Israel und die Diaspora
Die Türkei, lange einer der zuverlässigsten und stabilsten Partner Israels, hat den israelischen Botschafter des Landes verwiesen. In Ägypten, einem friedlichen Partner Israels, seit die beiden Nationen 1978 einen Friedensvertrag unterzeichnet haben, hat ein zorniger Mob die israelische Botschaft attackiert. Und in Amman ist aus Angst vor ähnlichen Gewaltausbrüchen das israelische Botschaftspersonal evakuiert worden.
Wahrscheinlich sind die Kontakte Israels zu anderen Staaten des Nahen Ostens nie fragiler gewesen, als sie es heute sind. Das ist
eine kühne Behauptung, wenn man die Geschichte von Gewalt und Krieg in der Region in Betracht zieht. Genau wegen dieser Fragilität sollten die Beziehungen Israels zu Juden in aller Welt höchst dringend gefestigt werden. Die jüdische Einheit war im Volk immer schon eine vorrangige Wertvorstellung unserer Gemeinschaft. Im 21. Jahrhundert aber haben wir das Gefühl, die Verbindung zwischen Israel und der Diaspora werde allmählich schwächer. Dieses für Israels Stehvermögen und Unverwüstlichkeit kritische Band muss wieder gestärkt werden, damit wir in der Lage sind, uns den zahllosen Herausforderungen zu stellen, die uns heute begegnen.
Meine Eltern kamen in Polen zur Welt, überlebten NS-Konzentrationslager und konnten nach Israel einwandern. Von Kindesbeinen an lehrten sie mich, Wertschätzung für Israel zu empfinden und den Staat nie als selbstverständlich zu betrachten. Ich war Zeuge der Wiedergeburt meiner Nation, und ich habe dem Land während der letzten 40 Jahre an verschiedenen Posten im Sicherheitswesen und im öffentlichen Leben gedient.
Doch das jüdische Post-Holocaust-Narrativ ist in Tat und Wahrheit nichts anderes als eine Fortsetzung der historischen Diaspora – eine beidseitige Distanzierung voneinander, die heute mehr denn je komplexe Fragen hinsichtlich der Unterstützung Israels durch Juden in aller Welt, vor allem aber in den USA, aufwirft.
Mein Cousin Sammy und ich zum Beispiel teilen eine gemeinsame Vergangenheit und Werte, wurden aber total unterschiedlich erzogen. Durch Meere von meiner Heimatstadt Ashkelon getrennt, ist Sammy in Detroit aufgewachsen, wohin sein Vater und sein Onkel auswanderten, nachdem sie die Nazizeit überlebt hatten. Sammy wuchs als überzeugter Jude und Zionist auf, und daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Seit unserer Kindheit pflegen wir einen engen Kontakt und sorgen dafür, unsere Familie mit regelmässigen Besuchen und laufender Kommunikation intakt zu halten.
Das war mir immer sehr wichtig, doch während einer Studienreise durch Nordamerika vor ein paar Monaten wurde es noch wichtiger. Die von der Ruderman-Familienstiftung organisierte Reise zeigte mir, dass meine tiefgehenden persönlichen Sorgen um meine Familiekontakte nichts als ein Mikrokosmos der Gefahren sind, welche die Kontinuität des jüdischen Volkes bedrohen. Natürlich bin ich nicht der Erste, der diese Bedrohung für die nationale jüdische Einheit und Sicherheit erfasst hat. Denker und Forscher untersuchen die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora seit Jahren, und in Debatten redet man über Wege und Möglichkeiten, dieses einzigartige Band im 21. Jahrhundert nicht reissen zu lassen.
Für einen Politiker war das eine neue Erfahrung. Anstatt, wie meistens, zu reden, kamen wir und hörten zu. Anstatt unsere eigenen Ideen darzulegen, lernten wir von anderen. Und einige der Dinge, die wir lernten, waren alarmierend.
Wir stellten fest, dass gemäss einer Untersuchung der Anti-Defamation League von 2009 12 Prozent der amerikanischen Bevölkerung – über 30 Millionen Menschen – antisemitische Ansichten vertreten. Wir waren erstaunt über eine solche Bigotterie ausgerechnet in Amerika, der Wiege der Freiheit für die ganze Welt, wo Juden sich seit mehr als einem Jahrhundert wohlfühlen. Wir erfuhren ferner, dass 35 Prozent der amerikanischen Bürger die Ansicht vertreten, US-Juden seien Israel gegenüber loyaler als gegenüber den USA.
Nicht weniger beunruhigend waren inkonsistente Statistiken über die Zahl der in den USA lebenden Juden. In diversen Studien variiert die Zahl der US-Juden zwischen 5,2 und 6,5 Millionen. Die riesige Differenz von 25 Prozent lässt auf eine echte Identitätskrise hinsichtlich der Definition von «jüdisch» schliessen, oder hinsichtlich der bei uns in Israel geläufigen Frage «Wer ist Jude?». In Israel pflegen wir die Jüdischkeit mit klaren Entweder-oder-Kriterien zu definieren. Damit riskieren wir aber, unsere Freunde in verschiedenen jüdischen Gemeinden in aller Welt, vor allem aber in Amerika, zu entfremden, weil sie die Einheit in der Diversität finden.
Als politische Führer Israels hat uns diese Reise in die amerikanisch-jüdische Lebenswelt tiefe Sorgen hinsichtlich dieses Grabens bereitet. Noch akuter wird diese Sorge angesichts der potenziellen Ausweitung besagten Grabens zu einer Zeit, da Israel sich auf Freunde aus dem Ausland verlassen muss.
Avi Dichter ist ein Knessetmitglied der Kadima-Partei und war früher Leiter des Inland-Geheimdienstes Shabak sowie Minister für öffentliche Sicherheit.