«Israel profitiert immer noch vom Freundschaftskapital»

October 9, 2008
Ende Jahr verlässt Yitzchak Mayer (66), Israels Botschafter in Bern, die Schweiz und kehrt nach Kochav Yair zurück, ein 2000-Familien-Dorf in Israel, hart an der «grünen Linie» neben Kfar Saba und Kalkilyia. «Mein Haus liegt genau 12 Meter im Grünen, d.h. innerhalb der Grenzen von 1967», meinte Mayer schmunzelnd. «Ehud Baraks Bleibe ist 14 Meter diesseits der Linie, auch wenn die Palästinenser behaupten, es stehe schon auf ihrem Gebiet.» Mit Barak verbindet den zur National-religiösen Partei gehörenden Mayer politisch zwar wenig, doch es gibt Berührungspunkte: «An Jom Kippur steht Barak immer neben mir, und dann zeige ich ihm im Gebetbuch, wo wir halten.» Der Botschafter ist nicht der Meinung, Barak müsse ihn am kommenden Jom Kippur zunächst mal um Verzeihung dafür bitten, ihn ein halbes Jahr vor Ablauf seines Vertrages aus der Schweiz nach Hause berufen zu haben. «Meine Ernennung war eine politische, und es ist durchaus das Recht eines Premierministers, solche Posten mit Leuten aus seiner Umgebung zu besetzen.» Allerdings hätte Barak, so räumte Mayer ein, dabei etwas weniger brutal vorgehen dürfen. Trotzdem habe er, im Gegensatz etwa zum Botschafter in London oder dem Generalkonsul in New York, auf rechtliche Schritte gegen den Rückpfiff verzichtet. Man habe sich gütlich geeinigt. Für die Zeit nach der diplomatischen Karriere hat Yitzchak Mayer unzählige Pläne. Er will sich vor allem in kulturellen Belangen engagieren und u.a. im Hechal Shlomo in Jerusalem ein «Museum der Tefilah» (des Gebetbuches) errichten. Dann aber will er auch schreiben - zurzeit arbeitet er an einem Theaterstück -, im gemässigten Flügel des Misrachi wieder aktiv werden, und den Schweizer Juden einen Platz im Diaspora-Museum verschaffen. - In einem Gespräch, das Jacques Ungar für die JR führte, hielt Yitzchak Mayer Rück- und Ausblick.
Botschafter Yitzchak Mayer: «Ich betrachtete es als eine meiner Aufgaben, die gegenseitige Dämonisierung zu bekämpfen. Die Schweiz wurde manchmal zu Unrecht atttackiert. Neben dem Schatten gab es nämlich auch viel Licht.» - Fotos Keystone / Archiv JR Offener Dialog: Ehepaar Mayer mit dem damaligen SIG-Präsidentin Rolf Bloch (rechts) und dessen Gattin im Jahre 1999. Auftakt: Mit einem Besuch in Eglisau erinnerte Mayer 1997 an seine Rettung als Flüchtling.

Jüdische Rundschau: Sie verlassen die Schweiz zu einem für Israel kritischen Zeitpunkt. Wie würden Sie die Stimmung beschreiben, die hier heute gegenüber Israel herrscht?
Yitzchak Mayer: Als nicht sehr leicht. Ich muss aber sagen, dass wir zwar viele kritische und auch antisemitische Briefe erhalten - das Syndrom Zionismus = Rassismus taucht wieder auf und damit die Gleichstellung der Juden mit den Nazis -, doch der Grossteil sind gute und schöne Briefe. Es gibt verschiedene Arten von Stimmungen: Die diplomatische, die der Medien, der Meinungsmacher und der Briefeschreiber. Daneben gibt es auch noch die Stimmung, die wir gar nicht kennen.
Mit scheint, Israel profitiert hier noch immer von einem Freundschaftskapital, das aus jenen Zeiten herrührt, da junge Schweizer als Freiwillige in Kibbutzim arbeiteten. Wir profitieren auch noch von der Freundschaft der religiösen Christen in der Schweiz. Diplomatisch haben wir, was die Stimmung betrifft, Schwierigkeiten gehabt.

Jüdische Rundschau: Wie gelangt dies zum Ausdruck?
Yitzchak Mayer: Wir wissen genau, wo die Schweiz diplomatisch in Bezug auf die Gewalt der letzten Zeit steht: Auf beiden Seiten. Immer werden beiden Seiten ausgewogen Vorwürfe gemacht. Das ist in Dokumenten belegt. Unsere Schwierigkeit ist nicht nur darin begründet, dass ich als Botschafter nur eine Seite vertreten, die zweite höchstens begreifen kann. Die Realität ist einfach nicht eine Realität von beiden Seiten. Es gab keine Lynchjustiz auf beiden Seiten, es gab keine Schändung heiliger Stätten auf beiden Seiten. Man kann die Szene nicht gleichgewichtig beobachten, denn es gibt kein Gleichgewicht. Unsere Position ist glasklar: Die jüngste Gewalt wurde von einer Seite vom Zaune gerissen, nachdem der strategische Beschluss gefällt worden war, eine Situation mit Gewalt zu ändern.

