Israels Cyber-Szene in Turbulenzen

von Joseph Canaan, October 9, 2008
Die Euphorie an den Aktienmärkten, die in den letzten Jahren den Hochtechnologiesektor gekennzeichnet hat, verpufft. Die Kurse fahren Achterbahn und verunsichern Investoren, Unternehmer, Wagnisfonds und alle, die an diesem dynamischen Sektor beteiligt sind. Die Investmentbank Goldman-Sachs warnt vor einem scharfen Rückgang der Erträge. Die fetten Jahre der israelischen Firmen seien vorüber. Zum ersten Mal seit zwei Jahren rechnen Analysten mit sinkenden Firmengewinnen und die Ergebnisse unter dem Strich bestätigen diese Prognose.

In der Vergangenheit waren die Jahresberichte der überwiegenden Mehrheit der High-Tech-Firmen wie Bilderbücher - sie signalisierten schnelles und dynamisches Wachstum, zweistellige Zuwachsraten, hohe Gehälter und üppige Renditen, saftige Boni und viele Schnäppchen, die sich nur Firmen leisten können, bei denen die Kasse oft und laut klingelt. Stolz zeigten die Manager der Nahostkrise die kalte Schulter mit den Brustton der Überzeugung, die exportorientierte Branche sei gegen die politischen Unwägbarkeiten in der Region praktisch immun.
Inzwischen haben sich Zeiten und Meinungen geändert. Zahlreiche israelische Hochtechnologieunternehmen sind gezwungen sich nach der kurzen Decke zu strecken, was einigen gar nicht leicht fällt. Die Entwöhnungkur hinterlässt Spuren - sie müssen Personal entlassen, die Ausgaben kürzen, Boni und Vergütungen sind nicht mehr, was sie noch vor wenigen Monaten waren, Firmen werden umgekrempelt und gestrafft, Sparmassnahmen werden eingeführt, selbst für Taxifahrten ist eine besondere Genehmigung notwendig geworden. Damit hat für zahlreiche Unternehmen die Stunde der Wahrheit geschlagen.
Im Rückblick auf das Jahr 2000 kann Israels Hochtechnologiesektor mit dem Ergebnis unter dem Strich sehr zufrieden sein. Die Ausfuhr von elektronischen Bauteilen und Systemen erhöhte sich um 50% auf 13 Mrd. $. Die Erlöse summierten sich auf 15 Mrd. $, wobei 90% des Outputs zivilen Zwecken dienten. Auch die neuen Investitionen haben im Vorjahr alle bisher bekannten Rekorde gebrochen. Sie summierten sich auf 3,2 Mrd. $ und lagen damit um 80% über dem Niveau von 1998. In den ersten drei Quartalen 2000 hatten israelische Firmen keine Probleme, ihre Aktien an der Börse Nasdaq in den USA zu emittieren und ca. 4,5 Mrd. $ zu kassieren.
Jedoch die Wende zeichnete sich bereits ab. Die abkühlende Konjunktur in den USA und die Nahostkrise führten zu Kursrutschen und die damit verbundene Verunsicherung der Anleger liess bald bei zahlreichen Unternehmen rote Warnlampen aufflackern. Der Kursverfall beeinflusste die Zurückhaltung der Investoren. Infolge schrumpfender Erträge und Renditen machte sich Enttäuschung breit mit sofortigem Einfluss auf die Investitionsbereitschaft der Geldgeber. Da 80% der in Israel tätigen High Tech Firmen in den USA eingetragen sind, war der Effekt der Konjunkturverschlechterung programmiert.
Die zahlreichen in Israel tätigen Wagnisfonds sahen sich zu Vorsichtsmassnahmen veranlasst. Bei der Finanzierung neuer Projekte taktieren sie jetzt mit grösster Vorsicht. Auch bei anderen Vorhaben verhalten sich die Fonds eher zurückhaltend. Sie wollen die Entwicklungen abwarten, bevor sie wieder agieren. Zum Beispiel die israelische Investment-Gruppe Yazam, zu der auch das internationale Gründernetzwerk First Tursday gehört, spürt Druck ihrer Investoren, ihre Beteiligung zurückzufahren. Vor dem Hintergrund der abschwächenden Internet-Konjunktur, in die Yazam investiert hat, drängen Grossinvestoren wie J.P. Morgan, Merril Lynch und Texas Pacific Group auf eine Straffung der Geschäftsaktivitäten auf reines Portfolio-Management. Laut kursierenden Gerüchten wird im Yazam-Vorstand sogar schon über die Möglichkeit einer Liquidierung nachgedacht.
Für herbe Überraschung sorgte die Gewinn-Warnung der bisher erfolgreichen Softwareschmiede Level 8, die sofort einen Kurssturz der Papiere von 18% auslöste. Auch beim prominenten Systemhersteller ECI rumort es ganz bedenklich. Ursprünglich wollte das Management im Rahmen einer Neuordnung des Unternehmens ca. 300 Mitarbeiter freistellen und drastische Sparmassnahmen einführen, um für die ungewisse Zukunft gerüstet zu sein. Poalim Investment sah sich gezwungen einzugreifen und für das defizitäre Schach Internetportal von Kasparov Chess Online einen neuen Investor zu finden.
Überhaupt geht es den zahlreichen inländischen Internet-Firmen und Portalen gar nicht gut. So liegt das Portal Netking auf den Brettern und wartet auf einen weissen Ritter mit viel Geld, um das stolpernde Unternehmen wieder auf die Beine zu stellen. Der Internetanbieter Tapuz wurde dieser Tage von der Firma Sani für ein Butterbrot von bescheidenen 450 000 $ übernommen. Noch vor einigen Monaten versuchte Tapuz - auf 300 Mio. $ geschätzt, Anteilscheine zwecks Refinanzierung zu emittieren. Der führende Internet-Provider NetVision wird mit dem E-Commerce-Anbieter XXL fusioniert, um im harten Wettbewerb schlagkräftiger zu agieren. Auch einige israelische Zeitungen haben ihr umfassendes On-Line-Angebot stark reduziert, nachdem das schrumpfende Werbeaufkommen den Aufwand nicht mehr deckte und die Notwendigkeit entstand, wachsende Defizite zu finanzieren. Uri Har, Geschäftsführer des Fachverbandes Elektronik und Hochtechnologie, appellierte an die Unternehmen mit der Aufforderung, die Anpassung an die neuen Realitäten zu beschleunigen, denn in der heimischen Cyberlandschaft werden die Karten neu gemischt.