«It must schwing»

Von Wilfried Weinke, December 23, 2009
Das Jüdische Museum Berlin hat anlässlich des JazzFest Berlin eine Ausstellung über das legendäre New Yorker Jazzlabel Blue Note eröffnet.
JAZZMUSIKER HERBIE HANCOCK, 1964 Francis Wolff hat die Tonaufnahmen mit der Kamera begleitet

Der Beifall: längst verklungen, die Mikrofone: abgebaut, die Instrumente: verpackt. Die Karawane ist weitergezogen, das JazzFest Berlinvorüber. Doch dieses Mal hallt etwas nach. Die «Jazztage», wie sie früher hiessen, standen in diesem Jahr unter dem Motto «70 Jahre Blue Note». Und das Jüdische Museum Berlin hatte sich nicht lumpen lassen, hat Energien gebündelt und ­parallel zu den Konzerten eine vorzügliche Ausstellung eröffnet: «It must schwing. Blue Note – Fotografien von Francis Wolff und Jimmy Katz.» Die richtige Ausstellung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn die beiden Begründer des legendären Jazzlabels, Alfred Lion und Francis Wolff, waren gebürtige Berliner Juden. Schon seit Mitte der zwanziger Jahre waren die beiden Freunde leidenschaftliche Jazzfans, hatten früh begonnen, nicht nur Konzerte zu besuchen, sondern auch jede Menge Jazzschallplatten zu sammeln. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten war Al­fred Lion zuerst nach Chile, 1936 nach New York emigriert. Dorthin floh auch Francis Wolff im Oktober 1939 und wurde schnell Partner in der von seinem Freund Alfred ein halbes Jahr zuvor gegründeten Plattenfirma.

Es waren diese beide Berliner Emigranten, die den Ruf des wichtigsten Jazzlabels der Welt begründeten. Dabei war ihr Credo simpel: «Wir wollten Musik verlegen, die wir liebten.» Oder wie es Frank Wolff sagte: «Ich erinnere mich, dass die Leute sagten: ‹Alfred und Frank nehmen nur auf, was ihnen gefällt.› Das stimmte. Zwei Worte möchte ich dem jedoch noch hinzufügen – wir versuchten, Jazz mit ‹Feeling› aufzunehmen.»

Einzigartige Atmosphäre

Und es ist ihnen gelungen, lässt man die Namen derer Revue passieren, die zu Aufnahmen in das Studio nach Hackensack, New Jersey, kamen: Sidney Bechet, Miles Davis, John Coltrane, Thelonious Monk, Bud Powell, Art Blakey, Sonny Rollins und viele andere. Das Studio war das Wohnzimmer der Eltern des Aufnahmeleiters Rudy Van Gelder; des Öfteren sieht man Möbel, Stehlampen und Vorhänge im Hintergrund der Fotos. Alfred Lion und Francis Wolff vermochten ihren Musikern eine offenbar einzigartige Atmosphäre und exzellente Aufnahmebedingungen zu bieten, vor allem aber kongeniale Partner zur Seite zu stellen. Francis Wolffs Fotografien dienten dabei nicht nur der Dokumentation der Aufnahmesessions. Auf den vom Grafiker Reid Miles gestalteten Plattencover nahmen die Fotos von Francis Wolff, wenn auch beschnitten, zuweilen verfremdet, eine dominante Rolle ein. Blue Note wurde in der Geschichte des Jazz akustisch sowie optisch stilprägend. Man denke nur an das Foto und das Cover von John Coltranes 1957 veröffentlichtem Album «Blue Train».

Ausdrucksstarke Fotografien

Für Jazzfans, aber auch für jeden nur an Fotografie Interessierten, stellt die Ausstellung in Berlin einen wahren Augenschmaus dar. Es sind herrliche Schwarz-weiss-Fotografien der bewunderten, vergötterten Heroen des Jazz: der aufreizend lässig-elegante Miles Davis, der nachdenklich sinnierende John Coltrane, der scheinbar ewig lachende Art Blakey, der selbst in jungen Jahren schon mächtige Saxofon-Colossus Sonny Rollins. Daneben finden sich aber auch vorsichtige Annäherungen an miteinander kommunizierende und agierende Musiker, intime, unmittelbaren Studien, die den Porträtierten den ihnen gebührenden Respekt zollten und sie in ihrer Konzentration nicht stören sollten. Fast jedes Foto versinnbildlicht, was der Vibrafonist Bobby Hutcherson über Francis Wolffs Arbeitsweise berichtete: «Wenn Frank eines seiner unglaublichen Motive im Auge hatte, war er wie ferngesteuert. Er verliess den Kontrollraum, näherte sich bis auf sechs, sieben Meter und peilte sein Ziel an. Noch ein Stück, noch ein kleines Stück … Jetzt hat er sich direkt neben wem auch immer aufgebaut, und es wäre ein wirklich fantastisches Motiv, wenn da nicht dieses Mikrofon stehen würde. Du konntest Al­fred und Rudy im Kontrollraum ausflippen sehen. Sie wussten, was er vorhatte. Und dann streckte Frank auf einmal die Hand aus und rückte das Mikrofon zur Seite, und man hörte Alfred zetern: ‹Herrgott noch mal, Frank, ich habe dir eine Million Mal gesagt, lass die Finger von den Mikrofonen!› Und Frank lächelte und erwiderte ganz ruhig ‹Ooo-kay›.»

Auch die im zweiten Teil der Ausstellung präsentierten Schwarzweiss-Fotografien des jungen Jimmy Katz (Jahrgang 1957) nehmen die Bildsprache Francis Wolffs auf. Es war Katz, der seit 1993 für Blue Note arbeitete und das Wiederaufleben des Jazz, speziell dieses Labels, fotografisch begleitete. Von Katz stammen herrliche Aufnahmen des Gitarristen John Scofield, der Sängerinnen Dianne Reeves und Cassandra Wilson, des Saxofonisten Joe Lovano.

In dem schon vor zehn Jahren erstellten, preisgekrönten Film «Blue Note» hob der Saxofonist Johnny Griffin hervor, was Alfred Lion und Francis Wolff von der Musik ihrer Musiker erwarteten: «It must schwing!» Der Bassist Ron Carter und der Pianist Herbie Hancock sekundierten eifrig; denn auch wenn ihrer Meinung nach Alfred Lion und Francis Wolff nicht immer den richtigen Rhythmus trafen, waren sie es, die wussten, wann die Musik den richtigen Groove hatte. Wer dies in der Ausstellung im Angesicht der Musiker überprüfen will, dem steht ein spezieller Audioguide zur Verfügung, mit dessen Hilfe Stücke der porträtierten Jazzmusiker zu hören sind. Enthusiasten werden auf diese Hörkrücke verzichten können, weil die Fotos aus sich selbst spielen, pardon, sprechen. Getreu dem Motto der Ausstellung: «It must schwing!»

«It must schwing. Blue Note. Fotografien von Francis Wolff und Jimmy Katz.» Jüdisches Museum Berlin. Bis zum 7. Februar 2010. www.jmberlin.de