Jüdische Rundschau: Machen Sie die Medien verantwortlich für die Stimmung in der Schweiz?
Yitzchak Mayer: Ich gehöre zu jener Minderheit, welche die Medien nie verantwortlich macht. Ich diskutiere mit ihnen und bin manchmal unzufrieden mit ihnen, aber verantwortlich mache ich sie nicht. Ich kann nicht behaupten, dass die diplomatische Schweiz ihre Position aufgrund der Medienberichte fixiert, obwohl sie natürlich Einfluss ausüben. In jeder Demokratie gehört die Stimmung in den Medien zu den Dingen, welche die Politiker beobachten und verfolgen. Eine Gesellschaft ohne Medien kann ich mir gar nicht vorstellen. In den Medien gibt es Leute, die Stellungen beziehen, Haltungen und Ideen haben. Wenn ich mich beklage, dann höchstens über unprofessionelle Medienschaffende. Ich beklage mich aber nur selten, denn die Medien haben ein «Drehbuch», eine Story. Und heute haben die Araber nun mal die bessere Story. Sie sind die «Underdogs», wie die Medien sie in jeder Geschichte erwarten. In Polen gewann «Solidarnosz» gegen die Regierung, an der Berliner Mauer stürzten die Jungen die Machthaber usw. Und wenn die israelischen Soldaten, deren Ausrüstung auf die arabischen Armeen ausgerichtet ist, den Palästinensern gegenüberstehen, dann ist nun mal die Medien-Story der Palästinenser die bessere.

Jüdische Rundschau: Immer wieder hört man das Argument, die schwache Informationspolitik des Staates sei mit ein Grund dafür, dass Israels Image in den letzten Wochen derart gelitten hat.
Yitzchak Mayer: Meine Haare sind heute grau, doch dieses Argument hörte ich schon, als sie noch schwarz waren. Seit 50 Jahren wirft man der israelischen Informationspolitik Schwächen vor. Bei allen Schwierigkeiten aber machen wir es besser, als allgemein angenommen wird. Das politische Resultat beweist dies: Wir sind da und bleiben da. Obwohl kein einziges der 190 UNO-Mitglieder einverstanden ist mit unserer Jerusalem-Politik, sitzen wir in der Stadt, Präsident und Premier residieren hier, und auch die Knesset ist hier; die Diplomaten kommen nach Jerusalem…

Jüdische Rundschau: Wenn es sein muss, aber die Mehrheit der 190 Staaten anerkennt Jerusalem politisch-diplomatisch nicht.
Yitzchak Mayer: Die Realität spricht aber eine andere Sprache. Auch die Siedlungen sind umstritten. Kein Land ist mit unserer Politik in dieser Beziehung einverstanden. Gleichzeitig wissen alle Länder aber genau, dass Israel nie alle Siedlungen aufgeben wird.

Jüdische Rundschau: Alle Länder wissen aber ebenso genau, dass ein Friede nur zustande kommt, wenn Israel einen Teil der Siedlungen verlässt.
Yitzchak Mayer: Richtig. Man weiss aber auch, dass der Unterschied im Lande heute darauf hinausläuft, dass die eine Grosspartei sagt, 80% der Siedlungen würden unter israelischer Souveränität bleiben, während die andere von 70% spricht. In Camp David hatten ja die Palästinenser schon das Prinzip der Siedlungsblöcke und des Gebietsaustausches anerkannt. Dann weiss jeder, dass die Palästinenser das Recht auf Rückkehr fordern. Gleichzeitig versteht man aber auch Israels Position, auch wenn man mit ihr nicht einverstanden ist. Politisch haben wir den Medienkrieg also nicht verloren. Wir haben höchstens etwas Image eingebüsst.

Jüdische Rundschau: Ist das nicht schon schlimm genug?
Yitzchak Mayer: Unsere Information ist besser als ihr Ruf, aber das reicht nicht. Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass es einen Konflikt gibt, nicht nur Gewalttaten. Der Konflikt hat eine Geschichte, und hier kommt die Ungeduld des Publikums mit der Geschichte hinzu, das kurze Gedächtnis. Man ist nicht mehr daran interessiert, was 1947 geschah, sondern will wissen, was heute los ist. Trotzdem kann man die israelisch-arabischen Kriege nicht verstehen, wenn man nicht sieht, dass es sich um einen existentiellen Konflikt handelt, der auf der Ablehnung des Rechts des jüdischen Volkes auf Rückkehr durch die arabische Welt beruht.

