Juden auf der Seidenstrasse

July 12, 2010
Jüdische Händler waren seit dem babylonischen Exil im Fernhandel zwischen dem Mittelmeerraum und China tätig. Sie haben das Reich der Mitte sowohl über Land als auch auf dem Seeweg erreicht. Ungewiss bleibt allein, wann sie erstmals nach China gekommen sind. Ihr enger Kontakt vor allem mit der iranischen Kultur hinterliess bei den Juden bleibende Spuren.
NETZWERK SEIDENSTRASSE Die Landrouten und Seewege der Seidenstrasse verbanden den Mittelmeerraum mit weiten Teilen Asiens

Von Richard Foltz

Die von König David im 10. Jahrhundert v.d.Z. etablierte israelitische Monarchie wurde von Mächten in ihrem Osten zerstört. Dies vollzog sich in zwei Etappen zwischen dem 8. und 6. Jahrhundert v.d.Z. Im Jahr 722 zertrümmerten die Assyrer das nördliche Königreich Israel und deportierten dessen Bewohner in andere Teile ihres Reiches. Im 2. Buch Könige (18:11) heisst es, zehn Stämme von Israel seien ins Exil nach «Halah und Habor am Fluss Gozan und in die Städte der Meder» geführt worden. Da die erstgenannten Orte in Khorasan liegen, haben Historiker vermutet, dass die israelitische Präsenz in Zentralasien auf diese Zeit zurückgeht. Diese frühen Exilanten sollen sich zudem im Fernhandel betätigt haben. Obwohl diese Hypothese attraktiv erscheint, mangelt es ihr an handfesten Beweisen. Mit diplomatischem Geschick überstand das südliche Königreich von Israel weitere 150 Jahre. Doch im Jahr 587 v.d.Z. setzte die neue Grossmacht Babylon der Unabhängigkeit Judäas ein Ende und zerstörte Jerusalem und den dortigen Tempel, der seit König Solomon das Zentrum der von Priestern dominierten Religion der Israeliten gewesen war. Wie die Assyrer deportierten auch die Babylonier überlebende Judäer in die Sklaverei, aber nun nach Mesopotamien.

Im Jahr 559 v.d.Z., keine drei Dekaden später, eroberte eine persische Armee unter Kyros Babylon und befreite die dort versklavten Völker einschliesslich der Judäer. Obwohl ihnen die Heimkehr nun offen stand, zogen es viele von ihnen vor, als freie Bürger des Perserreiches in Babylon zu verbleiben. Weitere Judäer liessen sich andernorts im Perserreich nieder. Viele zogen weiter östlich in den heutigen Iran und bildeten dort den Keim der jüdischen Kommunen, die bis zum heutigen Tage überlebt haben. Dies gilt besonders für die Städte Hamadan (das antike Ekbatana) und Isfahan.

Babylonische Juden im Perserreich

Da Kyros seinen Machtbereich auch nach Osten in Regionen Zentralasiens wie Baktrien und Sogdiana ausgedehnt hat, ist es wahrscheinlich, dass babylonische Juden auch in diese Provinzen des Perserreichs gezogen sind. Das Buch Esther hält an verschiedenen Stellen fest, Juden würden «in allen Provinzen leben». Vor allem die jüdischen Gemeinden in Buchara und Samarkand führen ihre Geschichte bis auf die Assyrerzeit zurück und betrachten sich als Nachfahren der zehn Stämme. Obwohl Saadia Gaon von Fayyum diese Ansicht im zehnten Jahrhundert bestätigt hat, fehlen uns harte Beweise für eine jüdische Präsenz in Zentralasien vor der achämenidischen Periode, die das Buch Esther beschreibt.

In jüngster Zeit wurden Versuche unternommen, die legendäre Seidenstrassen-Stadt Samarkand im Osten des heutigen Usbekistan als Gründung jüdischer Flüchtlinge zu deuten. Aber die dazu angeführten Belege sind fast durchweg unglaubwürdig, da sie allein sprachwissenschaftlich keiner ernsthaften Prüfung standhalten. Zudem bestehen keine Zweifel, dass Samarkand zur Zeit Alexanders des Grossen bereits seit langer Zeit eine bedeutende Stadt gewesen war; der römische Historiker Arrian hat sie als Maracanda erwähnt. Daher muss auch die muslimische Legende, wonach zwei Sklaven Alexanders namens Samar und Qamar die alte Handelsmetropole gegründet haben, als schiere Fiktion betrachtet werden.

