Israel ist nicht die Titanic

Tom Segev, May 7, 2008
Der israelische Historiker und Publizist Tom Segev teilt die Sorge vieler Landsleute um die Zukunft Israels: Dazu geben ihm die Konflikte mit den Nachbarn und den Palästinensern sowie der Verlust von Idealismus und innerem Zusammenhalt Anlass. Dennoch hält Segev sein Land für vital genug, diese Herausforderungen zu überwinden.

Von Tom Segev

Als ich Anfang der achtziger Jahre damit begann, die Geschichte der ersten Israeli zu schreiben, stellte sich bei mir bald das Gefühl ein, durch dieses Projekt meine späte Geburt – ich war 1949 erst drei Jahre alt – kompensieren zu wollen. Über kein Ereignis wollte ich als Journalist lieber schreiben als über die Entstehung des Staates Israel.

Hätte ich bereits zur Zeit der Staatsgründung als Journalist in Israel gearbeitet und das Land bereist, hätte ich die wahren Hintergründe der Geschichte unmöglich erkennen können. Als ich nach Ablauf der 30-Jahre-Frist endlich Zugang zu den Archiven erhielt, bekam ich viel mehr zu sehen: Zum ersten Mal konnte ich Unterlagen einsehen, die die wahren Vorgänge enthüllten, so auch den in geheimen Sitzungen festgelegten politischen Entscheidungsprozess. In den Unterlagen befanden sich auch die internen Briefwechsel der Entscheidungsträger; unter anderem erhielt ich Einblick in das Tagebuch von David Ben Gurion.

Das war ein ausserordentliches Erlebnis. Ich bestellte eine Akte, entnahm daraus ein Dokument und hörte nicht auf zu staunen. Immer wieder dachte ich: Das war nicht das, was man mir in der Schule beigebracht hatte! Der Inhalt, der sich mir offenbarte, war weniger ehrenwert und weniger heldenhaft als das, woran ich gewohnt war zu glauben. Da gab es Akten, die Befehle dokumentierten, die Rückkehr der arabischen Flüchtlinge zu verhindern und sie aus ihren Häusern zu vertreiben. In der Schule hatten wir darüber nicht gesprochen. Da gab es einen syrischen Präsidenten, der mit Israel hatte Frieden schliessen wollen – und Ben Gurion hatte es abgelehnt, ihn zu treffen. In der Schule hatten wir gelernt, dass unsere Hand immer für den Frieden ausgestreckt sei, dass die Araber sich weigerten, sie zu ergreifen. Ich fand auch Dokumente, die die Diskriminierung der Neueinwanderer aus den arabischen Ländern belegten. Dabei sind wir mit dem Mythos aufgewachsen, in Israel eine gerechte Gesellschaft ohne Diskriminierung aufzubauen.

Jeder Riss kann lebensbedrohlich sein

Gründungsmythen sind wichtig für jede Nation, die sich im Aufbau befindet. Die Anfang der achtziger Jahre freigegebenen Dokumente bewiesen jedoch, wie mächtig die Gründerväter regiert hatten. Es war ihr Wunsch gewesen, dass die neuen Israeli eine Gemeinschaft bilden sollten, um sich einen kollektiven Traum zu erfüllen. Dagegen stand aber, dass man den Bürgern eines der wichtigsten demokratischen Rechte entziehen wollte: Das Recht zu zweifeln. Alles wurde nur schwarzweiss dargestellt. Wir waren die Guten, die Araber waren die Schlechten. Grauzonen kannten wir nicht.

Dieses Buch war der erste Versuch, sich mit der Geschichte eines Landes auseinanderzusetzen, das bis dato keine Historiografie hatte. Es herrschte die offizielle Ideologie; Indoktrination stand auf der Tagesordnung. Die wichtigen Geschichtsbücher wurden oft von den Akteuren selbst geschrieben – von politischen Führern oder Schriftstellern, die für sie arbeiteten. Auch Organisationen und Parteien gebärdeten sich als Geschichtsschreiber. Sie schufen eine Reihe nationaler Mythen und sorgten für ein schmeichelhaftes Selbstbildnis, das bis Anfang der achtziger Jahre Bestand hatte. Dann öffneten sich die Pforten der Archive.

Gleich nach der Veröffentlichung dieses Buches in Israel im Jahre 1984 fand ich mich in einer hochpolitischen Diskussion wieder, die bis heute andauert: Es wurde behauptet, dieses Buch sei ein subversiver Versuch, eine «neue, postmoderne Geschichte» darzustellen, die dem Zionismus feindlich gegenüberstehe. Die zionistische Interpretation der jüdischen Geschichte rechtfertigte die Gründung des Staates Israel. Dieser Ansicht nach wurden die Juden des Landes vor 2000 Jahren in die Diaspora gezwungen. In all den Jahren des Exils hätten sie nie ihren Traum aufgegeben, nach Zion zurückzukehren. Nach dem Holocaust sei die natürliche Existenz der Juden wiederhergestellt worden; sie seien in das Land ihrer Väter zurückgekehrt. Darauf basiere die Gründung des Staates Israel.