Jüdische Rundschau: In der Zeit Ihres Wirkens in der Schweiz fand die Holocaust-Debatte statt. Wie präsentiert sich heute, nach Abschluss dieser Debatte, das bilaterale Verhältnis zwischen der Schweiz und Israel?
Yitzchak Mayer: Ich glaube nicht, dass die Debatte beendet ist. Es gibt einen Vergleich, aber die Debatte wird wahrscheinlich noch viele Jahre fortdauern. Wenn die unabhängige Kommission erst einmal ihren Schlussbericht abgegeben haben wird, dann hat die Schweiz ihre Haltung im 2. Weltkrieg sozusagen durchleuchtet. Hinzu kommt, dass ja auch die Gelder noch nicht verteilt worden sind.
Eigentlich geht es hier aber um etwas anderes. Die Schweiz hätte im Grunde genommen auf die Debatte vorbereitet sein sollen, die schon zuvor, ohne jeden Druck von aussen, ihren Anfang genommen hatte, indem Schweizer Medienschaffende und Schriftsteller schon begonnen hatten, die Art der Schweizer Neutralität während des Krieges in Frage zu stellen. Die Schweiz war wohl auf eine Untersuchung vorbereitet gewesen, nicht aber eine Diskussion mit den Juden. Sie hätte wissen müssen, dass eine neue, junge Generation auferstanden war mit Leuten wie Burg, Singer, Hirschson, die nun Gerechtigkeit forderten. Die Schweiz war nicht vorbereitet, aber sie war zutiefst betroffen. Der nun in Gang kommende Dialog entwickelte sich zunächst zu einem beidseitigen Missverständnis.

Jüdische Rundschau: Wie ist das zu verstehen?
Yitzchak Mayer: Die Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und nach einem Abkommen hätte kooperativ vor sich gehen sollen, doch stattdessen kam es zur Konfrontation. Auf jüdischer Seite hiess es, man könne die Schweiz nur mit Kraftanwendung in ihrer Position erschüttern. Die schweizerische Seite wiederum sah sich aus Gründen der Abwehr zur Bildung einer «Task Force» veranlasst. Zu Beginn hiess es, man wolle den Eindruck erwecken, als ob Auschwitz in der Schweiz gelegen habe. Das war ein Missverständnis, denn Auschwitz war, wie wir heute wissen, nicht in der Schweiz alleine, sondern in der ganzen Welt. Eine verbrecherische, pathetische Bande von Kriminellen hat den Krieg geführt, inkl. die Judenvernichtung, aber Millionen sonst anständiger Menschen haben mitgemacht. Wenn man also Juden im Krieg nicht in die Schweiz hereinliess, war das «auch Auschwitz». Und das hat die Schweizer sehr betroffen; sie konnten das nicht akzeptieren. Dabei wusste man genau, was mit Juden geschah, die mit dem «J» im Pass über die Grenze zurückgeschickt wurden. Auschwitz war doch nicht nur in Polen.

Jüdische Rundschau: Sind die beiden Seiten heute soweit, dass sie das Thema, wenn auch nicht ohne Emotionen, so doch ohne Animositäten miteinander diskutieren können?
Yitzchak Mayer: Ja. Ich betrachtete es als eine meiner Aufgaben, die gegenseitige Dämonisierung zu bekämpfen. Die Schweiz wurde manchmal zu Unrecht atttackiert. Neben dem Schatten gab es nämlich auch viel Licht. Die Schweizer Bevölkerung hatte viel geholfen. Ich kann das bezeugen, weilte ich während des Krieges doch als Flüchtlingskind in der Schweiz. Es wäre falsch, die Schweiz zu stigmatisieren.

Jüdische Rundschau: Kann man also das Verhältnis zwischen der Schweiz und Israel als stabil bezeichnen und sagen, dass die beiden Länder imstande sind, der Debatte die erwünschte Richtung zu verleihen?
Yitzchak Mayer: Ich hoffe sehr. Einen grossen Beitrag zur Festigung der bilateralen Beziehungen leistete der Besuch des damaligen Bundespräsidenten Cotti in Israel. Er kam mitten in der Debatte, und es fanden offene Gespräche statt. Cotti stellte fest, dass Israel einerseits Gerechtigkeit forderte, andrerseits anerkannte, dass die Schweiz Schritte in die richtige Richtung unternommen hat. Das war entscheidend, wobei ich heute noch immer nicht alle Details unserer Bemühungen in Bezug auf das Zustandekommen der Visite enthüllen kann. Mein Ziel war es, die Diskussion zum Schweizer hinzutragen.

