In Verbindung mit dem Nahen Osten

von Bill Gladstone, October 9, 2008
Als den «schlimmsten konzentrierten Ausbruch antisemitischer Gewalt, vor allem gegen religiöse Institutionen seit dem Zweiten Weltkrieg», bezeichnen viele Beobachter die antisemitische Welle, von der gegenwärtig die jüdische Gemeinschaft Kanadas heimgesucht wird.
Trügerische Idylle in Toronto: In Kanada ist die jüdische Gemeinde von einer antisemitischen Welle berüht. Foto Keystone

Mindestens 50 Fälle von Brandstiftung, Vandalismus oder dem Anbringen von Graffiti hat der Kanadisch-Jüdische Kongress (CJC) seit dem Ausbruch der Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern Ende September gezählt. In Montreal kam es zu vier tätlichen Angriffen: In einer U-Bahn-Station wurden zwei Käppchen tragende Studenten zusammengeschlagen, einem anderen widerfuhr in einem Schulhof ein ähnliches Schicksal, und ein von der Synagoge nach Hause gehender Mann wurde verprügelt. In Toronto flogen Ziegel in die Fenster zweier Synagogen, und auf die Wände von mindestens fünf weiteren Synagogen in der gleichen Stadt wurden antisemitische bzw. pro-palästinensische Slogans geschmiert. In den Städten London, Hamilton und Ottawa (alle in der Provinz Ontario) sodann waren jüdische Geschäfte und Institutionen Ziele ähnlicher Attacken. Die fünf Brandstiftungen, die gemeldet worden sind, schliessen Brandbomben gegen Synagogen und die Büros einer «Chewra Kadischa» (Bestattungsorganisation) in Montreal, Ottawa und Edmonton ein. In einem Fall durchsuchte die Polizei während des Gottesdienstes an Jom Kippur ein jüdisches Gemeindezentrum in Toronto, und auch die israelische Botschaft in Ottawa meldete eine Bombendrohung. Hinzu kommen diverse telefonische Drohungen, die jüdische Persönlichkeiten in Kanada erhalten haben.

Polizeipatrouillen vor Synagogen

Gemeinden und jüdische Institutionen im ganzen Lande haben die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt, und viele haben spezielles Personal eingestellt, das rund um die Uhr Bewachungsfunktionen versieht. In Montreal patroulliert die Polizei jede Stunde vor Synagogen. «Die Polizei», sagt Robert Libman, Bürgermeister von Cote Saint Luc, einem Stadtteil von Montreal mit starker jüdischer Bevölkerung, «ist sehr hilfsbereit, kooperativ und voller Verständnis für unsere Sorgen.» Die jüdischen Organisationen Kanadas verurteilen ihrerseits alle Angriffe gegen Minoritäten, da diese die multikulturelle Struktur des Landes gefährden würden. So kritisierte der Kanadische Jüdische Kongress in scharfen Worten und «unmissverständlich» die Schmierereien, die auf die Wände des Palestine House in Missisauga unweit von Toronto angebracht worden sind. Die arabische Gemeinschaft Kanadas ihrerseits hat sich bisher nicht klar von den Attacken gegen jüdische Ziele distanziert, doch haben unlängst verschiedene Rabbiner und ein moslemischer Imam aus Ottawa in einer gemeinsamen Erklärung gefordert, die Beziehungen zwischen Juden und Arabern im Lande nicht durch die Ereignisse im Nahen Osten beeinträchtigen zu lassen.
In einem Editorial schreibt die konservative, landesweit verbreitete «National Post», die Unterstützung einer Israel-kritischen Resolution in der UNO durch Kanada habe im Lande ein antisemitisches Klima entstehen lassen. Möglicherweise wird das kanadische Verhalten in der UNO dazu führen, dass viele Juden bei den nationalen Wahlen am 27. November die herrschende liberale Partei nicht mehr unterstützen werden.

Aufrufe arabischer Führer

Wie vergiftet die Atmosphäre bereits ist, zeigte sich an einer anti-israelischen Demonstration, als Teilnehmer den Slogan «Tod den Juden» skandierten, auf Plakaten den Davidstern mit dem Hakenkreuz und Ehud Barak mit Hitler gleichsetzten. Kanadisch-jüdische Persönlichkeiten weisen in diesem Zusammenhang auf die kürzlichen Aufrufe arabischer Führer zum Jihad (heiligen Krieg) gegen Israel und Juden in aller Welt hin. Das dürfte die anti-israelische Hetze auf Kanadas Strassen beflügelt haben. Im Vergleich zum letzten Jahr hat sich nach Angaben der Menschenrechtsliga des Bne Brith die Zahl der antisemitischen Zwischenfälle in Kanada im Oktober 2000 verdoppelt, wobei das viel schlimmer sei als die mitunter heftige politische Diskussion, an die man im Lande gewohnt sei.

JTA