«Jede Antwort wirft neue Fragen auf»
TACHLES: Hier in Basel, wo der erste Zionistische Kongress stattfand, feiern wir dieses Jahr den 150. Geburtstag von Theodor Herzl. Wenn Sie Gelegenheit hätten, heute mit ihm zu sprechen, wie würden Sie ihm darlegen, dass sein Traum eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Israel und den arabischen Staaten, von dem er so überzeugt war, nicht zustande gekommen ist?
JONATHAN SACKS: Ich würde ihm sagen: «Wir haben sowohl Ihren Albtraum als auch Ihren Traum erlebt, den Albtraum des Antisemitismus und des Holocaust, den Traum von der Rückkehr des jüdischen Volkes zu seinem Land und Geburtsort. Die Geschichte nimmt jedoch ihren Lauf. So war es schon immer. Jede Antwort wirft neue Fragen auf, jede Lösung birgt neue Probleme. Sie, Dr. Herzl, wussten damals, und wir wissen es auch heute, dass es, – wie Rabbiner Tarfon es ausdrückte – nicht am Einzelnen liegt, die Aufgabe zu vollenden. Es steht ihm gleichzeitig jedoch auch nicht zu, sie einfach liegen zu lassen. So werden wir uns immer an Sie und an Basel erinnern, an das, was Sie begonnen haben. Gleichzeitig werden wir auch weiterhin den langen, langen Weg zum Frieden entlang schreiten.»
Ihr neues Buch «Future Tense» macht schon im Titel eine rein linguistische Anspielung auf eine Spannung («tension»), eine Spannung zwischen dem Juden, der, in sich gewendet, alleine dasteht, und dem, der Teil der Aussenwelt ist and auch an dieser teilnimmt. Wie formulieren Sie in dieser Hinsicht die Prioritäten, die sich uns, der jüdischen Diaspora, stellen?
Der jüdische Imperativ lautet nach wie vor: Jeder von uns ist verpflichtet, dem jüdischen Glauben treu zu bleiben, gleichzeitig aber auch unserem Gegenüber, gleich welcher Religion dieses angehört, zum Segen zu gereichen. Dies verlangt von uns ein volles Engagement, sowohl mit unserer Tradition als auch mit der modernen Welt. Viele Juden haben in vielen Gebieten Grossartiges geleistet. Die Herausforderung ist jetzt, dass nicht nur individuelle Juden einen Einfluss auf die Welt ausüben, sondern dass auch das Judentum an sich seine Wirkung entfaltet. Damit meine ich eine durch jüdisches Gedankengut untermauerte Ethik im Geschäftswesen und in der Medizin, eine von jüdischen Beiträgen geprägte Zivilgesellschaft, die jüdische Stimme in sozialen Debatten und auch jüdischen Einfluss auf Kunst und Literatur. Wir müssen Teil der weit gefächerten Gesellschaft und gleichzeitig stolz auf unsere jüdische Identität sein. Dies ist die Herausforderung, die sich heutzutage einem jeden von uns stellt.
Basel, die Stadt, wo Sie nun ein Ehrendoktorat erhalten haben, ist berühmt für medizinische Wissenschaften, biochemische Forschung und Mathematik. Können Sie ein überzeugendes und Hoffnung spendendes Argument für die heilende Wirkung von Gott und Gebet geben?
Ich fühle mich ausserordentlich geehrt, dass die Universität von Basel, die älteste Universität der Schweiz, mir das Ehrendoktorat verliehen hat. Die Universität besitzt eine einzigartige Verbindung zu den grössten Denkern, die die gesamte intellektuelle Geschichte Europas geprägt haben. Zu ihnen zähle ich Erasmus, Paracelsus, Jakob Burckhardt, Friedrich Nietzsche, Carl Gustav Jung und Karl Barth. Die hochwertigen medizinischen und biochemischen Forschungsleistungen sind weltberühmt, und auch auf vielen anderen Gebieten ist die Universität Basel zu Recht weltberühmt. Es ist ein Privileg für mich, mit dieser Institution assoziiert zu sein. Religion und Wissenschaft kommen in der menschlichen Seele miteinander in Berührung. Immer wieder entdecken wir, welch starke therapeutische Wirkung unsere geistigen und kognitiven Erfahrungen des täglich Erlebten haben. Auch die Plastizität des Gehirns überrascht uns ungemein. Wissenschaftler unterscheiden heute nicht mehr zwischen angeborenen und anerzogenen Entwicklungserfahrungen – «nature versus nurture». Es geht ihnen vielmehr darum, das Angeborene durch Erziehung weiterzuentwickeln – «nature via nurture». Dies wirft neues Licht auf den Begriff des «freien Willens». Frühe Kindheitserfahrungen, die von Liebe und Stabilität geprägt sind, von Charakter und Disziplin, nähren den Menschen in seiner Entwicklung, nähren in ihm Hoffnung und Dankbarkeit, was sich wiederum auf seine Gesundheit und Lebenserwartung auswirkt.
Ich vermute, dass die langjährige Entfremdung zwischen Wissenschaft und Religion sich dem Ende zuneigt. Wir sind daran, neue und umfassendere Einsichten zu gewinnen, etwa was die Gegenseitigkeit von Geist und Materie betrifft, oder die Gegenseitigkeit von Denken und Handeln. So scheinen wir heute für den subtilen und komplexen Begriff, was denn diese unvorhersehbare Mischung von Staub der Erde und Gottes Atem ist – also der Mensch schlechthin –, ein tieferes Verständnis zu gewinnen.
Vortrag von Oberrabbiner Jonathan Sacks, Donnerstag, 25. November, 19.15 Uhr, Universität, Kollegiengebäude, Petersplatz 1, Hörsaal 102, Basel. Zudem wird Oberrabbiner Sacks am Schabbat in der Synagoge sprechen, anschliessend wird ein Kiddusch zu seinen Ehren im Gemeindehaus serviert.