«Israels Erlösung durch \'Propheten\'»
Dass jemand vor dem langfristigen Urteil der Geschichte Unrecht behält, heisst noch nicht, dass seine Situationsanalyse zu ihrer Zeit falsch war. Achad Ha’am schrieb im Anschluss an den Ersten Basler Zionistenkongress eine kurze Kritik, die so scharf ausfiel, dass er sich nach den empörten Reaktionen aus zionistischen Kreisen gezwungen sah, in einem zweiten Artikel ausführlicher und ausgewogener darauf zurückzukommen. Sein Hauptvorwurf an die Leute um Herzl war, dass sie nicht «das Menschheitsideal» und damit die messianische Vision der Bibel als Grundlage ihrer Bestrebungen nahmen, sondern die gängigen diplomatischen Wege der westeuropäischen Politik beschritten. «Israels Erlösung», heisst es am Ende des ersten kurzen Artikels «Der Erste Zionistenkongress», der im Original auf Hebräisch in der Zeitschrift «Haschiloach» erschien, «wird durch \'Propheten\' geschehen, nicht durch \'Diplomatie\'...» Im Folgeartikel «Judenstaat und Judennot» thematisierte Achad Ha’am, der selbst ostjüdischer Herkunft war, vor allem das verhängnisvolle Missverständnis, das entstehen musste, wenn die ostjüdischen Arbeiter sich einer von Westjuden begründeten Bewegung anvertrauten (wobei die Ausstrahlung und Anziehungskraft alles «Westlichen» für die Ostjuden jener Zeit verstanden werden muss). Aus der ostjüdischen Zionsliebe (Chibbat Zion) war ein neuer «-ismus» geworden, mit Rhetorik, Propaganda und allem, was dazu angetan war, die arme jüdische Bevölkerung Polens und Russlands zu beeindrucken. Doch das Problem, so Achad Ha’ams Analyse, war, dass das Problem der Westjuden ein ganz anderes war als dasjenige der Juden Osteuropas. Erstere kämpften um ihr Selbstwertgefühl, um ihre Menschenwürde innerhalb einer antisemitischen Gesellschaft, und der reine Gedanke an eine nationale Existenz und deren Realisierbarkeit, der sie zum aufrechten Gang befähigte, erfüllte schon zu neun Zehnteln den Zweck der ganzen Bewegung. Im Osten jedoch, wo die Chibbat Zion entstanden war und die Existenz noch tiefer im authentisch Jüdischen wurzelte, war die moralische Not mit einer handfesten materiellen verknüpft. Gerade die letztere vermöchte aber Palästina in keinem Fall für die Massen zu lindern, glaubte Achad Ha’am: «Das ökonomische Leben unserer Tage wird von so verschiedenen Faktoren bestimmt, die Entwicklung jedes einzelnen Erwerbszweiges wird durch so viele Umstände bedingt, dass kein Volk, auch nicht das stärkste und reichste, imstande wäre, in kurzer Zeit in irgendeinem Lande neue Erwerbsquellen zu schaffen, die hinreichen würden, Millionen Menschen zu ernähren.» Mit einem gewissen Recht betonte er die Vernetzung des Weltmarkts, die den Aufbau einer rein nationalen Wirtschaft (wie Herzl sie plante und in ihrer vollen Utopie erst einige Jahre später in «Altneuland» schilderte) gar nicht ermöglichen würde. Wäre der Gedanke eines Judenstaats also für die entwurzelten Juden des Westens eine Quelle neuen Selbstbewusstseins, so könne er im Osten nur katastrophale Folgen zeitigen. Denn diejenigen, die im Osten das moralische Ideal verliessen, das mit der Besiedlung Palästinas bei den Chowewe Zion verknüpft sei, «um dafür den Staatsgedanken einzutauschen, die werden auch dann nicht zurückkehren, nachdem die Begeisterung verflogen und der Staat nicht gegründet sein wird.» Achad Ha’am schloss das Fernziel eines Staates nicht aus, doch er sah das Ziel der mittelfristigen Arbeit woanders: in der «Ansiedlung einer grösseren Zahl jüdisch gesinnter Männer, die ungestört in allen Zweigen menschlicher Kultur von Ackerbau und Handwerk bis zur Wissenschaft und Literatur sich betätigen». Aus solchem geistigen Zentrum erwartete er einerseits eine Ausstrahlung auf die jüdische Diaspora, andererseits die nationale Reifung ihrer Bewohner, «die es verstehen werden, den geeigneten Moment zu nutzen, um dort auch einen Staat und nicht nur einen Judenstaat, sondern einen tatsächlich jüdischen Staat zu gründen». Schwer zu sagen, wer der grössere Utopist war, Herzl oder Achad Ha’am, dessen Analyse so weitgehend stimmte und dennoch so sehr an der Realität vorbeiging. Denn das Geheimnis dieser Realität scheint gewesen zu sein, dass Herzls visionäres, alle Skeptizismen übergehendes Auftreten eine Begeisterung weckte, die den von Achad Ha’am zu Recht befürchteten Strohfeuereffekt überdauerte und eine Eigendynamik gewann, die spätestens mit der Balfour-Deklaration nicht mehr zu bremsen war. War Achad Ha’am orientiert an der Vision der messianischen Erlösung, so war Herzl überzeugt, ihr Vollstrecker zu sein. Darin und in den überraschenden Wegen der Gestaltung von Realität unterschieden sich diese beiden so unterschiedlichen Konzepte und Geister.
Es wurde zitiert aus : «Der 1. Zionistenkongress» und «Judenstaat und Judennot» in: «Achad Ha’am: Am Scheideweg», Band II. Aus dem Hebr. von Harry Torozyner, Jüdischer Verlag, Berlin 1916, S. 1-28.