Diesen Annahmen kann man natürlich widersprechen, was viele getan haben. Die meisten Juden in der Welt haben sich die zionistische Ideologie nicht komplett zu eigen gemacht. Aber in einem Staat, dessen Existenz auf grundlegenden historischen Annahmen basiert, kann jeder Riss in existenziellen Mythen als lebensbedrohlich empfunden werden. Deshalb wird der historischen Forschung in Israel ein zentraler Platz im öffentlichen, politischen Dialog eingeräumt; das macht die israelische Politik so spannend.

Mit den Jahren lernten viele Israeli, ihre Geschichte klüger und kritischer zu verinnerlichen. Ausserdem sind zusätzliche Dokumente zugänglich geworden, die als Basis für viele Bücher dienten: Dieses Buch war das erste einer Reihe von Büchern, die ich schrieb. Zusammen bilden sie eine kollektive Biografie der Israeli. Es folgten viele weitere Studien anderer Historiker. Dennoch wiederholen sich einige der Mythen und Klischees ständig in den Geschichtsbüchern Israels, und bis heute gibt es Menschen, die überrascht sind zu entdecken, dass die Geschichte der Israeli komplexer ist, als sie dachten.

Ich identifiziere mich mit den ersten Israeli und bin manchmal neidisch auf sie, weil sie bei der Geburt einer der dramatischsten Erfolgsgeschichten des 20. Jahrhunderts dabei waren. Es genügt, sich durch die Internetseiten der Uno, der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds, der Weltgesundheitsorganisation und der Unesco zu klicken, um festzustellen, dass es vielen Israeli besser geht als den meisten Bewohnern der Erde. In den Statistiken erfasst sind zirka 150 Länder. Verglichen werden das Bruttosozialprodukt, die Säuglingssterblichkeit, die Lebenserwartung, die Analphabetenrate und ähnliche Parameter. In all diesen Listen befindet sich Israel unter den ersten 20 führenden Ländern. Der Lebensstandard und die Lebensqualität in Israel ähneln denen in einigen europäischen Ländern. Die meisten Israeli können davon ausgehen, dass das Leben, das ihre Kinder erwartet, besser sein wird als ihr eigenes und dass ihr Leben besser ist als das ihrer Eltern.

Glauben an Frieden aufgegeben

Die ersten 60 Jahre Israels vergingen mit Kriegen. Als man in den fünfziger Jahren über Araber sprach, meinte man nicht die Palästinenser. Sie waren geflüchtet oder wurden vertrieben, bevor die Mehrheit der ersten Israeli ankam. Die Palästinenser sassen irgendwo in Flüchtlingslagern und galten nicht als eine ernst zu nehmende Bedrohung. Wenn man «Araber» sagte, meinte man die arabischen Staaten. Die meisten Israeli glaubten, dass der Krieg, der mit einem israelischen Sieg endete, nicht der letzte Krieg sein würde, aber die meisten glaubten, dass die Zeit für Israel arbeitete. Nur wenn Israel stark bliebe, würden die Araber sie eines
Tages anerkennen, und es würde Frieden herrschen.

Später konnten sie für sich in Anspruch nehmen, Recht behalten zu haben: Ägypten hatte einst die Staaten angeführt, die gedroht hatten, Israel zu vernichten, und unterzeichnete nun ein Friedensabkommen mit Israel. Auch Jordanien schloss Frieden mit dem jüdischen Staat. Danach erkannten einige muslimische Staaten Israel an – direkt oder indirekt, öffentlich oder heimlich.

Nach dem Sechstagekrieg von 1967 konzentrierte sich der Streit auf die Feindschaft zwischen Israel und den Palästinensern. Sofort nach dem Krieg gab es Israeli, die für die Gründung eines palästinensischen Staates plädierten. Die meisten gaben diese Idee jedoch auf, und es dauerte nicht lange, bis nur noch die extreme Linke an dieser Idee festhielt. Die Palästinenser ihrerseits verlangten, dass die meisten Israeli in ihre Heimatländer zurückkehren sollten, später kam es dann zu einer Annäherung: Die Mehrheit der Israeli und der Palästinenser erkannte die Notwendigkeit, das Land in zwei Nationalstaaten zu teilen. Die Befürchtung, dass der Iran Kernwaffen entwickeln könnte, führte dazu, dass viele Israeli dafür plädierten, sich um einen Kompromiss mit den Palästinensern zu bemühen. Ohne Gegenleistung lösten sie die Siedlungen im Gazastreifen auf und waren dazu bereit, auch Siedlungen in der Westbank aufzugeben. Manche Israeli sind sogar dazu bereit, die Herrschaft über Jerusalem aufzuteilen.

