Israels Erfolg zeugt nur von Stärke – nicht von Recht

January 22, 2009
Der israelische Schriftsteller David Grossmann äussert sich in einem Essay zu den Folgen des Kriegs in Gaza.
David Grossmann «Dieser Krieg hat lediglich die tragischen Fehler hervorgehoben, die wir auf der Suche nach unserem Weg begangen haben»

Ähnlich den beiden Füchsen in der biblischen Geschichte von Samson, die, eine brennende Kerze zwischen ihnen, an ihren Schwänzen zusammengebunden waren, ziehen sich Palästinenser und Israeli trotz des Ungleichgewichts ihrer Macht hin und her. Auch wenn wir mit allen Mitteln versuchen, uns freizukämpfen, verbrennen wir doch jene, die an uns gekettet sind – unsere Doppelgänger – aber auch uns selber.
Ungeachtet der Welle nationalistischer Übertreibung, die zurzeit die Nation überzieht, würde es nicht schaden, sich daran zu erinnern, dass die jüngste Operation im Gazastreifen letztlich nur eine weitere Station auf einem mit Feuer, Gewalt und Hass übersäten Pfad ist.
So zufrieden die Israeli sein mögen, dass die technischen Schwächen des zweiten Libanon-Kriegs korrigiert worden sind, sollten wir dennoch einer anderen Stimme unser Ohr leihen – der Stimme, die sagt, dass die Erfolge der israelischen Verteidigungsstreitkräfte in der Konfrontation mit der Hamas nicht beweisen, dass die Lancierung einer derart massiven Kampagne tatsächlich berechtigt war. Sicher bedeuten sie keine Berechtigung für Israels Vorgehen im Verlauf der Kämpfe. Diese militärischen Erfolge bestätigen einzig, dass Israel stärker ist als die Hamas und dass es unter gewissen Umständen auf seine eigene Art hart und grausam sein kann.
Wenn die Kanonen erst einmal vollständig schweigen und das ganze Ausmass des Tötens und der Zerstörung so weit bekannt wird, dass auch die selbstgerechtesten und ausgeklügeltsten Verteidigungsmechanismen der israelischen Psyche überwunden werden, dann prägen sich vielleicht gewisse Lehren in unser Hirn ein. Dann werden wir vielleicht endlich verstehen, wie gründlich und fundamental falsch unser Vorgehen in dieser Gegend seit je ist – wie irregeleitet, unethisch, unklug, und dass es – vor allem  – immer wieder die Flammen neu entfacht, die uns verzehren.
Natürlich darf man den Palästinensern nicht einfach die Absolution für ihre Verbrechen und Fehler erteilen. Das wäre gleichbedeutend mit einer herablassenden Verniedlichung, so als ob sie nicht reife Erwachsene mit einem eigenen Denkvermögen wären, nicht verantwortlich für ihre eigenen Entscheidungen und Pannen. Die Einwohner des Gazastreifens mögen auf verschiedene Arten von Israel «gewürgt» worden sein, doch auch für sie gibt es andere Optionen, um zu protestieren und auf ihr Elend aufmerksam zu machen, als das Abfeuern von Tausenden von Raketen gegen unschuldige Bürger in Israel.
Das dürfen wir nicht vergessen. Weder können wir die Palästinenser begnadigen noch sie nachsichtig behandeln, als wäre es offensichtlich, dass Gewalt die einzige Alternative ist, zu der sie automatisch Zuflucht nehmen müssen, wenn sie sich ausgenutzt vorkommen.