Dessen ungeachtet ist es wahrscheinlich, dass viele der nach dem Exil im Perserreich verbliebenen Juden sich dem Handel zugewandt haben. Es würde späteren Verhaltensmustern entsprechen, dass sie mit Verwandten und anderen Judäern ein Netzwerk von Handelsbeziehungen innerhalb des persischen Machtbereiches, aber auch darüber hinaus, aufgebaut haben. Auf diese Weise konnten auch kulturelle Einflüsse rasch zwischen den durch den Handel miteinander verbundenen jüdischen Gemeinden weitergereicht werden. Tatsächlich lässt sich in dieser Periode feststellen, dass sich persische Einflüsse in der religiösen Tradition der Judäer bemerkbar machen, ehe diese sich vollends zum Judentum entwickelt hat.

Jüdische Religion entlang der antiken Seidenstrasse

Der transasiatische Handel datiert mindestens bis auf die Römerzeit und die Han-Dynastie in China vor 2200 Jahren zurück, dürfte aber mit grosser Wahrscheinlichkeit noch viel älter sein. Es gibt gute Gründe für die Vermutung, dass jüdische Händler in der Antike entlang der sogenannten Seidenstrasse zwischen dem Fernen Osten und dem Mittelmeer aktiv waren. Dafür sprechen Keramikscherben mit hebräischen Namen aus dem ersten bis dritten Jahrhundert v.d.Z., die in Merv im heutigen Turkmenistan gefunden worden sind. Da Juden zu dieser Zeit überall in der gewaltigen, von der Levante bis nach Zentralasien reichenden Landmasse angesiedelt waren, fanden sie sich in einer idealen Lage für den Handel zwischen Rom und den Parthern, die damals die Nachfolger Alexanders auf dem Gebiet des alten Perserreiches verdrängt hatten. Zweifellos haben diese jüdischen Händler ihre religiösen Überzeugungen auf ihren Reisen mit sich geführt und diese dadurch auch entlang der Handelswege bekannt gemacht. Wir können daher  behaupten, dass sich die religiösen Ideen der Israeliten in jener Zeit zumindest in dem Sinn nach Osten hin verbreitet haben, dass Träger dieser Überzeugungen physisch etwa in Zentralasien anwesend waren. Damit ist noch lange nicht gesagt, dass die jüdische Religion dort dauerhaft Wurzeln geschlagen und Anhänger gefunden hat. Die grossen missionarischen Religionen hatten in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende noch nicht die Bühne der Weltgeschichte betreten.

Subtiler Gedankenaustausch

In den traditionellen Gesellschaften dieser Epoche waren Religionen und Völker in der Regel mit bestimmten Regionen verknüpft. Religion stellte daher nur einen Aspekt lokaler Kulturen dar. In den Augen eines Iraners, Zentralasiaten oder Chinesen war die von einem jüdischen Händler praktizierte Religion schlicht Teil einer fremden Kultur. Diese komplett zu übernehmen lag ausserhalb der Vorstellungswelt antiker Völker. Allerdings haben die persönlichen Kontakte zwischen Iranern, Türken, Chinesen und anderen Asiaten mit den Händlern aus dem Westen einen subtileren Gedankenaustausch ausgelöst, der auf beiden Seiten zu Veränderungen geführt hat. Es können keinerlei Zweifel daran bestehen, dass sich die religiösen Ideen der Iraner und Israeliten seit der Zeit des babylonischen Exils gegenseitig befruchtet haben. Dabei existieren mehr Belege für einen iranischen Einfluss auf jüdische Überzeugungen, als umgekehrt. So scheint das Judentum (und danach das Christentum und der Islam) die Idee eines messianischen Retters, einer körperlichen Wiederauferstehung und eines letzten Gerichtes von den Persern übernommen zu haben. Auch das Konzept eines himmlischen Paradieses (altpersisch: paira daeza) und einer Hölle als Bestrafung für Übeltäter sind aus der antiken iranischen Religion bekannt, fehlen jedoch in israelitischen Quellen vor dem Exil. Im Lauf der Zeit verwandelte sich die böse Figur Angra Mainyu oder Ahriman in den jüdischen, christlichen und muslimischen Teufel, der im Judentum zuerst im Buch Hiob als «ha-satan» auftaucht, «der Ankläger».

Wie andere indoeuropäische Völker haben die Iraner geglaubt, die Welt werde in einem grossen apokalyptischen Ereignis enden. Die Skandinavier nannten diese Katastrophe «Ragnarök», die Iraner «Frasho-Kereti». In der iranischen Tradition geht mit diesem Ereignis die Rückkehr eines Erlösers einher, dem «Saoshyant». Es ist sicherlich kein Zufall, dass die apokalyptischen Texte der jüdischen Tradition etwa in den Büchern von Ezekiel und Daniel während der Zeit der babylonischen Gefangenschaft und danach entstanden sind. Und schliesslich ist es auch wahrscheinlich, dass das jüdische Purim-Fest auf das alte iranische Frühjahrs-Ritual Fravardigan zurückgeht, das wie Purim am 14. Tag des Monats Azar begangen wurde und den Austausch von Geschenken vorsieht.

