Jenseits von Gut und Böse
Es war der dramatische Höhepunkt einer wochenlangen Geheimjagd der deutschen Sicherheitsbehörden, und es war eine Undercover-Operation wie aus dem Kalten Krieg: Ermittler haben, erstmals seit der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland, ein mutmassliches russisches Agentenpaar enttarnt und festgenommen, das seit gut 20 Jahren als Spion Moskaus in Deutschland lebte. Diese Meldung, die vergangene Woche über die Nachrichtenticker ging und für Diskussionsbedarf in den deutsch-russischen Beziehungen sorgte, könnte der Plot für einen neuen Roman sein. Für einen Roman von John le Carré. Der Brite ist neben Ian Fleming, dem Erfinder von «James Bond», der weltweit bekannteste und erfolgreichste Autor von Spionageromanen. Seit 50 Jahren liefert le Carré Bestseller, die die Geschichte Europas nacherzählen, die Geschichte Europas, wie sie war, hätte sein können und vielleicht immer noch ist. Mit dem Erzählen einer Geschichte, die grossenteils seine eigene ist, begann die Karriere des Autors: Ein britischer Spion wartet am Grenzübergang in Berlin auf seinen Informanten. Doch dieser stirbt beim Grenzübertritt im Kugelhagel. Einige Zeit danach geht der Brite selbst in die DDR, um seinen Gegenspieler bei der Stasi auszuschalten, und wird in einem überwältigend spannenden Finale schliesslich selbst an der Berliner Mauer erschossen. Diese Geschichte erzählt sein Buch «Der Spion, der aus der Kälte kam». Sie machte John le Carré über Nacht berühmt.
David John Moore Cornwell, so der richtige Name von John le Carré, wurde 1931 in einer kleinen Küstenstadt im englischen Dorset geboren. Sein Vater hatte als 14-Jähriger die Schule verlassen und sich fortan als Hochstapler und Betrüger durchs Leben geschlagen. Der Vater lebte in Saus und Braus, reiste durch die Welt, führte falsche Titel und seine vielen Geliebten hinters Licht, er gründete Hunderte von Firmen – und hatte in Wirklichkeit keinen Penny, sondern Schulden in Millionenhöhe und Verurteilungen zu Haftstrafen auf zwei Kontinenten. Seine beiden Söhne, David und dessen zwei Jahre älteren Bruder, bezog der Vater in seine Machenschaften ein, indem er ihnen einschärfte, über ihre wahren Familienangelegenheiten zu schweigen, ihnen dafür Tarngeschichten einhämmerte, sie zu Lügen anstiftete und für seine Missionen einspannte. Dies schreibt Jost Hindersmann in einem Porträt über den späteren Autor John le Carré. Die Mutter der Brüder brannte mit einem Geschäftspartner durch, als David fünf Jahre alt war. Sein Vater erzählte ihm, die Mutter sei tot, erst als 20-Jähriger erfuhr der Sohn die Wahrheit und sah die Mutter einmal kurz wieder. Diese von Bigotterie und Repression geprägte Kindheit barg für David Cornwell grösstes Unglück und Glück zugleich. Denn so verstörend und leidvoll sie für den Heranwachsenden auch war, sie lieferte dem späteren Schriftsteller den Stoff für seine Romane und eine Grundausbildung in Sachen Spionage, denn der Vater hatte seinen Söhnen auch das vorgelebt. Er öffnete deren Post, hörte Telefongespräche ab, durchsuchte Taschen – und die Jungs, die das für normal hielten, taten es ihm nach. In den britischen Eliteschulen, auf die der Vater ihn schickte, lernte David rasch, sich anzupassen. Er übernahm die Gesten und Haltungen seiner Mitschüler, wobei ihm nicht verborgen blieb, wie verbreitet antisemitische Ressentiments in der damaligen englischen Gesellschaft waren. Nachdem er die Schule verlassen hatte, zog er 1949 zu Verwandten in die Schweiz. Dort brach er mit seinem bisherigen Leben und seiner bisherigen Identität. Je stärker er dies tat – er weigerte sich Englisch zu sprechen und sich als Engländer zu erkennen zu geben –, desto mehr verliebte sich der 18-Jährige in die deutsche Kultur, insbesondere die Literatur. John le Carré hätte nicht besser auf seine künftige Tätigkeit vorbereitet sein können: die als Agent.
