Film «Cup Final» Israeli und Palästinenser zusammen, und das ausgerechnet in Libanon. Juni 1982: Der israelische Unteroffizier Cohen hat schon seine Karten für die WM in Spanien gekauft. Doch die israelische Invasion in Libanon macht einen Strich durch seine Pläne. Der Krieg will nicht enden. Und dann wird Cohen mit seinem Kameraden Galili von einem versprengten PLO-Trupp gefangen genommen. Die Todfeinde werden für einige Tage zusammengeschweisst: Es geht ums Überleben und sie müssen sich zwischen israelischer Armee und christlichen Falangisten nach Beirut durchschlagen. Und sie entdecken noch eine andere Gemeinsamkeit: ihre Fussballleidenschaft und ihre Liebe zur italienischen Mannschaft. So sind die Kämpfer nicht nur auf der Suche nach Verstecken, nach Essen und Medikamenten, sondern auch nach einem Fernsehgerät, auf dem sie das Endspiel in Madrid sehen können. Moshe Ivgi als Sergeant Cohen und Muhammad Bakri als palästinensischer Kommandant Ziad bleiben ein ungleiches Paar. Der Film wirft die Zuschauer in ein Wechselbad von Gewalt und untergründiger Ironie. Und es spielt mit dem Mythos des Fussballs schlechthin, überall und wenigstens für 90 Minuten Aggression zu sozialisieren, wie Detlev Claussen einmal geschrieben hat, einem zivilen Regelsystem zu unterwerfen, in dem das Gemeinsame jenseits aller Trennungen immer wieder spielerisch zum Vorschein gebracht wird.

Solche Wechselbäder freilich haben auch das Verhältnis von Juden und Fussball bestimmt. Das antisemitische Stereotyp vom «körperlosen Juden» war eines, die reale Rolle, die jüdische Fussballer immer wieder in entscheidenden Situationen der Entwicklung des Fussballsports gespielt haben, etwas anderes.

Geschichte geschrieben

Bis heute lebt der Fussball davon, beides zu zelebrieren: rassistische Männerbündelei auf den Rängen und Multikultiteams auf dem Rasen; Todfeindschaft in Derbys zwischen Nachbarn und kosmopolitische Verbrüderung in den Welt-Turnieren; Teamwork als Kurzpasszauberei und individuelle Besessenheit der Dribbelkünstler; Neonazikulturen und Weltoffenheit; Gentleman-Sport und Arbeitervereine; Professionalismus und Amateurbegeisterung; Geschäft und Leidenschaft. Antisemitismus im Fussball besteht nicht zuletzt gerade darin, eben nicht zu verstehen, wie untrennbar auch das Letztere zusammenhängen kann. Auch ein Roman Abramowitsch setzt seinen legendenumwobenen Reichtum aus Leidenschaft für den Fussball auf den Londoner Verein Chelsea, aus einer Spielerlaune heraus – und nicht aus Gewinnsucht, wie die kochende Volksseele es sich gerne zusammenfantasiert.

Jüdische Kicker, Trainer, Teamchefs und Vereinsmanager haben Geschichte geschrieben. So zum Beispiel Béla Guttmann (als Spieler und Trainer in Ungarn und Österreich, Nord- und Südamerika, Italien, Portugal und der Schweiz), der vom jüdischen Österreichmeister Hakoah in Wien 1925 über die New York Giants und FC São Paolo bis zu Benfica Lissabon den Offensivfussball verbreitete, während sein Bruder in einem deutschen Konzentrationslager ermordet wurde.

Guttmann versuchte sein Glück auch am Genfersee, bei Servette Genf, doch das blieb eine späte und glücklose Episode.

Walter Bensemann, der seine am Genfersee entwickelte Fussballleidenschaft schon Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Süddeutschland verbreitet und Vorläufervereine von Bayern München und Eintracht Frankfurt gegründet hatte, setzte gegen nationalistische Engstirnigkeit auf internationale Begegnungen und eine Professionalisierung des Fussballs, der es auch Angehörigen der Arbeiterklasse ermöglichte, im Fussball erfolgreich zu sein. Die von ihm gegründete Fussballzeitschrift «Der Kicker» wurde eine der auflagenstärksten deutschen Zeitschriften, bevor sie 1933 «arisiert» wurde. Bensemann starb mittellos 1934. Wo? Natürlich am Genfersee, in Montreux, das nun sein Exil geworden war.