Entwicklung jüdischer Handelsnetzwerke

Nach der klassischen Periode sind jüdische Händler an der Seidenstrasse auch in der Zeit der islamischen Eroberungen vom siebten Jahrhundert an verbürgt. Diese wurden Radaniten genannt und genossen einen privilegierten Status, der ihnen die freie Bewegung zwischen den Welten des Christentums und des Islam erlaubt hat. Da die muslimischen Quellen bereits von einem hoch entwickelten Netzwerk berichten, muss der Ursprung dieser Radaniten jedoch etliche Jahrhunderte weiter zurückreichen. Lateinischen Quellen zufolge wurde der Handel im Mittelmeerraum in der spätrömischen Epoche von Juden im Westen und Syrern im byzantinischen Osten dominiert.

Die ursprüngliche Basis der Radaniten lag somit im römischen Gallien mit Zentren in Arles und Marseille. Sie waren unter anderem auf den Sklavenhandel spezialisiert und betrieben eine grosse Niederlassung in Verdun, die zur «Umwandlung» junger Sklaven in Eunuchen diente. Ihre Rolle im Sklavenhandel brachte die Radaniten auch in Kontakt mit dem Turkvolk der Khazaren im Norden des Kaukasus, einem bedeutenden Umschlagplatz für gefangene Slawen (vom Lateinischen «Sclavus», Aramäisch «saqaliba»). Die Khazaren kontrollierten einen bedeutenden, nördlichen Zweig der Seidenstrasse und befanden sich daher in einer idealen Position als Vermittler zwischen Ost und West. Sie genossen eine symbiotische Beziehung mit den in ihrem Süden und Osten entlang der Seidenstrasse ansässigen iranischen Völkern. Diese fand im türkischen Sprichwort «Tatsiz Türk bolmas; bashsiz börk bolmas» Ausdruck: «Ein iranischer Kaufmann kommt so wenig ohne einen türkischen Partner aus, wie ein Kopf ohne Kappe.» In Anerkennung der kommerziellen Vorteile, welche die Radaniten aus dem neutralen Status ihrer Religion zwischen Christentum und Islam zogen, übernahm die khazarische Elite im Lauf der Zeit das Judentum. Allerdings blieben der Khagan, ihr oberster Herrscher und die Masse der khazarischen Bevölkerung ihrer alten, schama-
nistischen Religion treu. Der persische Geograf Ibn Khurdadbih hat die
Radaniten folgendermassen beschrieben: «Diese Händler sprechen Arabisch, persisch, römisch (griechisch), die Sprachen der Franken, Andalusier und Slawen. Sie reisen von West nach Ost, teils über Land, teils auf See. Vom Westen transportieren sie Eunuchen, männliche und weibliche Sklaven, Seide, Kastor, Nerz und andere Felle sowie Schwerter.»

Ibn Khurdadbih beschreibt vier verschiedene Handelswege der Radaniten. Der erste führte von Gallien über das Mittelmeer und dann über Land zum Roten Meer und weiter über den Indischen Ozean nach Fernost. Der zweite ging über Mesopotamien und der dritte erreichte Ostasien über Nordafrika. Die vierte von Ibn Khurdadbih erwähnte Route verlief nördlich über das Herrschaftsgebiet der Khazaren, wo sie auf die Seidenstrasse traf: «Mitunter wählen sie den Weg hinter Rom und erreichen über das Land der Slawen Khamlif (Etil), die Hauptstadt der Khazaren. Sie schiffen sich auf dem Meer von Jorjan (das Kaspische Meer) ein, erreichen Balkh (das heutige Mazar-i-Sharif im Nordosten Afghanistans), überqueren von dort aus den Oxus und reisen weiter zu den Jurten der Toghozghoren (das Turkvolk der Tüqqüz Oghuz) und von dort aus nach China.»

Es liegt auf der Hand, dass die Erhebung des Judentums zu einem offiziellen Status im Khazarenreich diese nördliche Route für die Radaniten attraktiver gemacht hat. Ibn Khurdadbihs Bericht macht auf jeden Fall deutlich, dass Juden damals entlang sämtlicher bedeutender Handelswege dieser Epoche tätig waren. Daraus können wir auf die Existenz von Diaspora-Gemeinden überall entlang dieser Routen schliessen. Die weite Ausdehnung dieser Gemeinden und die rege Kommunikation zwischen ihnen wird durch die im achten Jahrhundert einsetzende, gaonische «Responsa»-Literatur (eine Form rabbinischer Instruktionen für die Laien der jüdischen Diaspora) belegt.

