Integration ist wichtig

April 30, 2008
Herbert Winter wird am 1. Mai voraussichtlich die Nachfolge von Alfred Donath als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds antreten. Im Gespräch mit tachles spricht er über Programm, Politik und Positionen.
<strong>Herbert Winter </strong>&laquo;Die Basis und die &Ouml;ffentlichkeit m&uuml;ssen wissen, was Sache ist&raquo;

tachles: Was hat Sie dazu motiviert, sich für das Präsidium des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) zur Verfügung zu stellen?

Herbert Winter:Für mich ist die «Klal-Arbeit» für die jüdische Gemeinschaft immer wichtig gewesen. Der Rücktritt Alfred Donaths ist für mich nun eine Gelegenheit, eine neue Herausforderung anzunehmen.

Sie wurden schon früher für die Präsidien des SIG und der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) gehandelt. Sind Sie der überall gesuchte Top-Mann, oder findet man gar keine anderen Kandidaten?

Bei der ICZ fand man offenbar, dass ich die bessere Wahl wäre als andere, die sich allenfalls anbieten würden. Heute trauen mir wohl diejenigen, die mich kennen, die Fähigkeiten zu, das Präsidium auszuüben.

Sie gelten als Integrationsfigur und Mann der Mitte. Welche Fähigkeiten würden Sie sich persönlich von einem SIG-Präsidenten wünschen?

Ich denke, dass ein SIG-Präsident eben diese Integrationsfähigkeit haben muss. Er muss mit Respekt und aus innerer Überzeugung Präsident aller Gemeinden und aller Mitglieder sein und dies auch vermitteln können. Viele, die mich angesprochen haben, schlugen mich genau deshalb vor.

Aber zu bestimmten Dossiers müssen früher oder später Entscheidungen getroffen werden, die dann vielleicht nicht alle glücklich machen.

Richtig. Bis anhin habe ich mich nur zu einigen wenigen Themen geäussert. Das wird in Zukunft anders sein, und es werden auch Taten folgen müssen. Dann wird die Zustimmung vielleicht kleiner.

Alleine was verbandsinterne Reformen anbelangt, ist die Erwartungshaltung hoch. Die nächste Geschäftsleitung (GL) wird die Frage beantworten müssen, was der SIG letztlich sein wird.

Interne Reformen sind sicherlich notwendig, so etwa im Bereich der Quorenregelung bei wichtigen Abstimmungen oder etwa Aufgaben der Gremien. Auch müssten wir uns überlegen, wie der Begriff jüdische Gemeinde definiert werden sollte. Generell weiss ich um die genannte Erwartungshaltung. Als Jurist, Pragmatiker und Realist weiss ich auch darum, dass Reformen Änderungen von Statuten und Reglementen erfordern. Die Erfahrungen der letzten Jahre führen mich zur Auffassung, dass substantielle Reformen durch formelle Strukturveränderungen kurzfristig nicht möglich sind. Das kann sich allenfalls ändern, wenn sich durch Auflösung oder Zusammenschluss von Kleinstgemeinden neue Mehrheiten bei Abstimmungen ergeben.

Kapituliert da der Anwalt vor den Regelwerken, oder halten Sie es für unmöglich, auf der Metaebene eine demokratisch durchsetzbare Vision einzubringen?

Um Änderungen erfolgreich durchzusetzen, muss man innerhalb der bestehenden Strukturen etwas verändern. Dies ist für mich vor allem eine Frage der Gesprächskultur, fundierter Überzeugungsarbeit oder des Aktivierens der Gremien. So wäre die Einführung einer zweiten Delegiertenversammlung durchaus sinnvoll. Sie gäbe den Delegierten die Möglichkeit, sich stärker einzubringen. Überdies hätten wir eigentlich wichtigere inhaltliche Themen anstatt diese ständige Strukturdebatte anzugehen.

Zum Beispiel?