Scheinbar spricht manches dafür, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Aber viele Israeli glauben nicht daran, dass der Frieden eine Chance hat, und das kurz vor dem 60. Unabhängigkeitstag ihres Landes. Die meisten wollen Frieden und sind bereit, einen bestimmten Preis dafür zu bezahlen; nur wenige von ihnen gehören zu den Hardlinern, die in den Palästinensergebieten leben. Die meisten Israeli unterstützen sie nicht, stehen aber der andauernden Präsenz der israelischen Armee und der Erweiterung der Siedlungen grösstenteils gleichgültig gegenüber.

Weil die Mehrheit der Israeli den Glauben an Frieden aufgegeben hat, sieht sie Besetzung, Unterdrückung und Terror als Dauerzustand an. Inzwischen umgeben sich die Israeli mit Zäunen und Mauern, die das Leben der Palästinenser erschweren. Einer der Hauptunterschiede zwischen den Israeli von heute und den ersten Israeli ist, dass das junge Israel den Glauben an Frieden wie einen Gründungsmythos pflegte.

Dass die Aussichten auf dauerhaften Frieden schlecht sind, ist ein guter Grund, woanders zu leben. Aber die meisten Israeli werden bleiben. Sie sind hauptsächlich Nachkommen von Einwanderern; es sind fast eine Million Menschen, die in den letzten 20 Jahren nach Israel gekommen sind. Sie wissen, dass es nicht leicht ist, in ein neues Land einzuwandern. Hunderttausende von ihnen besorgen sich europäische Pässe, sogar deutsche, denn wer weiss, was noch passieren wird. Und doch fühlen sich die meisten in Israel zu Hause. Im Gegensatz zu den ersten Israeli empfinden sie aber keine Begeisterung mehr darüber, in einem eigenen Staat zu leben. Die ersten Israeli waren persönlich überwiegend unzufrieden, glaubten aber an die Zukunft ihres Landes. Sie hatten einen Traum. Dies ist wahrscheinlich der grösste Unterschied zwischen den Israeli von damals und heute.

Doch der Verlust dieses Traums ist nicht durchweg negativ zu werten, denn an seine Stelle trat Selbsterkenntnis. Das israelische Volk ist erwachsen geworden. Der Reifeprozess vollzog sich im Gefolge der Friedensverhandlungen mit Ägypten und Jordanien sowie der Verhandlungen mit den Palästinensern: Die Israeli fühlen sich heute sicherer, und auch ihre wirtschaftliche Lage hat sich deutlich verbessert. Anders als die ersten Israeli, die sich als Kollektiv verstanden, betrachten sich heute die meisten als Individuen. Das Gefühl der Stammeszugehörigkeit, das in den Anfangsjahren Israels eine Notwendigkeit gewesen sein mag, hat mittlerweile viel von seiner Bedeutung verloren, wie auch die politische Ideologie im Allgemeinen. Immer mehr Israeli orientieren sich nicht mehr an der Vergangenheit oder der Zukunft, sondern an der Gegenwart, am Leben selbst. Nachdem sie erwachsen geworden sind, haben sie auch ein gewisses Mass an Selbstkritik entwickelt. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass viele der sogenannten «neuen Historiker» an amerikanischen Universitäten studiert haben; eine der wichtigsten Erkenntnisse, die sie mit nach Hause brachten, lautet, dass allgemein akzeptierte Wahrheiten immer wieder hinterfragt und kritisch überprüft werden müssen.

Ernüchtert, realistisch und zynisch

Manche vergleichen das Leben in Israel mit der Fahrt der Titanic – ein illusorisches Narrenschiff. Es gibt Israeli, die die Zukunft ihres Landes mit Sorge sehen. Sie befürchten, die andauernde Besetzung könnte Israel in ein «Land der Apartheid» verwandeln, wie viele Kritiker das Land bereits heute bezeichnen. Das trifft nicht nur auf die Palästinenser zu, die in den von Israel 1967 besetzten Gebieten leben, sondern auch auf die Araber, die in Israel leben. Jeder fünfte Israeli ist ein Araber. Sie geniessen keine volle Gleichberechtigung; viele von ihnen, besonders die Beduinenstämme im Süden des Landes, gehören zu den ärmsten Bevölkerungsschichten. Da tickt eine soziale und politische Zeitbombe. Aber die meisten Juden in Israel weigern sich, Israel als den Staat aller seiner Staatsbürger anzusehen, sie beharren darauf, Israel als ein jüdisches und demokratisches Land zu definieren. Die ersten Israeli kannten dieses Dilemma nicht.
Die meisten Israeli heute sind in einem Masse ernüchtert, realistisch und zynisch, wie es für die ersten Israeli nicht vorstellbar war, und haben ihr Vertrauen in die gesellschaftliche Solidarität verloren – einst einer der Gründungsmythen des Landes. Von der Diskriminierung, die für die ersten Jahre Israels charakteristisch war, ist noch ein Rest geblieben, und er erschwert das Leben bis heute. Unterschiede zwischen den orientalischen Juden aus arabischen Ländern und den aus Europa nach Israel gekommenen sind geringer geworden. Allerdings sitzen noch immer überdurchschnittlich viele orientalische Juden in Gefängnissen ein, und nur verhältnismässig wenige von ihnen studieren.

