Jerusalem in den Wäldern

Von Andreas Mink, February 26, 2009
Tuvia Bielski und seine Brüder haben während des Zweiten Weltkriegs in den Wäldern von Weissrussland die grösste Gruppe jüdischer Partisanen aufgebaut. Nun erzählt der Hollywood-Film «Defiance» die unglaubliche Geschichte ihres Überlebens. tachles hat die Historikerin Nechama Tec besucht, die das dem Film zugrunde liegende Buch geschrieben hat.
Nechama Tec (oben) Und Daniel Craig , (unten, r.) Lieber einen Juden retten, als 20 Deutsche töten

Ein Schneesturm fegt durch die Wälder Weissrusslands. Unbeirrt nimmt Daniel Craig hinter einer Kiefer Deckung. Er trägt eine Lederjacke. Seine klammen Hände halten eine Maschinenpistole Erma MP40 aus Beständen von Hitlers Wehrmacht. Doch James Bond hat keine Zeitreise an die Ostfront unternommen: In «Defiance», dem neuen Film von Edward Zwick, spielt Craig den 1906 geborenen Tuvia Bielski, der gemeinsam mit seinen jüngeren Brüdern Zus, Asael und Aron die grösste jüdische Partisanengruppe des Zweiten Weltkriegs aufbaute. Bis in die neunziger Jahre nur unter Fachleuten bekannt und von Holocaust-Überlebenden als Heilige verehrt, retteten die Bielskis in der Grenzregion zwischen Polen und Weissrussland etwa 1200 Juden. Zwick stützt sich auf das gleichnamige Buch der Soziologin Nechama Tec aus dem Jahr 1993, das erstmals nicht nur die Geschichte der Bielskis erzählt, sondern auch ihr politisches und gesellschaftliches Umfeld analysiert.
tachles hat Tec in ihrem Haus in Connecticut besucht. Wir konnten den Hintergrund der Bielskis diskutieren und erfahren, wie die emeritierte Professorin der University of Connecticut auf das Thema gestossen ist. Es war Tec wichtig hervorzuheben, wie brisant diese Geschichte von «Trotz» und «tollkühnem Widerstand» – so die Übersetzung von «Defiance» – bis heute geblieben ist: In Polen tobt eine Debatte über jüdische Partisanen im Allgemeinen und speziell die Bielskis, in der verwundeter Nationalstolz und antisemitische Obsessionen ineinanderfliessen. Deutlich wird im Gespräch, dass Tec das Kunststück gelungen ist, aus ihrer eigenen Biografie die Energie für ihre Arbeit zu ziehen, ohne bei aller Sympathie etwa für die Bielskis wissenschaftliche Standards aufzugeben. Auch der Film bleibt der Geschichte im Wesentlichen treu. Allerdings komprimiert Zwick die Geschichte der Partisanen auf dramatische Höhepunkte und erlaubt sich einige Erfindungen. Tec erklärt beispielsweise, es habe kein «Gebärverbot» für die Frauen der Gruppe gegeben. Aber sie nennt den Film «reich an Nuancen» und hat «Defiance» mehrfach im Anschluss an Vorführungen diskutiert. Das neu herausgegebene Buch ist zur Freude der Autorin jüngst in die Bestsellerliste der «New York Times» aufgestiegen.

