In die Wüste?

April 8, 2010
Editorial von Jacques Ungar

Wie üblich an Festen tummelten sich auch an Pessach Israeli massenweise in den Synagogen, an festlich gedeckten Familientischen, an den Stränden von Meeren und Seen, und dank des milden Wetters millionenfach in freier Natur. Nicht weniger beliebt waren aber auch dieses Mal die Medien als Austragungsort von Verbalgefechten mit aktiver Beteiligung von Ministern, Abgeordneten und sonstigen Promis.

Für Israel fielen die Gefechte verheerend aus. Nehmen wir die Reaktion auf den türkischen Regierungschef Erdogan, der diese Woche den Muslimen in aller Welt die Verteidigung durch die Türkei zusagte und unter anderem meinte, man könne der «Ermordung von Kindern in Gaza» nicht gleichgültig zusehen. Kein Wort von den nicht abreissenden blutigen Anschlägen gegen Zivilisten in Pakistan oder Irak, verübt durch extreme Muslime. Kein Wort von den muslimischen Attentätern in Russland, die wieder Menschen in den Tod reissen. Das Jerusalemer Aussenministerium liess sich auf Erdogans Niveau herab und verbat sich die türkischen Versuche, sich «auf dem Buckel von Israel» in die arabische Welt integrieren zu wollen. Doch ein Ungemach kommt selten allein: Nach weniger als einem Jahr verlässt der türkische Botschafter Ahmet Celikkol demnächst seinen Arbeitsplatz in Tel Aviv.

Offenbar sass der Stachel zu tief, den Vizeaussenminister Danny Ayalon ihm kürzlich mit seiner undiplomatisch schnoddrigen Art versetzt hatte, als er dem erfahrenen Diplomaten wegen einer in der Türkei ausgestrahlten antiisraelischen TV-Serie die Leviten las. Ankara bleibt Jerusalem nichts schuldig: Zu Celikkols Nachfolger wurde Kerim Uras ernannt, ein junger Zypernexperte, für den Tel Aviv der erste Auslandsposten ist. Wir wollen dem Mann persönlich nicht zu nahe treten, doch die Nominierung deutet an, wie sekundär die bilateralen Beziehungen für die Türken momentan geworden sind.

Man stelle sich vor, Israel würde die zur Routine gewordenen Vorwürfe aus Ankara mit dem bedenken, was sie gerade noch wert sind – mit eisigem, konsequentem Schweigen der ganzen Regierung und der gesamten Knesset. Schön wär’s, doch leider gehört das Auf-den-Mund-Sitzen ebenso wenig zu den Stärken israelischer Politik wie das Verfechten einer einheitlichen Linie oder gar das Präsentieren eines eigenen Friedenskonzepts, abgesehen vom ständigen Wiederkäuen der Dinge, die man «unter keinen Umständen» zu tun oder zu sagen bereit ist. Das zeigt Aussenminister Lieberman mit seiner Reaktion auf ein Interview des jordanischen Königs Abdullah II. Die Beziehungen zu Israel seien auf einen Tiefpunkt gesunken, der seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags nicht mehr registriert werden musste, meinte der als gemässigt geltende Monarch, der sich um die Zukunft Israels ohne Frieden mit den Palästinensern echte Sorgen zu machen scheint. All dem und dem Warten Washingtons auf die offizielle Antwort Netan­yahus auf Fragen Barack Obamas hatte Lieberman nur seine bekannte Leier entgegenzusetzen: Israel habe genug Konzessionen gemacht, jetzt seien andere an der Reihe, und einen Baustopp in Jerusalem werde es sowieso nicht geben, weder im Osten noch im Westen, weder für Juden (die praktisch beliebig bauen dürfen) noch für Araber (die kaum Bewilligungen erhalten).

Israels Aussenpolitik ist zu besserwisserischem, parteipolitischem Gezänk geworden. In der Privatwirtschaft hätte man solche Ressortchefs schon lange in die Wüste geschickt, doch in Israel erlaubt die Politik ihnen, das ganze Volk dorthin zu zerren.