Identitätsfindung in Deutschland
Schon in der Schweiz hatte der Nachrichtendienst der britischen Armee den jungen Briten kontaktiert. Zum Wehrdienst eingezogen, schickte man ihn seiner guten Deutschkenntnisse wegen nach Österreich, wo er Flüchtlinge aus dem Ostblock verhören sollte – des späteren Autors erste Erfahrung mit dem Kalten Krieg. Doch SchwarzWeiss-Denken in schlichten Kategorien von Gut und Böse war unmöglich. Die Lagerinsassen «wussten meist selbst nicht, ob sie vor den Russen oder den Deutschen geflüchtet waren», so John le Carré später. Anschliessend setzte er bis 1956 in Oxford sein in der Schweiz begonnenes Germanistikstudium fort – und bespitzelte im Auftrag des Gemeindienstes seine Kommilitonen. Den Abschluss in der Tasche, ging er nach Eton, «um Deutsch zu unterrichten. Im Gegenzug erhielt ich Einblicke in die diskrete Kriminalität der britischen Oberklassen», erklärte John le Carré im Juni 2010 in einer Rede an die britische Jugend. Ab 1959 arbeitete er für das britische Aussenministerium Foreign Office in Bonn und Hamburg und weiterhin für den Geheimdienst. Ausgerechnet der Geheimdienst symbolisierte für ihn eine Institution, der er vertrauen konnte, deren Spielregeln er verstand. Ihm als einem unsicheren Menschen bot der Geheimdienst eine Art Heimat. Er fürchtete, die Schwächen seines Vaters geerbt zu haben, und sah sich als Agent ethisch, moralisch und patriotisch auf dem richtigen Weg.
«Als ich damals vor meiner englischen Kindheit Reissaus nahm, war es die deutsche Muse, die mir Zuflucht gewährt hat», sagte John le Carré Anfang Oktober als Redner auf einem Verlagsfest in Berlin. Doch warum die deutsche? «Weil im grössten Teil meiner Kindheit Deutschland der Schurke war.» Und ein Land, «das so durch und durch böse» war, schien ihm, dem das Verdrehen von Tatsachen so vertraut war, ebendarum einer näheren Prüfung Wert zu sein. Seine Lehrer an der Universität hätten ihm die Augen für ein anderes Deutschland geöffnet, ein feinsinniges. Und doch geriet auch dieses Bild wieder ins Wanken, als der Student einst von Bern aus das zerstörte Berlin besuchte und über die Wege des einstigen Konzentrationslagers Bergen-Belsen wanderte. Und was er sah, versuchte er mit den «kulturellen Abstraktionen in Einklang» zu bringen. Kurz darauf traf der Literaturverliebte den von ihm bewunderten Thomas Mann – wieder ein Eindruck, der alles konterkarierte. Dieses Muster lässt sich auch in seinen späteren Romanen finden: Eine Person durchläuft ein Wechselbad von Erfahrungen, nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint – und es ist spannend, was am Ende dabei herauskommt. In seinem eigenen Fall war es die Fähigkeit, fest geglaubte Überzeugungen und Wahrheiten immer neu zu durchbrechen. Ein Vorgehen, das er an und in Deutschland erlernte. «Nichts von alldem, was ich in meinem Leben geschrieben habe, ist frei von den deutschen Einflüssen», fasst John le Carré diese Zeit zusammen. Die Entwicklung des Briten ist sozusagen «Made in Germany».