Das Judentum im Fernen Osten

Eine einzelne, in Stein geschlagene Inschrift an der Synagoge von Kaifeng am Unterlauf des Gelben Flusses gibt einen vielversprechenden Hinweis auf die früheste jüdische Präsenz in Fernost. Die Inschrift lautet: «Die Religion begann in T’ien-chu (wörtlich übersetzt «Indien», aber vermutlich ist damit der Westen generell gemeint) und wurde zuerst während der Chou-Dynastie (zirka 1000–221 v.d.Z.) nach China gebracht. Eine tz’u (Ahnenhalle) wurde zuerst in Ta-liang (Kaifeng) gebaut. Während der Han, T´ang, Sung, Ming (Dynastien) und bis zum heutigen Tag hat die Religion viele Widrigkeiten erfahren.»

Wenn wir dieser Inschrift glauben, wurde die jüdische Gemeinde Chinas, die erst im 20. Jahrhundert unterging, von Händlern aus dem Westen gegründet, die entweder über die Seidenstrasse auf dem Landweg, oder über See, auf jeden Fall aber vor dem Ende des dritten Jahrhunderts v.d.Z. im Reich der Mitte eintrafen. Einigen Spekulationen zufolge geht dieser Prozess sogar auf die Zeit von König David zurück. Aber solide Belege für eine derart frühe Existenz jüdischer Händler in Fernost konnten bislang nicht identifiziert werden. Zudem wird die Inschrift von Kaifeng durch keine anderen Fundstücke untermauert. Diese könnte daher lediglich den stolzen Anspruch der dortigen Gemeinde dokumentieren, die älteste in China zu sein. Eine ältere Inschrift aus dem Jahr 1512 und eine etwas jüngere von 1679 datieren das Eintreffen der ersten Juden in China auf die Han-Dynastie (202 v.d.Z. bis 220 n.d.Z.). Jüdisch-chinesische Gewährsleute erzählten einem jesuitischen Missionar im frühen 18. Jahrhundert, ihre Vorfahren seien zuerst aus Persien während der Herrschaft von Kaiser Ming-Ti (58–75 n.d.Z.) nach China gekommen. Manche Forscher sind der Auffassung, dass die Gemeinde von Kaifeng frühestens im neunten Jahrhundert n.d.Z. über See eingetroffen ist, während andere jüdische Gemeinden deutlich früher auf dem Landweg nach China gekommen sind.

Jenseits dieser Debatten belegen zahlreiche Dokumente, dass Juden entlang der verschiedenen Landrouten nach China aktiv gewesen sind. Dazu gehören an der Seidenstrasse im östlichen Turkestan (dem heutigen Xinjiang) gefundene Geschäftsbriefe aus dem achten Jahrhundert. Diese wurden in einem jüdisch-persischen Dialekt mit hebräischen Schriftzeichen auf Papier geschrieben, das damals nur in China produziert wurde. Damit steht fest, dass jüdische Händler China sowohl über Land als auch auf dem Seeweg erreicht haben. Ungewissheit besteht jedoch weiterhin über die Frage, wann sie erstmals in das Reich der Mitte gekommen sind.

Das Überleben jüdischer Gemeinden in Zentralasien

Im 12. Jahrhundert reiste ein spanischer Jude namens Benjamin von Tudela nach Zentralasien und beschrieb die dort lebende, blühende jüdische Gemeinschaft. Doch danach setzte der allmähliche Niedergang des Fernhandels auf dem Netzwerk der Seidenstrasse ein. Nachdem das Schiitentum 1501 zur Staatsreligion im Iran geworden war, verloren die im sunnitischen Zentralasien lebenden Juden allmählich den Kontakt zu ihren Glaubensbrüdern im Westen. Damit ging der für die Gemeinschaften entlang der Seidenstrasse charakteristische religiöse Pluralismus zu Ende. Iraner und Turkvölker hatten durchweg den Islam angenommen und Christen, Zoroastrismus und andere Religionen verschwanden aus Zentralasien. Nur das Judentum hat den nahezu vollständigen Prozess der Islamisierung in dieser Region bis in das 20. Jahrhundert hinein überlebt.

Von den etwa 50 000 Juden, die am Ende der Sowjetherrschaft noch in Zentralasien lebten, sind heute nur noch einige Hundert vor allem in Buchara verblieben. Die Mehrzahl von ihnen ist nach Israel, Kanada, vor allem aber in die USA ausgewandert. So ist die Erinnerung an die grosse Zeit des Fernhandels an der Seidenstrasse heute etwa im New Yorker Stadtteil Queens präsent, wo Zehntausende bucharischer Juden eine neue Blütezeit erleben.         

Richard Foltz lehrt Religionsgeschichte an der Concordia University in Montreal, Kanada. Unlängst erschien sein Buch «Religions of the Silk Road: Premodern Patterns of Globalization» in einer Neuauflage bei Palgrave.