Ist Vladimir Putin gut für die Juden

von Lev Gorodetzki, October 9, 2008
Während die Russen allgemein den Machtantritt Vladimir Putins als überraschendes Neujahrs-Geschenk betrachten, reagieren jüdische Beobachter sowohl in Russland als auch in den USA entschieden differenzierter. Einige stimmen voll in die Begeisterung über den Wechsel von Jelzin zu Putin ein, doch andere warnen vor einem möglichen Aufkommen des Antisemitismus und einem Abrücken von der Demokratie.
Boris Jelzin und Vladimir Putin: Viele Juden sehen nach dem Wechsel mit zwiespältigen Gefühlen in die Zukunft. - Foto Keystone

Als Putin im vergangenen August zum Premierminister Russlands ernannt wurde, war wenig über ihn bekannt. Mit dem Beginn des Tschetschenien-Krieges im September aber nahm seine Popularität zu, und in den letzten Wochen stieg sie raketenhaft auf 80 Prozent an. Allgemein gilt der amtierende Präsident Putin auch als der aussichtsreichste Kandidat für die nun vom Juni auf den März vorverlegten Präsidentschaftswahlen. In jüngster Zeit war Vladimir Putin bemüht, seine Sympathie für die jüdische Gemeinschaft Russlands unter Beweis zu stellen. So kam er im November mit den Führern der kürzlich gegründeten, von der Lubawitscher Bewegung (Chabad) dominierten Förderation jüdischer Gemeinden Russlands zusammen, denen er sagte, er stünde jüdischen Anliegen positiv gegenüber. Das löste bei anderen jüdischen Gruppen Kritik aus. Putin habe, möglicherweise unbeabsichtigt, eine jüdische Dachorganisation bevorzugt, um so die jüdische Stimme zu spalten. Rabbi Zinovy Kogan demgegenüber, einer der Führer des russischen Reformjudentums, nennt Putins Machtantritt eine «positive Entwicklung für die Juden Russlands». Kogan hat den amtierenden Präsidenten gesprochen, nachdem dieser im vergangenen Monat in Norwegen mit Israels Premier Barak zusammengekommen war. Putin habe Barak gelobt, der als einziger in Norwegen die russische Haltung im Tschetschenien-Konflikt als «Kampf gegen den Terrorismus» unterstützt habe. Ein jüdischer Journalist aus St. Petersburg, der Putin noch aus den frühen 90er Jahren her kennt, als dieser Assistent des dortigen Bürgermeisters war, meinte, der amtierende Präsident habe damals «recht sympathisch gegenüber Israel und den Juden im allgemeinen getönt», als humanitäre Hilfe aus Israel für die Stadt zur Diskussion stand.

Sehnsucht nach einer starken Hand

Auch wenn allgemein das Gefühl verbreitet ist, Putin kümmere sich mehr um die Juden als Jelzin dies getan habe, scheint man in jüdischen Kreisen generell nicht besonders glücklich über den Aufstieg eines ehemaligen KGB-Obersten zu sein. «Die Intelligenzia scheint sich heute weniger nach Freiheit als nach einer starken Hand zu sehnen», sagt der bekannte Meinungsforscher Yuri Levada, der darauf hinweist, dass der Tschetschenien-Krieg in den einen höheren Bildungsstand aufweisenden Städten wie Moskau und St. Petesburg stärker unterstützt wird als in kleineren Ortschaften. Möglicherweise scheren russische Juden aus diesem Trend aus, weil sie den Wunsch der Allgemeinheit Russlands nach einer starken Führung nicht unbedingt teilen.

Potentielle Gefahren

In Washington warnt Micah Naftalin, nationaler Direktor der «Union of Councils for Soviet Jews». Putin habe seinen Aufstieg «auf dem Rücken von Rassisten vollzogen, die an die schlimmsten xenophoben Instinkte der Russen appellieren». Andere Persönlichkeiten des organisierten Judentums der USA nehmen eine abwartende Haltung ein. Mark Levin etwa, Direktor der National Conference on Soviet Jewry, erinnert daran, dass Putin davon gesprochen habe, den Antisemitismus zu bekämpfen. «Es wird wichtig sein, festzustellen, welche Führungsqualitäten er in dieser Hinsicht beweist.» Abraham Foxman, Direktor der Anti-Diffamationsliga (ADL), warnt davor, dass politische Instabilität und Unsicherheit für die Juden Russlands wegen des dort latenten Antisemitismus schon immer potentielle Gefahren mit sich gebracht hätten. Nicht wenige russische Juden machen sich Sorgen über den Umstand, dass mit Boris Berezovsky ein jüdischer Medienzar wesentlich zum Aufbau von Putins Image beigetragen hat. So schreiben sie den Erfolg von Putins Partei bei den letzten Parlamentswahlen zumindest teilweise der Unterstützung durch Berezovsky zu, dessen nationaler TV-Sender ORT während der Wahlkampagne die öffentliche Meinung in Russland skrupellos manipuliert hatte. Dabei wurde Putin konstant gelobt, während andere Präsidentschaftskandidaten wie der früherer Premier Yevgeny Primakov und Moskaus Bürgermeister Yuri Luzhkov herbe Kritik entgegennehmen mussten. Luzhkov ist übrigens eng mit Vladimir Goussinsky befreundet, einem anderen Medien-Gewaltigen und Vorsitzendem des «Russian Jewish Congress». Was Galina Eliasberg sagt, eine jüdische Dozentin an der Moskauer Universität, denken viele Angehörige der jüdischen Intelligenzia Russlands: «Der Kerl (Putin) gelangte auf den Wellen des Tschetschenien-Krieges an die Macht. Er scheint eine Kreation Berezovskys zu sein. Ich glaube nicht, dass er Ordnung im Lande schaffen wird. Im Gegenteil: Ich glaube, irgendeine hinter ihm stehende Kraft kann ihn überwältigen, und dann wird die Armee oder etwas ähnliches die Macht ergreifen.» Vorsichtiger äussert sich da Russlands Oberrabbiner Adolph Shayevich, ein guter Freund von Bürgermeister Luzhkov: «Boris Jelzin hat einen brillanten Schritt getan, doch weiss niemand ob sein ernannter Nachfolger auch wirklich sein Nachfolger werden wird. Das gilt auch für seine Beziehungen zu den Juden.»

JTA