Sicherlich möchte ich das jüdische Selbstbild durch eine positiv besetzte jüdische Identität stärken. Für viele unter uns ist die jüdische Identität primär durch Holocaust, Antisemitismus und Israel beeinflusst. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, das jüdische Selbstbild verstärkt durch jüdische Werte wie Respekt, Solidarität und jüdische Kultur zu prägen. Dann sind sicherlich Themen wie Mitgliederrückgang jüdischer Gemeinden, Einbezug nicht in Gemeinden organisierter Jüdinnen und Juden oder die Thematik interreligiöser Beziehungen zu nennen. Es ist an sich nicht Sache des SIG, diese Probleme zu lösen. Aber er könnte die Plattform für die entsprechende Diskussion bilden.

All diese Fragen gehören eigentlich in erster Linie in die Gemeinden. Wäre es nicht sinnvoll, den SIG der Zukunft als reine politische Repräsentanz gegen aussen und als Koordinationsstelle der Gemeinden zu etablieren?

Natürlich könnten die Gemeinden theoretisch einfach eine oder mehrere Personen bestimmen, welche für eine bestimmte Zeitdauer für sie reden sollen. Die Repräsentanz muss aber aus irgendeiner Organisation herauskommen, irgendwo verankert sein. Sicherlich müssen wir uns überlegen, welche Aufgaben der SIG in Zukunft erfüllen kann und will.

Die neue GL wird von Beginn an vor etlichen Problemen stehen, die der Lösung bedürfen. Welche Prioritäten werden gesetzt werden?

Die Kontinuität wird in der GL ja teilweise durch langjährige Mitglieder gewahrt, und wir müssen zuerst einmal eine Auslegeordnung machen, bevor wir – auch im Gespräch mit dem Central Comitée (CC) – Prioritäten setzen können. Dabei möchte ich hervorheben, dass mir das CC als Vertretung der Gemeinden ein wichtiges Gremium ist. Vordringlich wird die Suche nach einem neuen Generalsekretär sein.

Im Jahre 2004 entschied sich der SIG gegen die Aufnahme der liberalen Gemeinden. Inzwischen gibt es ein Kooperationsabkommen, das mehr schlecht als recht funktioniert. Wie wollen Sie da verfahren?

Ich habe den damaligen Entscheid des SIG sehr bedauert. Die liberalen Gemeinden gehören in den SIG. Inzwischen haben die Liberalen einen eigenen Dachverband gegründet. Es wird mein Bestreben sein, dass beide Verbände aktiv und konstruktiv zusammenarbeiten werden.

Sie vermitteln den Eindruck, dass Sie mit der GL als einem Team und nicht als den bisherigen offensichtlichen Einzelkämpfern arbeiten wollen. Wie wollen Sie das anpacken?

Ein Patentrezept habe ich nicht, nur einen Wunsch: Ich hoffe, dass schon alleine durch die partielle Veränderung der GL, sozusagen dem frischen Wind, der einzieht, etwas bewirkt wird. Transparenz und das Kollegialitätsprinzip innerhalb der GL sind mir wichtig, ebenso, dass die Mitglieder der GL hinter Mehrheitsbeschlüssen stehen. Letztlich aber bin ich als SIG-Präsident kein CEO einer Firma. Ich kann also nur an die Vernunft und das Interesse der Einzelnen an einer gut funktionierenden GL appellieren.

Sie haben eine junge Familie und sind mit Themen wie Schule, Jugendbünde, und Ähnlichem konfrontiert. Wird das inhaltlich einen Einfluss auf Ihre Führung des SIG haben?

Meine Familie gibt mir sicher viel Nähe zum aktuellen jüdisch-gesellschaftlichen Leben. Ich kann mir gut vorstellen, dass überlegenswerte Denkanstösse aus der Familie – und speziell von meinen Kindern – kommen werden, die mich übrigens stark für meine Kandidatur motiviert hat.

Haben Sie sich diesen Entscheid denn lange überlegen müssen?

