Israels Rechtsextremisten regen sich

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Je mehr der Jerusalemer Tempelberg in den Mittelpunkt des religiös-politischen Tauziehens zwischen Juden und Moslems rückt, desto mehr machen Spekulationen die Runde, die von Attentatsplänen jüdischer Fanatiker gegen die Moscheen auf dem Berg sprechen.

Von systematischen Plänen rechtsextremer Organisationen oder Gruppen für Anschläge gegen moslemische heilige Stätten auf dem Jerusalemer Tempelberg könne keine Rede sein. Das erklärten anfangs Woche hochrangige israelische Polizeikreise als Reaktion auf Spekulationen in der Presse. Allerdings sei nicht auszuschliessen, dass Individuen der israelischen Rechtsszene sich mit düsteren Absichten der genannten Art tragen. Weil Einzelne viel schwieriger zu überwachen wären als Gruppen, warnten Sicherheitsstellen unter Anspielung auf den Rabin-Mord davor, die Situation auf die leichte Schulter zu nehmen. Schmuel Rabinowitz, der Rabbiner der Westmauer, meinte dazu, dem Shabak-Geheimdienst würden Informationen über Pläne jüdischer Extremisten vorliegen, einen Anschlag auf dem Tempelberg zu verüben.
«Chaj we-kajam», «Jerusalem-Forum» oder «Frauen für das Bet Hamikdasch (jüdischer Tempel) - das sind nur drei von zahllosen Namen von Organisationen, deren höchstes Ziel die Wiederherstellung der jüdisch-religiösen Souveränität über den Jerusalemer Tempelberg und die Errichtung des 3. Tempels ist. Offen oder versteckt geben Sprecher all dieser Organisationen zu, dass ihr Ziel sich nur durch eine «Reinigung» des Tempelberges, d.h. durch die Entfernung der heute dort stehenden Moscheen verwirklichen lässt. In Bezug auf die Methoden, die zur Durchsetzung des Zieles anzuwenden seien, klaffen die Meinungen allerdings weit auseinander. Die Bewegung «Chaj we-kajam» etwa, die in den 90er Jahren von Jehuda Etzion, einem ehemaligen Mitglied des berüchtigten jüdischen Untergrundes, und einigen Siedlern gegründet worden ist, sieht sich als «Erlösungsbewegung zur Erneuerung des Königreiches Israel». Sehr radikal gibt sich «Mi-lechatchila» (von Anfang an), an deren Spitze Moshe Feiglin steht. Die Organisation strebt den Bau des 3. Tempels durch Menschenhand an, will also nicht das Kommen des Messias abwarten. Auch «Machon Hamikdasch», eine in den 80er Jahren im Jüdischen Viertel von Jerusalem gegründete Institution, vertritt die Ansicht, der Bau des 3. Tempels bedürfe einer menschlichen Initial-Handlung. Praktischer veranlagt ist die Organisation «Frauen für das Bet Hamikdasch». Mitglieder sammeln bei Frauen Goldschmuck und Edelsteine, um für die Errichtung des Tempels gerüstet zu sein. Im «Jerusalem-Forum» wiederum sind alle Organisationen vereinigt, die sich um den Aufkauf von Häusern in der Altstadt bemühen. Besonderer Wert wird dabei auf Gebäude in der Nähe der Mauern des Tempelbergs gelegt. Die meisten der genannten Gruppen, und einige weitere, gehören der von Prof. Hillel Weiss geleiteten Dachorganisation «Schocharei Hamikdasch» (Befreier des Heiligtums) an. Prof. Weiss beteuert zwar, keine gewalttätigen Gedanken zu wälzen, meint gleichzeitig aber, man strebe eine «religiöse Alternative zur Staatsführung» an. Eine klare Meinung in der Sache vertritt Israel Meir Lau, der aschkenasische Oberrabbiner Israels. Israels religiöse Ansprüche auf den Tempelberg seien zwar viel älter als jene von Moslems oder Christen, doch die Gewaltanwendung gegen die Moscheen am Ort käme nicht infrage. Abgesehen davon, dass ein solches Vorgehen dem Charakter des Judentums nicht entsprechen würde, gelte es auch, so meinte Lau am israelischen Fernsehen, realpolitisch zu denken. Der Oberrabbiner wies auch auf die Stellen in den Schriften hin, die eindeutig beweisen würden, dass die Errichtung des 3. Tempels und die damit verbundenen baulichen Veränderungen auf dem Tempelberg von Gott selber vorgenommen werden würden. Auch von der Aufhebung des für Juden geltenden halachischen Verbotes, den Tempelberg zu betreten, wollte Rabbiner Lau nichts wissen.