Israel ist stärker

Aber sogar wenn die Palästinenser mit willkürlicher Gewalt agieren, wenn sie Selbstmordattentäter und Kassem-Raketen benutzen – Israel ist stärker als sie. Das kann einen riesigen Einfluss auf das Ausmass der Gewalt im Konflikt als Ganzes haben, ebenso auf seine Eindämmung und sogar Beendigung. Die derzeitige Konfrontation lässt nicht vermuten, dass irgendjemand in der israelischen Führung die entscheidende Bedeutung dieses Aspekts des Konflikts wirklich bewusst und verantwortungsvoll erfasst hat.
Irgendwann einmal werden wir trotz allem danach trachten, die Wunden zu heilen, die wir verursacht haben. Wie aber kann dieser Tag je näher rücken, wenn wir nicht verstehen, dass unsere militärische Macht für uns nicht das dominierende Instrument sein kann in den Bemühungen, für uns in dieser Region einen Pfad anzulegen? Wie kann dieser Tag je näher rücken, wenn es uns nicht gelingt, die Tragweite der Verantwortung zu erfassen, die durch unsere komplexen und schicksalhaften Beziehungen – in der Vergangenheit und in der Zukunft – zu den Palästinensern der Westbank, des Gaza¬streifens und Galiläas auf unseren Schultern lasten?
Wenn sich die Nebelschwaden der Reden unserer Politiker von einem umfassenden und entscheidenden Sieg erst einmal verflüchtigt haben, wenn wir die wirklichen Errungenschaften dieser Operation entdecken, und wie weit sie von dem entfernt sind, was wir wirklich brauchen, um hier ein normales Leben zu leben, wenn wir endlich zugeben, dass sich ein ganzes Land nur allzu gerne selbst hypnotisiert hat, weil es so dringend auf den Glauben angewiesen war, dass Gaza es von seinem Libanon-Syndrom befreien könnte – vielleicht werden wir dann abrechnen mit jenen, die die israelische Öffentlichkeit immer wieder aufhetzen und sie in eine Raserei der Arroganz und Macht-Euphorie jagen. Abrechnen mit jenen, die uns seit Jahren lehren, den Glauben an Frieden und an die Hoffnung auf Veränderungen in unseren Beziehungen mit den Arabern mit Verachtung zu strafen. Abrechnen mit jenen, die uns davon überzeugt haben, dass Araber nur die Sprache der Macht verstehen und dass dies deshalb die einzige Sprache ist, welcher wir uns in unseren Beziehungen mit ihnen bedienen können.
Und weil wir mit ihnen so lange ausschliesslich in dieser Sprache gesprochen haben, haben wir vergessen, dass für den Dialog mit Menschenwesen, sogar mit so schlimmen Feinden wie der Hamas, andere Sprachen existieren. Diese sind mindestens so sehr unsere Muttersprache wie die Sprache von Bombern und Panzern.

Mit den Palästinensern sprechen

Wir müssen zu den Palästinensern sprechen: Das ist die wichtigste Schlussfolgerung der jüngsten Runde des Blutvergiessens. Wir müssen auch zu jenen sprechen, die unser Recht nicht anerkennen, hier zu existieren. Anstatt die Hamas zum jetzigen Zeitpunkt zu ignorieren, sollten wir eher von der neu geschaffenen Realität profitieren und unverzüglich den Dialog mit ihr aufnehmen, einen Dialog, der uns gestatten würde, eine Einigung mit dem ganzen palästinensischen Volk zu erzielen. Wir müssen mit den Palästinensern sprechen und anfangen einzusehen, dass die Realität nicht eine einzige abgeschlossene Geschichte ist, die wir und auch die Palästinenser uns seit Generationen erzählen. Realität ist mehr als nur die Geschichte, in der wir gefangen sind, eine Geschichte, die zu grossen Teilen aus Fantasien, Wunschdenken und Albträumen besteht.
Wir müssen mit ihnen sprechen und innerhalb dieser geschlossenen, tauben Realität erst einmal die Möglichkeit des Redens schaffen. Wir müssen diese heute so verspottete und verhöhnte Möglichkeit schaffen, die im Sturm des Krieges weder Platz noch Hoffnung hat und an die kaum jemand glaubt. Wir müssen zu ihnen im Rahmen einer überlegten Strategie sprechen.
Wir müssen das Gespräch lancieren, auf ihm bestehen und nicht zulassen, dass irgendjemand uns davon abbringt. Wir müssen auch dann sprechen, wenn ein Dialog zunächst hoffnungslos erscheint. Langfristig wird diese Hartnäckigkeit viel mehr zu unserer Sicherheit beitragen als Hunderte von Flugzeugen, die Bomben auf eine Stadt und ihre Einwohner werfen.
Wir müssen aus dem Verständnis heraus sprechen, das entsteht, wenn wir auf die schreckliche Zerstörung blicken, wenn wir zu begreifen beginnen, dass der Schmerz, den wir uns gegenseitig zuzufügen imstande sind, so enorm, so zerstörerisch und so unglaublich sinnlos ist, dass er uns letztlich alle vernichten wird, wenn wir uns ihm ergeben und seine Logik akzeptieren.
Wir müssen sprechen, denn das, was in Gaza in den letzten Wochen geschehen ist, ist wie ein Spiegel, in dem wir Isreali unser eigenes Gesicht sehen – ein Gesicht, das uns, würden wir es als Aussenstehende bertrachen oder an einem anderen Volk sehen, schockieren würde. Wir würden sehen, dass unser Sieg kein wirklicher Sieg ist und dass der Krieg in Gaza die Wunde nicht geheilt hat, die so dringend einer Heilung bedarf. Vielmehr hat dieser Krieg lediglich die tragischen und nie enden wollenden Fehler hervorgehoben, die wir auf der Suche nach unserem Weg begangen haben.