Als Diplomat machte John le Carré die wohl eindrücklichste Erfahrung im August 1961. Er stand am Checkpoint Charlie und sah die Mauer, das steingewordene Symbol des Kalten Kriegs, aus den gerade beseitigten Trümmern des Zweiten Weltkriegs emporwachsen. Er eilte zurück nach Bonn – und brachte in nur fünf Wochen seinen Roman «Der Spion, der aus der Kälte kam» zu Papier. Der Welterfolg des Buches erlaubte seinem Schöpfer, sich ausschliesslich auf die Schriftstellerei zu konzentrieren. Für seine über 20 Weltbestseller, die grösstenteils auch verfilmt wurden, erhielt der Ex-Spion über die Jahrzehnte zahllose internationale Preise. Die Ereignisse der Weltgeschichte servieren ihm neue Stoffe wie auf dem Präsentierteller. Der 2008 erschienene Roman «Marionetten», eine Geschichte über die westliche Gesellschaft angesichts des internationalen Terrorismus nach dem
11. September 2001, spielt ausschliesslich in Hamburg, wo John le Carré als Konsul diente und wo die Attentäter ihren Anschlag auf die Türme des World Trade Center unerkannt vorbereitet hatten. Das Buch widmet sich brennenden Problemen, die nicht nur Deutschland umtreiben, Fragen der ethnischen Vielfalt und Assimilation. Die wichtigste Figur in «Marionetten», Issa, ist ein unschuldiger tschetschenischer Muslim, der zum Objekt und Opfer westlicher Geheimdienste wird, denn der Krieg gegen den Terror schürt die Angst vor dem Islam.
«Künstler agieren wie Spione»
Schon 1983 widmete sich John le Carré in «Die Libelle» dem Thema Terrorismus, damals am Beispiel des Konflikts zwischen Israel und Palästina. Die Story beginnt, als im Haus eines israelischen Diplomaten in Deutschland eine Bombe hochgeht. Dann erscheint ein israelischer Meisterspion auf der Bildfläche und rekrutiert sein Team. Zielperson: ein palästinensischer Spitzenterrorist. Die Spannung beruht nicht nur auf der Handlung, sondern auch auf der Fähigkeit des Autors, das innere Drama einer jeden Figur freizulegen. Auch die israelischen Agenten in seinem Buch sind zu grauenhaften Taten fähig, und die Palästinenser in ihrer tragischen Vergangenheit verlorene Kämpfer für eine unmögliche Zukunft. Der Autor verstrickt die widerstreitenden Motive beider Seiten.
Schlagzeilen unabhängig von einem Buch machte le Carré 1989 durch einen in der Presse ausgetragenen Streit mit seinem Kollegen Salman Rushdie. Der indisch-britische Autor wurde wegen seiner «Satanischen Verse» von Iran mit dem Tod bedroht. Die meisten Intellektuellen sprangen Rushdie bei. Doch John le Carré sagte, es gebe kein Recht, eine Weltreligion ungestraft zu beleidigen. 1997 geriet der Engländer zudem in negative Schlagzeilen, als US-Kritiker in seinem Roman «Der Schneider von Panama» – ein Spionage-Roman, in dem die Bösewichte die meiste Anerkennung erfahren – antisemitische Züge ausgemacht haben wollten. John le Carré reagierte darauf mit einer Rede vor der Anglo-Israel Association und erklärte, er sei stets ein Freund der Juden und des Staates Israel gewesen, es müsse aber doch möglich sein, Freunde zu kritisieren. Auch nach der Ära des Eisernen Vorhangs fuhr John le Carré fort, das Genre Agentenroman zu formen. Einem Schwarzweiss-Denken entzieht er sich nach wie vor, nicht nur als Autor. Als verdeckt agierender Agent verstand er sich immer als «Anwalt der Wahrheit». Künstler aber, so John le Carré, «Künstler schwindeln». Sie seien nicht, was sie behaupten zu sein. «Sie agieren wie Spione. Ich bin da keine Ausnahme.» Vergangene Woche wurde der Meister des Verrats
80 Jahre alt.