Die Beziehung zwischen der Kultur der orientalischen Juden und der Religion hat sich mit den Jahren gefestigt, obwohl die Gründerväter sich, wie in diesem Buch geschildert wird, bemühten, alle Bürger in einem säkularen Schmelztiegel zu vereinen. Die Verschmelzung der orientalischen Kultur mit der religiösen Tradition erzeugte eine politische Macht, die zur Zeit der ersten Israeli undenkbar war.

Viele Jahre konnte sich Israel von der in diesem Buch geschilderten schrecklichen Geschichte über Hunderte von im Jemen geborenen und «verschwundenen» Kindern nicht befreien. Mit den Jahren beschäftigte sich eine Reihe von Untersuchungsausschüssen mit diesem Thema. Als Ergebnis wurde stets festgehalten, dass die Kinder gestorben und nicht zur Adoption freigegeben worden seien, aber viele der betroffenen Eltern waren nicht bereit, dies zu akzeptieren. Es waren gläubige Menschen, die sich leichter damit taten zu glauben, dass ihnen der Staat die Kinder genommen habe – und nicht Gott.

Kaleidoskop von Identitäten

Einige der Ausgangspunkte der Konfrontation zwischen Staat und Religion in den ersten Jahren der Existenz Israels belasten den Staat noch heute, so auch das Verhältnis der offiziellen Religion zu den vielen Juden, die sich in Israel in den letzten Jahren ansiedelten. Das religiöse Establishment in Israel erkennt viele Einwanderer aus Russland und Äthiopien nicht als jüdisch an. Oft genug sind sie gezwungen, sich mit ähnlichen Problemen wie die ersten Israeli in den fünfziger Jahren auseinanderzusetzen. Das betrifft auch rassistische Stigmata, mit denen marokkanische und andere Einwanderer kämpfen mussten.

Die Auseinandersetzung zwischen frommen und säkularen Juden, die im Zentrum des Lebens der ersten Israeli stand, verläuft heute in einer kompromissbereiteren Atmosphäre. Dies ist das Ergebnis von zwei Prozessen, die sich zunächst zu widersprechen scheinen, sich aber tatsächlich ergänzen. Die eine Million Juden, die aus Russland kam, hat das säkulare Element in der israelischen Gesellschaft gestärkt. Mehr und mehr Fromme erkannten die Grenzen ihrer Macht, sie verstanden, dass sie ihren Glauben nicht dem ganzen Land aufzwingen konnten. Gleichzeitig schlossen die meisten Israeli Frieden mit ihren jüdischen Wurzeln, im Gegensatz zum vom Staat in den ersten Gründungsjahren unternommenen Versuch, die Bürger dazu zu bringen, ihre Vergangenheit auszulöschen und «neue», säkulare Menschen zu werden.

Man hat den Eindruck, dass die Spannung zwischen frommen und säkularen Bürgern in Israel zurückgegangen ist; Jerusalem und Tel Aviv haben sich arrangiert. Jerusalem, die heilige, fanatische Stadt, 5000 Jahre alt und auf Fels gebaut, wird von Jahr zu Jahr religiöser. Tel Aviv ist säkular, die Stadt sprudelt vor Leben, ist noch keine 100 Jahre alt und auf den Dünen des Mittelmeers entstanden. Von Jahr zu Jahr wird sie weniger ideologisch und immer pluralistischer und individualistischer.

Kurz vor dem 60. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung zeichnet sich in der israelischen Gesellschaft eine Koalition von Minderheiten ab, ein multikulturelles Kaleidoskop von Identitäten, die sich immer noch schwer damit tun, den gemeinsamen israelischen Nenner zu definieren. In dieser Hinsicht sind alle Israeli immer noch die ersten Israeli. Sie nehmen teil an einem einzigartigen historischen Experiment, das noch nicht gelungen und auch noch nicht gescheitert ist. Das macht ihre Geschichte so spannend.