Die Geschichte ihrer Kindheit

Nachama Tec ist von kleiner Statur und wirkt auf den ersten Blick zierlich. Aber mit ihrem kurzen, schneeweisen Haar strahlt sie neben Disziplin und Willensstärke auch physische Energie aus. Hinter ihrem dunkelbraunen Schindelhaus, auf dem blaue Fensterläden einen für Neuengland ungewöhnlichen Akzent setzen, ist ein kleiner Tennisplatz zu sehen, den sie rege nutzt. Tec wurde 1931 im polnischen Lublin geboren. Sie hat den Krieg mit ihrer Schwester und ihren Eltern in Kielce, Warschau und anderen Orten überlebt, indem sie sich als katholische Polin ausgab: «Ich sah mit meinen blonden Haaren und blauen Augen ‹arisch› aus und habe ohne jiddischen Akzent polnisch gesprochen.» Sie erinnert sich, wie ihre Klassenkameraden 1943, «als die Juden schon lange weg waren», ständig über die Übeltaten der Juden gesprochen hätten, «dass sie das Blut von Neugeborenen in Matze backen und die Welt beherrschen wollen». Ihr Vater habe ihr damals erklärt, sie solle die anderen Kinder wegen ihrer Unwissenheit bedauern: «Er wusste, dass Hass die Seele zerstört.» Als Mädchen konnte sie diese Haltung nur schwer akzeptieren.
Der auch in den Nachkriegsjahren evidente polnische Antisemitismus bewegte die Familie zur Flucht in die amerikanische Zone von Berlin. Nechama heiratete dort den Ingenieur Leon Tec und kam 1952 nach New York. Nach einem Soziologie-Studium an der renommierten Columbia University wurde Tec Professorin. Doch es sollte bis in die frühen achtziger Jahre dauern, ehe sich ihre Erinnerungen regten und sie mit «Dry Tears» die Geschichte ihrer Kindheit aufschrieb. Die Arbeit führte zur weiteren Beschäftigung mit christlichen Rettern, denen auch Tecs Familie ihr Überleben zu verdanken hatte. Daraus wurde ein zweites Buch: «When Light Pierced the Darkness: Christian Rescue of Jews in Nazi-Occupied Poland». Tec erklärt ihre Methode: «Als Wissenschaftlerin achte ich bei der Auswertung von Daten auf Fakten, die nicht in das Bild passen – das Aussergewöhnliche macht Probleme verständlich.»
So stiess sie bei ihren Recherchen auf den erstaunlichen Fall von Oswald Rufeisen, der Gegenstand ihres nächsten Buches «In The Lion’s Den» wurde. Aus dem Text spricht Tecs tiefes Einfühlungsvermögen und ihre Freundschaft zu Rufeisen, der sich als junger Mann in Weissrussland als deutsch-polnisches Waisenkind ausgab und das Vertrauen des deutschen Polizeikommandanten in Mir gewinnen konnte. Als Sekretär und Übersetzer der Deutschen und ihrer weissrussischen Kollaborateure gelang es Rufeisen unter anderem, etwa 300 Bewohnern des Ghettos in Mir zur Flucht zu verhelfen, ehe die Zurückgebliebenen im August 1942 ermordet wurden. Rufeisen stiess später zu russischen Partisanen, besuchte aber auch das Lager der «Bielski otriad» (otriad = Militäreinheit) im Wald von Naliboki, an dem zahlreiche Überlebende aus Mir Zuflucht finden konnten. Im Zug ihrer Recherchen zu «In The Lion’s Den» telefonierte Tec mit Tuvia Bielski, der damals in Brooklyn lebte: «Er hat mich gefragt, was an Rufeisen so interessant wäre – er habe eine grössere Zahl von Juden gerettet.» Kurz vor Bielskis Tod im Frühjahr 1987 konnte Tec dann ein ausführliches Interview mit ihm führen.
Die Autorin widerspricht der Aussage von Zwick, die Bielskis seien «wild in den Wäldern» aufgewachsen und daher fähig gewesen, Widerstand zu organisieren. Tuvia Bielski hatte in der polnischen Armee gedient und kannte sich in den Wäldern aus, aber er war weder ein James Bond noch ein Lederstrumpf. Tec betrachtet ihn nach Max Weber als eine der «charismatischen Führungspersönlichkeiten», die an die Stelle traditioneller Eliten treten, wenn Gesellschaften im Chaos versinken: «Wenn die Normalität zurückkehrt, müssen auch Figuren wie Bielski meist wieder abtreten. Er wurde nach dem Krieg Taxifahrer in Israel und später ein kleiner Spediteur in Brooklyn.»

Hölle auf Erden

Die Umstände, in denen sich die Bielskis nach Kriegsbeginn 1939 befanden, lassen sich mit «Chaos» nicht ausreichend beschreiben: Ihr Heimatdorf Stankiewicze befand sich im Osten Polens, der im September 1939 von der Sowjetunion besetzt wurde. Aus dem Westen drängten nicht zuletzt jüdische Flüchtlinge in Stalins Machtbereich, während die neuen Herren brutal gegen die lokalen Eliten vorgingen. Der nach 1918 wiedererstandene polnische Staat hatte polnische Siedler in die Region zwischen Wilna und Minsk gelockt, um die weissrussische Bevölkerungsmehrheit dort zu marginalisieren. In der Region lebten überdies Ukrainer und Litauer. Juden machten etwa zehn Prozent in dieser heterogenen und dynamischem Wandel unterworfenen Population aus. Tec erklärt in ihrem Buch, dass es auch unter den Juden starke Klassenunterschiede zwischen städtischen Eliten und Handwerker- oder Bauerfamilien gab. Die Bielskis gehörten Letzteren an, gerade Tuvia zeigte aber bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 mit einigem Erfolg unternehmerische Ambitionen.
Der deutsche Einmarsch warf die komplexe Gesellschaft zwischen Baltikum und Minsk in eine Hölle auf Erden. Nun brach ein infernalischer Kampf um das schiere Überleben aus, während die Juden Ziel radikaler und immer wirksamerer Vernichtungsmassnahmen wurden. Wer die Massaker der SD-Einsatzgruppen und ihrer einheimischen «Helfer» überlebt hatte, wurde in Ghettos und Arbeitslagern zusammengepfercht. Diese wurden vom Frühjahr 1942 an «liquidiert». Auch die Bielskis verloren rasch ihre Eltern und zahlreiche Verwandte. Im Gegensatz zur Filmversion formierten die Brüder jedoch nicht schon im Herbst 1941 eine Widerstandsgruppe. Zunächst getrennt voneinander und ständig unterwegs von Unterschlupf zu Unterschlupf bei christlichen Freunden, begannen die Bielskis erst im März 1942 mit der Bildung einer Partisanenorganisation. Von Tuvia Bielski anfänglich nach dem sowjetischen General genannt, konzentrierte sich die «Zhukov otriad» von Anfang an jedoch nicht auf den Kampf gegen die Deutschen, sondern auf die Rettung jüdischer Menschen. Tec zufolge war sein Motto: «Ich rette lieber einen Juden, als 20 Deutsche zu töten.»
Tuvia und seinen Brüdern gelang es zwischen Frühjahr 1942 und Herbst 1943, Hunderte von Juden um sich zu sammeln, die aus den Ghettos geflohen oder bei Christen untergekommen waren. In eben diesen Monaten verfestigten die Deutschen ihre Kontrolle über die Region und systematisierten die Einziehung von Lebensmitteln ebenso wie die Emordung der Juden. Tec erklärt: «Die Lage wurde immer katastrophaler. Aber nachdem Tuvia mit seinen Brüdern und einigen Freunden die Keimzelle der ‹otriad› bilden konnte, gewann er an Selbstvertrauen und wurde immer ehrgeiziger.» Fixiert auf die Rettung von Kindern, Frauen und Alten, legte Bielski eine erstaunliche Mischung aus Entscheidungskraft, Pragmatismus und Menschenverstand an den Tag. Ihm gelang der Balanceakt, die eigene Gruppe zusammenzuhalten, während er die immer schlagkräftigeren russischen Partisanen davon überzeugen konnte, dass seine Einheit kein Konkurrent im Kampf um magere Ressourcen war, sondern ein nützlicher Verbündeter. Laut Tec zögerte Bielski nicht, Spione und Verräter zu töten. Auch die Disziplin in seinem Verband wahrte er notfalls mit der Pistole.

