Juden Europas vs. Israel
Neben den selbstbewussten amerikanischen Juden und der Nation Israel wird das europäische Judentum seit der Schoa kaum mehr als eigenständige Grösse wahrgenommen. Wenngleich es mit die Wiege jüdischen Denkens darstellt, viele Zentren im Osten und Westen Europas (Spanien, Deutschland, Polen, Russland) über Jahrhunderte das Judentum wesentlich geprägt hatten, grosse Gelehrte und bedeutende Talmudschulen hier wirkten, wird das europäische Judentum nicht zuletzt auch seit der Gründung des Staates Israel kaum mehr wahrgenommen. Obwohl heute wieder weit über eine Million Juden in Europa leben (ohne die GUS), wurde es bisher neben Israel und den USA als dritte Säule einfach nicht wahrgenommen. Dies soll nun anders werden. Die erste Versammlung des European Council of Jewish Communities (EJCJ) vom vergangenen Wochenende in Nizza soll dem entgegenwirken (vgl. Seite 1). Es ist das formulierte Ziel, die Schaffung einer neuen europäischen jüdischen Identität und Eigenständigkeit zu etablieren. Die Meldungen über Assimilation und die demographische Entwicklung der jüdischen Bevölkerung verdecken, dass hier ein pulsierendes pluralistisches Gemeindeleben und ein Wiedererwachen jüdischer Bildung - neue Rabbinerseminare, jüdische Fakultäten an Universitäten, neue jüdische Schulen - stattfindet.
Die neue Orientierung und das erstarkte Selbstbewusstsein stösst allerdings gerade in Israel auf wenig Gegenliebe. Israel spricht der Diaspora seit der Staatsgründung die Legitimität de facto ab und tritt Entwicklungen wie dieser von Nizza mit Arroganz entgegen. Der israelische Botschafter in Frankreich, Elijahu Ben Elissar, wusste nicht anders darauf zu reagieren, als die Juden Europas aufzurufen, nach Israel auszuwandern. Nizza hat aber gezeigt, dass die Israelis gut daran täten, ihren europäisch-jüdischen Blickwinkel zu erweitern und neu einzustellen.