Iranischer Parlamentarier in den USA

von Tom Tugend, October 9, 2008
Laut Agenturberichten aus der iranischen Hauptstadt Teheran will das dreiköpfige Richtergremium spätestens heute Donnerstag seinen Entscheid im Berufungsverfahren der zehn wegen Spionage für Israel verurteilten iranischen Juden veröffentlichen. In Los Angeles schloss vor einigen Tagen Maurice Motamed, das jüdische Mitglied des Teheraner Parlamentes, Haftentlassungen bzw. Reduktionen des Strafmasses nicht aus.

Spätestens heute Donnerstag wollen laut Agenturberichten aus Teheran die drei iranischen Richter ihren Entscheid im Berufungsverfahren bekannt geben, das die 10 wegen Spionage zugunsten Israels zu teils langen Haftstrafen verurteilten Juden in der Stadt Shiraz angestrengt haben. In diesem Zusammenhang meinte vor einigen Tagen Maurice Motamed, der jüdische Abgeordnete im Teheraner Parlament, es sei durchaus möglich, dass einige der Verurteilten freigelassen oder dass einige der Urteile reduziert würden. Motamed sprach im Kulturzentrum Eretz vor 400 Amerikanern iranischer Abstammung. Der Prozess habe, so meinte er u.a., die Würde und den Respekt der 25 000 Seelen zählende jüdischen Gemeinde seines Landes untergraben und zu einer starken Emigration von Juden aus Iran geführt. Motamed zehntägiger Aufenthalt in den USA ist nach Ansicht von Beobachtern Bestandteil der iranischen Bemühungen, die US-Regierung zur Aufhebung des Wirtschaftsboykotts gegen Teheran zu veranlassen, vor allem was die iranischen Ölvorkommen betrifft. Von einem solchen Schritt würde nach Ansicht des Parlamentariers der Iran und damit auch die jüdische Gemeinschaft profitieren. Anscheinend scheint Teheran zu glauben, dass, sobald die Juden in Iran dazu gebracht werden können, sich für eine Aufhebung der Sanktionen einzusetzen, dies die allgemeine amerikanische Gemeinschaft zu einem ähnlichen Verhalten gegenüber dem Weissen Haus und dem Kongress bewegen könnte.
Auf den ersten Blick erscheint dieses Szenario simplizistisch und unrealistisch, doch der offenbare Glaube der iranischen Regierung an einen unbeschränkten jüdischen Einfluss in Washington könnte nach Ansicht informierter Quellen letztlich der jüdischen Gemeinde in Iran helfen. Berichte, die von einem bevorstehenden Privatbesuch des iranischen Aussenministers Kharazzi in Los Angeles sprechen, in dessen Verlauf der Minister auch mit Juden iranischer Abstammung zusammen kommen würde, bestärken diese Auslegung der Teheraner Politik.
Maurice Motamed (55), der während seines Aufenthaltes in Los Angeles erstmals seit Jahren wieder seine dort lebende Familie, stellte in seiner Ansprache Präsident Khatami im Grossen Ganzen positiv dar. In New York ersuchte er zudem amerikanisch-jüdische Persönlichkeiten, bis zur Klärung der Zukunft der 10 Juden von Shiraz hinsichtlich des Schicksals von 11 jüdischen, vor rund sechs Jahren verhafteten jüdisch-iranischer Teenager keinen Druck auf Teheran auszuüben. Die 11 waren beim Versuch, die Grenze zu Pakistan zu passieren, festgenommen worden, und seither fehlt jede Spur von ihnen. Was die angeblichen Spione betrifft, formulierte Motamed seine Gedanken sehr vorsichtig, doch liess er durchblicken, dass er an ihre Unschuld glaube. «Während der 2700-jährigen jüdischen Präsenz in Iran haben Juden dieses Land nie verraten. Unsere Wurzeln sind so tief, dass sie nicht ausgerissen werden können.» Einer der Gründe für die zunehmende jüdische Emigration sei die Weigerung der Regierung, Juden und Vertreter anderer Minoritäten im Staatsdienst zu beschäftigen. Motamed selber arbeitet weiter für die Regierung als Ingenieur und Städteplaner. «Nicht jeder hat aber das gleiche Glück wie ich», sagte er. Die iranischen Juden seien, so fügte er hinzu, heute wieder in Kontrolle der jüdischen Schulen, und es bestünde Hoffnung, dass auch der von jüdischen Gemeinden und Einzelpersonen konfiszierte Besitz zurückerstattet würde. Schliesslich enthüllte der Parlamentarier auch, dass er darum bemüht sei, Reisen von iranischen, heute im Ausland lebenden Juden in ihre ursprüngliche Heimat zu erleichtern. Ein Sprecher des Rates der iranisch-jüdischen Organisationen in den USA meinte, solange Iran Israel und den Nahost-Friedensprozess ablehne, sollte man nicht zu solchen Heimat-Besuchen ermuntern.

JTA