Verdrehte Tatsachen

Die Bielski-Gruppe war in diesen Monaten ständig unterwegs, wobei ihr die weitläufigen Wälder der Region Zuflucht boten. Fest im Naliboki-Wald konnte sich die Bielski-Einheit jedoch erst Mitte August 1943 etablieren, nachdem Wehrmacht und SS mit dem «Unternehmen Herrmann» den letzten gross angelegten Versuch unternommen hatten, die verschiedenen Partisanengruppen in ihrem urwaldartigen, von Sümpfen durchzogenen Rückzugsgebiet zu vernichten. Nun entstand das «Jerusalem in den Wäldern», das letzte Stetl der osteuropäischen Juden aus Erdbunkern, die als Werkstätten, Schlachterei, Mühle, Spital, Gefängnis und Synagoge dienten. Die Bielski-Einheit wurde zum Dienstleister der aus Moskau gesteuerten russischen Partisanen unter «General Platon» und stellte ihm zudem Kämpfer zur Verfügung. Daneben unterhielt die Gruppe einen eigenen Nachrichtendienst, eine von Tuvia Bielski kommandierte Stabsabteilung, vor allem aber Kommandos zur Requirierung von Nahrungsmitteln.  
Die heute etwa von der polnischen Zeitung «Gazeta Wyborcza» erhobenen Vorwürfe gegen die Bielskis berufen sich auf die für das Überleben der Gruppe unabdingbaren Beutezüge und ihre Zusammenarbeit mit den Russen. Die Sowjets begannen schon 1943 damit, polnische Partisanen zu ermorden, um Stalins Herrschaft nach dem Krieg vorzubereiten.
Jüdische Kämpfer haben diese Untaten zumindest miterlebt. Es steht jedoch fest, dass Bielski-Partisanen nicht an dem berüchtigten Massaker der Russen an den Bewohnern des Städtchens Naboliki im Mai 1943 beteiligt waren. Doch dies wird heute von polnischen Nationalisten immer wieder vorgebracht.
Für die Verpflegung habe Bielski ein ausgeklügeltes System entwickelt, erzählt Tec: «Tuvia wusste, welche Bauern Getreide und Kartoffeln entbehren konnten. Anderen stellte er Zettel für die Deutschen aus und bescheinigte ihnen, dass sie beraubt worden seien. Dabei teilten sich die Bauern und die Partisanen die Nahrungsmittel.» Zudem entsandte Bielski seine Provianteinheiten etliche Tagesmärsche weit in das Umland, um die Belastung für die Landleute zu streuen. Dennoch lässt Tec keinen Zweifel daran, dass die Bauern in eine furchtbare Zwangslage zwischen den Partisanen und den Deutschen gerieten, die ab 1943 auch wahre Sklavenjagden nach Zwangsarbeitern abhielten. Gleichwohl grenzt es angesichts der geringen Zahl jüdischer Partisanen in Osteuropa an Wahnsinn, diesen die Leiden polnischer und weissrussischer Zivilisten vor die Füsse zu legen. 1943 bis 1944 war die Gesamtzahl von Partisanen unter sowjetischer Führung auf mindestens 300 000 angestiegen.
Tec ist empört über die Vorwürfe gegen die Bielskis. Sie stösst sich besonders daran, dass Autoren der «Gazeta Wyborcza» sich ohne Quellenangabe in ihrem Buch bedient, dessen Kernaussagen aber verdreht haben: «Die Zeitung hat sich dann bei mir entschuldigt. Aber was soll das? Die sind ja keine kleinen Jungs. Wer so mit den Tatsachen umgeht, treibt ein böses Spiel.»