Ja, ich hatte Zweifel, ob eine Familie mit Kindern, eine gut ausgelastete Anwaltskanzlei und diese zeitaufwändige Aufgabe nebeneinander machbar sind. Ich habe viele Gespräche geführt, mit der Familie, mit GL- und CC-Mitgliedern, mit anderen Interessierten.

Was haben Sie bei diesen Gesprächen mit Interessierten und Engagierten zum SIG zu hören bekommen?

Viele sagten, dass man gar nicht wisse, was der SIG eigentlich wolle, welche Strategien er habe, dass diese zuerst erarbeitet werden müssen. Aus meinen Gesprächen mit den GL-Mitgliedern habe ich den Eindruck gewonnen, dass zwar sehr wohl Definitionen von Kernaufgaben und Strategien bestehen, diese aber oft für die Schublade produziert wurden.

Jedenfalls sind solche Positionen nie gegen aussen kommuniziert worden.

Das scheint mir auch so. In jedem Fall sollte man Beschlüsse und Strategien auch kommunizieren, damit das CC, die Basis und die Öffentlichkeit wissen, was Sache ist.

Ihre Wahl am 1. Mai scheint so gut wie sicher. Haben Sie für sich persönlich schon eine Vorstellung, wo Sie im Tagesgeschäft Prioritäten setzen wollen?
Mir scheinen die beiden Bereiche «SIG-Internes», also das Verhältnis des SIG zu den Gemeinden und der Gemeinden untereinander sowie das Einbringen einer jüdischen Stimme in die nationale Politik sehr wichtig. Sicherlich werde ich mich frühzeitig auch mit den diversen internationalen jüdischen Organisationen sowie dem interreligiösen Dialog befassen.

Eines der Geschäfte, die Sie erwarten, ist der eingeleitete Verkauf des Berges du Léman, das viel Geld in die SIG-Kasse schwemmen wird. Darum wird es sicher Verteilkämpfe geben. Haben Sie zu dieser Diskussion schon einen Standpunkt?

Ich finde es richtig, dass ein wesentlicher Teil des Verkaufserlöses an den Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) geht. Das Berges du Léman war ursprünglich ein jüdisches Flüchtlingsheim, es wurde zu Beginn mit Geldern des VSJF gekauft und unterhalten. Der damalige VSJF war lediglich aus formaljuristischen Gründen – weil es ihn als separaten Verein damals nicht gab, sondern nur als relativ unabhängige Abteilung des SIG – nie als Eigentümer eingetragen, das Haus wurde jedoch bis in die fünfziger Jahre in der Bilanz des VSJF geführt. Als dann Berges du Léman in die Bilanz des SIG übertragen wurde, hätte meiner Auffassung nach eine Entschädigung vom SIG an den VSJF zurückfliessen müssen. Es ist aber nichts passiert. Auch als vor einigen Jahren eine grosse Landparzelle verkauft wurde, wurde der VSJF am Gewinn nicht beteiligt. Ich bin absolut für einen Verkauf, und wenn dabei ein substantieller Erlös entsteht, hat der VSJF zumindest ein moralisches historisches Recht auf eine angemessene Beteiligung.

Und der Rest?

Der SIG hat heute im Kanton Zürich eine Steuerbefreiung und ist verpflichtet, seine Mittel gemäss seinen statutarischen Zwecken zu verwenden. Mir ist bekannt, dass verschiedene Gemeinden darauf drängen, dass ein Teil des Geldes an sie fliesst. Dies ist meiner Meinung nach höchstens dann möglich, wenn diese Gelder von den Gemeinden gemäss den Zweckbestimmungen des SIG verwendet werden. Allerdings kann es sich dabei nur um relativ kleine Beträge handeln, wenn die Steuerbefreiung nicht gefährdet werden soll.

Also könnte beispielsweise das Geld beim SIG verbleiben und die Gemeinden von den Beiträgen befreit werden?

Das Geld gehört dem SIG. Die Delegiertenversammlung kann natürlich eine Reduktion der Mitgliederbeiträge beschliessen.

Interview: Yves Kugelmann