Israels konstruktive Rolle bei der Konfliktlösung
Jüdische Rundschau: Was war Ihre Motivation, zum jetzigen Zeitpunkt eine solche Studie zu lancieren?
Roman Rosenstein: In der Nahost-Berichterstattung der meisten Medien war nach Ausbruch der el Aksa-Intifada ein für die meisten jüdischen Zeitungsleser schmerzlich hohes Mass an Kritik an der israelischen Haltung festzustellen. Insbesondere störte die Tatsache, dass in Schweizer Medien die weitgehende Kompromiss-Bereitschaft der Barak-Regierung im Verhältnis zu deren Reaktion auf Steine werfende Jugendliche kaum mehr Erwähnung fand. Da zudem der Eindruck entstand, dass Presse-Verlautbarungen jüdischer Organisationen je länger je weniger Beachtung finden, wollten wir die von uns empfundene Einseitigkeit von neutraler Seite überprüfen lassen.
Jüdische Rundschau: Haben Sie die Ergebnisse überrascht?
Roman Rosenstein: Ja und nein, es wunderte mich, beispielsweise aus der Studie zu erkennen, in welchem Ausmass unsere Medien Hintergrund-Berichte publizierten und wie viel stärker Israel eine konstruktive Rolle bei der Konfliktlösung zugebilligt wird.
Jüdische Rundschau: Als Ganzes betrachtet, verteilt die Studie den Medien keine schlechten Noten. In einer Leserbefragung wäre die Beurteilung nach beiden Seiten extremer ausgefallen. Woran liegt das?
Roman Rosenstein: Eine unserer Zielsetzung war es, die Diskussion um die Rolle der Medien zu versachlichen. Durch die in der Studie untersuchte grosse Anzahl von Artikeln und TV-Beiträgen - insgesamt wurden 750 Beiträge analysiert - musste das sonst von individuellen Einzel-Eindrücken geprägte Bild einer kühlen und genaueren Beurteilung weichen.
Jüdische Rundschau: Sharon war u.a. Ausgangspunkt Ihrer Studie. Nun steht er kurz vor den Premierwahlen in Israel. Was prophezeien Sie vor dem Hintergrund der Berichterstattung über den «Sharon-Effekt» für die kommende Woche?
Roman Rosenstein: Nun, diese Studie und unsere Arbeit im Generellen will und kann keinen Einfluss auf die israelische Politik nehmen. Hier in der Schweiz befürchte ich allerdings schon zunehmend kritische Kommentare und eine fortschreitende Entfremdung von israelischen Ansichten und Präferenzen.
Jüdische Rundschau: Bisher wurde noch nicht die gesamte Studie publiziert. Haben die untersuchten Medien schon reagiert?
Roman Rosenstein: Ja, mehrere Chefredakteure haben ihr Interesse an den Resultate der Studie bekundet und wollen diese mit uns besprechen.
Jüdische Rundschau: Wahrnehmung ist gewiss eine subjektive Sache. Wie beurteilen Sie die jüdischen Leser und Zuschauer? Reagieren diese unverhältnismässig sensibel auf die Berichte über Israel?
Roman Rosenstein: Selbstverständlich reagiert ein mit Israel verbundener Jude betroffen und teilweise verletzt über Berichte, die israelische Soldaten in der Agressoren-Rolle darstellen. Israel ist Teil unserer Identität und da kann und soll man nicht erwarten, dass wir immer kühl und objektiv reagieren - auch wenn in unseren Kreisen häufig Vorbehalte und Kritik gegenüber der israelischen Taktik zu hören ist, dürfen wir nicht übersehen, dass die persönlichen Reise-Erfahrungen und/oder die von in Israel lebenden Familienmitgliedern übermittelten Bilder und Impressionen mit der hiesigen Presse-Berichterstattung häufig nicht übereinstimmen.
Jüdische Rundschau: Gibt es in der Beurteilung grosse Unterschiede zwischen Print- und digitalen Medien?
Roman Rosenstein: Da wir bei den Print-Medien keine Boulevard-Presse untersuchen liessen und die elektronischen Medien tendenziell mehr Nachrichten und weniger Hintergrund vermitteln, ist basierend auf der Studie ein Vergleich Print- und elektronischen Medien wenig sinnvoll.
Jüdische Rundschau: Wo kritisieren Sie die Medien bezüglich der Israel-Berichterstattung?
Roman Rosenstein: Vor allem bei der Auswahl von Bildern und Formulierung von Schlagzeilen und dem konsequenten Weg-Schauen bei antisemitischer Hetzerei in palästinensischen Schulen und Moscheen.
Jüdische Rundschau: Haben Sie einige Beispiele?
Roman Rosenstein: Z.B. fand die von Hass triefende Predigt des Imams der Gaza-Moschee, welcher Ende letzten Jahres zum Tod an Juden und Amerikanern aufrief und die mehrfache Wiederholung dieser Predigt im palästinensischen Fernsehen resp. eine ähnliche Predigt in einer Genfer Moschee in der Deutschschweizer Presse überhaupt keine Erwähnung.
Jüdische Rundschau: Können Sie uns namentlich nennen, welche Medienprodukte wie bewertet wurden?
Roman Rosenstein: Stellen Sie mir diese Frage bitte erst, nachdem wir mit den einzelnen Chefredakteuren gesprochen haben.
Jüdische Rundschau: Wie schneiden die Schweizer Medien im Vergleich mit dem Ausland ab?
Roman Rosenstein: Die Untersuchung umfasste neben der NZZ, Tages-Anzeiger, Bund und Weltwoche auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung, welche ähnlich kritisch wie die NZZ, aber deutlich freundlicher wie der Tagi eingestuft wurde. Bei den TV-Stationen haben wir das heute-Journal des ZDF miteinbezogen und festgestellt, dass dieses ganz ähnlich wie 10vor10 und damit wesentlich fundierter wie die Tagesschau oder SwissNews von Tele24 berichtet.
Jüdische Rundschau: ADL engagiert sich in den USA für Menschenrechte und gegen Rassendiskriminierung. Was sind Ihre spezifischen Anliegen in der Schweiz?
Roman Rosenstein: Unsere Arbeit zielt auf eine Versachlichung der Diskussion in den Bereichen Antisemitismus und Rassismus. Wir versuchen in- und ausserhalb der jüdischen Bevölkerung die Fakten verständlich darzulegen, den Entscheidungsträgern und politischen Akteuren zugänglich zu machen und damit Missverständnissen und Vorurteilen den Nährboden zu entziehen. Eines unserer wichtigen Anliegen ist es auch, die wenigen Kräfte, welche sich für Verständigung und korrekten Umgang mit Minderheiten einsetzen, zu koordinieren und damit den entsprechenden Mitteln mehr Effizienz zu verleihen.