Jüdische Rundschau: In vielen Teilen Europas, inkl. der Schweiz, erleben wir ein erneutes Aufflackern des Rechtsextremismus. Wie erklären Sie das?
Yitzchak Mayer: Generell sollte man alle Erscheinungen des Antisemitismus und des Neo-Nazismus als gefährlich einstufen. Den Experten, die das relativieren, traue ich nicht, auch wenn sie vielleicht sogar recht haben. Es handelt sich hier um einen Bazillus, der bekämpft werden muss. Solange aber, und das ist die Kehrseite der Medaille, die Gesellschaft, die Länder, die Parlamente, die Journalisten der Erscheinung zu Leibe rücken und es sich nicht um einen exklusiv jüdischen Abwehrkampf handelt, bin ich ruhiger. Der grosse Unterschied zu damals ist, dass es heute keinen staatlich gelenkten Antisemitismus gibt. Man hat Gesetze, Verbote usw. dagegen errichtet. Die Länder haben die Erscheinung als Krankheit anerkannt, wie das Beispiel Haider in Österreich zeigt. Der Jude weiss, dass er heute in diesem Kampf nicht mehr alleine ist.

Jüdische Rundschau: Stellen Sie Christoph Blocher und die SVP auf die gleiche Ebene wie Haider und seine Partei?
Yitzchak Mayer: Nein. Die Schweiz hat gänzlich anders reagiert als Österreich. Blocher ist nicht in der Regierung, und seine Politik betrachte ich als eine interne Angelegenheit der Schweiz. Vehement regiert hatte ich nur, als Blocher zum Buch eines Holocaust-Leugners meinte, wie recht der Mann habe und anschliessend zugeben musste, das Buch gar nicht gelesen zu haben. Dieser Flirt mit dem Antisemitismus ist gefährlich. Im Übrigen muss man aber doch sagen, dass das politische System der Schweiz Christoph Blocher keinen Zugang zur Macht gegeben hat.

Jüdische Rundschau: Die Unruhen der letzten Wochen haben den Tourismus nach Israel praktisch zum Erliegen gebracht. Dabei annullieren auch Juden, nicht zuletzt auch in der Schweiz, Israel-Reisen massenweise. Lassen diese Menschen den Staat Israel nicht gerade zu einem Zeitpunkt im Stich, da er die weltweite Solidarität am nötigsten hätte?
Yitzchak Mayer: Die Leute annullieren eine Reise, ohne zu realisieren, dass sie damit dem Staate Israel, und auch seinem Kampf ums ökonomische Wohlergehen, einen Bärendienst erweisen. Sie führen Warnungen offizieller Regierungsstellen in aller Welt an. Diese Haltung ist falsch, und zwar nicht nur weil sie der israelischen Touristikindustrie einen schweren Schaden zufügt, sondern weil Israel nach wie vor ein sicheres Land bleibt. Bedrohungen gegen Israel hat es seit jeher gegeben, doch das Land ist deswegen doch sicher geblieben, denn die grössten Bemühungen des Staates sind auf den Schutz seiner Menschen ausgerichtet. Das Land brennt nicht, und trotz der Kampfhandlungen gibt es sogar mit den Palästinensern noch Beziehungen. Mit einem Besuch zur jetzigen Zeit würde man sich solidarisch zeigen mit den Bürgern Israels. Wer eine Reise absagt, begreift vielleicht gar nicht, wie sehr dies ein Votum gegen das Wohlergehen des Staates Israel ist.

Jüdische Rundschau: Die Palästinenser wollen einen eigenen Staat. Wird ein solcher Staat zum israelisch-arabischen Gesamtfrieden führen?
Yitzchak Mayer: Es ist zu hoffen, aber es wird kaum sofort dazu kommen. Wäre das Palästinenser-Problem die Ursache des Konfliktes, würde logischerweise sofort nach dessen Lösung Friede herrschen. Das Problem sind aber nicht die Palästinenser; das Problem ist Israel. Hat Israel ein Recht, als souveräner Staat in dieser Region zu existieren? Das ist doch die zentrale Frage, und dann liegt ein Friede mit Staaten wie Irak, Libyen, Iran und Syrien noch in weiter Ferne. - Entsteht der Palästinenserstaat im Konsens mit Israel, ist das eine Sache. Entsteht er aber aufgrund einseitiger Schritte und mit Gewalt, ist das wiederum eine ganz andere Sache. Camp David scheiterte, weil Arafat zum Konsens nicht bereit war, und solange wie die Situation so bleibt, werden die Palästinenser und die Araber-Staaten fortfahren, Druck auf Israel auszuüben. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass die israelische Armee am Tag nach der Vertragsunterzeichnung mit den Palästinensern aufgelöst wird.