Israels Süden brennt
Im Anschluss an die Terrorattacken rund 20 Kilometer nördlich von Eilat, die auf der israelischen Seite am Donnerstag acht Tote forderten, entbrannte die Front innert weniger Stunden. Zuerst reagierte Israel mit gezielten Angriffen auf die militärische Führung der nach israelischer Ansicht für die Terrorangriffe verantwortlichen Volks-Widerstandskommitees (PRC), die fast vollständig ausgemerzt wurde. Mehrere dutzend israelische Attacken erschütterten den Gazastreifen. Dann war die Reihe an den Palästinensern, die am Freitag und Samstag über 80 Raketen und Granaten auf israelische Ziele abfeuerten. Die Angriffe konzentrierten sich auf die Städte Ashkelon, Ashdod – dort erlitten sechs Synagogenbesucher Verletzungen bei einem Volltreffer - , Ofakim (drei Kinder wurden leicht verletzt) und Beerschewa, wo am Samstagabend ein Zivilist starb und zehn weitere Personen schwere Verwundungen erlitten. Die gespannte Lage führte zu einem fast vollständigen Erliegen des Strassenverkehrs in den betroffenen Städten und Ortschaften. Die sonst am Wochenende vollen Kaffeehäuser lagen verwaist da, und im Süden wurden die Spiele der laufenden Fussballmeisterschaft verschoben. Das Raketenabwehrsystem «Iron Dome» vermochte zahlreiche gegnerische Geschosse in der Luft zu zerstören, aber eben nicht alle. Die israelische Luftwaffe flog am Freitag und Samstag rund 25 Angriffe, und die Marine soll die Bemühungen vom Meer her unterstützt haben. Mindestens neun Palästinenser sollen dabei ums Leben gekommen sein.
Verstimmung zwischen Kairo und Jerusalem
Nach der Beurteilung von Beobachtern sind weder die Hamas noch Israel interessiert an einer ernsthafteren Eskalation. Dass Israel sich aber offensichtlich auf alle Eventualitäten vorbereitet, bezeugt die am Wochenende begonnene Truppeverstärkung an der Grenze zum Gazastreifen. Die Hamas ihrerseits versucht, die extremen Splittergruppen an einer weiteren Eskalation der Lage zu hindern. Die Frage ist allerdings, wie entschlossen diese Versuche betrieben werden.
Sicherheitskooperation mit Ägypten
Israel macht keinen Hehl aus der Wichtigkeit, die es einer Fortsetzung der Sicherheitskooperation mit Ägypten beimisst. Als Beweis wird die Zustimmung zur Entsendung von rund tausend ägyptischen Soldaten, von Tanks und Panzerfahrzeugen in den Norden der Sinai-Halbinsel ins Feld geführt, obwohl dies im Gegensatz zum Abkommen von Camp David steht. Die Gegend des Nord-Sinais hat sich seit dem Sturz Mubaraks zu einer effektiven Hochburg von islamischen Terroristen und Angehörigen des mit der el-Qaida verbundenen Welt-Jihads entwickelt. Parallel mit dem Wunsch nach einer weiteren Zusammenarbeit mit den Ägyptern wächst in Jerusalem aber die Sorge über die politische und militärische Fähigkeit Kairos, die Kontrolle über den Sinai wieder im gleichen Masse auszuüben, wie das Hosni Mubarak während Jahrzehnten zur Beruhigung Jerusalems getan hat.
Als erste Sofortmassnahme beschloss Israel, die Bauarbeiten am elektronischen Grenzzaun zwischen Israel und Ägypten wesentlich zu beschleunigen. Die Vollendung des Bauwerks, die bis dahin für 2013 vorgesehen war, soll jetzt spätestens 2012 Tatsache werden. Dessen ungeachtet steht zu befürchten, dass es noch einige Tage dauern wird, bis die gegenwärtige Eskalation wird eingedämmt werden können. Entsprechend wird mit Verletzten, schlimmstenfalls auch mit Toten und erheblichem Sachschaden zu rechnen sein. Am Samstagabend beschlossen die zuständigen Sicherheitsstellen, die erhöhte Bereitschaft für das ganze Land aufrecht zu erhalten, mit Schwerpunkten auf den Süden und auf Jerusalem. Hohe Offiziere hielten Dringlichkeitssitzungen ab, und Premier Netanyahu besprach sich mit den acht höchstrangigen Kabinettsministern. Dass die gegenwärtige Runde der Gewalt ihr Ende noch nicht erreicht haben dürfte, tönte Yitzhak Aharonovich an, der israelische Minister für innere Sicherheit. Die Hamas werde, wie er meinte, für die jüngsten Terrorakte «schwer büssen» müssen, wie die «kommenden Tage» beweisen würden.