Auch Hugo Meisl zählt zu diesen lange vergessenen Grössen. Er setzte, gegen zuweilen auch antisemitische Stimmen, die Professionalisierung des Fussballs in Österreich durch und prägte bis zu seinem Tod 1937 die österreichische Fussballszene, während sein Bruder Willy als «Vater des modernen Sportjournalismus» galt, bevor er 1939 nach London fliehen musste. Und Bayern München wurde nicht zuletzt durch seinen Präsidenten Kurt Landauer zur deutschen Fussballinstitution. Das Kraftzentrum dieser jüdischen Fussballleidenschaft lag nicht von ungefähr zwischen Budapest und Wien – in den zwanziger Jahren genauso wie in den Dreissigern, als Fussballer-Persönlichkeiten wie Jenö Konrad aus Deutschland verjagt wurden. Konrad, als langjähriger Trainer des 1. FC Nürnberg tätig, wurde vom «Stürmer» – nein, nicht der auf dem Platz, sondern das NS-Propagandablatt – mit Hetztiraden bedacht: «Ein Jude ist ja auch als wahrer Sportsmann nicht denkbar. Er ist nicht dazu gebaut, mit seiner abnormen und missratenen Gestalt. (...) Der 1. Fussballclub Nürnberg geht am Juden zugrunde ... Klub! Besinne dich und wache auf. Gib deinem Trainer eine Fahrkarte nach Jerusalem.»

Spiel und Ernst

Detlev Claussen hat das Spezifische der jüdischen Fussballleidenschaft in ihrer Fähigkeit erkannt, Grenzen zu überschreiten. «Die Meislbrüder verkörperten eine kosmopolitische Weltsicht, die den Fussball nicht durch eine nationale Brille betrachtete. Sie kamen wie Walter Bensemann aus einem assimilatorisch orientierten jüdischen Vorkriegsmilieu, dessen bürgerliche Karriereangebote ihnen nicht mehr ausreichten. Sie schufen sich im professionellen Sport eine Existenzmöglichkeit. Ihre Weltoffenheit machte einen Erkenntnisvorsprung aus.»

Ob auch die Fans von Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspur, die sich selbst als «Juden» identifizieren, damit Grenzen sprengen wollen? Jedenfalls hat diese offensive Reaktion selbstbewusster nicht jüdischer Fans auf antisemitische Schmähungen, die den beiden Vereinen von manchen Gegnern zuteil wurden (und der Ausruf «Jude» ist in so manchen Fussballstadien lange Zeit der Inbegriff der wirksamsten Schmähung gegnerischer Mannschaften gewesen), eine ironische Farbe in das Schlachtengetümmel auf den Tribünen gebracht. Ajax-Fans schwingen israelische Fahnen und viele Fans von Tottenham tragen T-Shirts mit der Aufschrift «Yid». Dass man mit Fussball Gräben und Mauern überwinden kann, das haben die Israeli vor ein paar Jahren freilich auch einmal ganz anders erleben dürfen. Während palästinensische und israelische Dissidenten über einen möglichen Frieden nachdachten, hatte die israelische Armee nichts Besseres zu tun, als den «Sicherheitszaun», genauer: eine acht Meter hohe Mauer, präzise über den Fussballplatz der Al-Quds-Universität an der Grenze von Ostjerusalem, zu planen. Die Studenten, so schildert Sari Nusseibeh die absurde Szenerie, begannen mit einem Trainingsspiel mit offenem Ausgang und sie spielten so lange, bis der Verlauf der Mauer unter internationalem Druck verändert wurde. Manchmal überschreitet der Fussball auch heute noch die Grenze zwischen Spiel und Ernst, vor allem dann, wenn man das gar nicht erwartet. Der Ball ist rund. Aber manche Spiele dauern länger als 90 Minuten.