In der Kunst den Weltschmerz ausdrücken
In Tel Aviv spürt man den Geist der «Vie Bohème», wie man ihn in anderen Städten vergleichbarer Grösse selten so direkt wahrnimmt. Eine kreative Aufbruchstimmung liegt in der Luft. Das Leben findet hier vornehmlich draussen statt, die jungen Kreativen, die Grafiker, Bildhauer, Maler, Filmemacher und Schauspieler sitzen oft in den Cafés der Stadt, tauschen sich aus, suchen nach neuen Ideen, suchen nach dem Leben, das sich vor ihrer Haustüre abspielt. Auch Asaf Saban, Absolvent der Bet-Berel-Filmschule und mit seinem Film «Mapping» Gast an den Winterthurer Kurzfilmtagen vergangenen November, findet, dass in Tel Aviv «Kultur passiert», dass «hier Kultur lebt». Deswegen wohnt er hier, er, der in Galiläa aufgewachsen ist, viele Jahre davon in einem Caravan; seine Eltern gehörten zu den Gründern des Moschaw, und Häuser wurden erst später gebaut. Seine Filme sind politisch, die Geschichten dem Alltag entnommen, er nennt seine Arbeit seine «eigene Wahrheitsfindung» und findet banale Kunst über den Konflikt, wie andere sie machen, gefährlich. «Das normalisiert den Konflikt nur.» «Eskapisten» nennt Raya Bruckenthal diese Art von Menschen, die die Realität des Landes in ihrer Kunst normalisieren oder einfach ignorieren.
Teil des Kunstprozesses
Raya ist bildende Künstlerin und Plastikerin, sie macht Video-Art und hat in bekannten israelischen Museen ausgestellt; sie unterrichtet auch an der Sam-Spiegel-Filmschule, eine der bekannten des Landes. Raya wuchs im Herzen Tel Avivs auf, in einer religiösen Familie, modern-orthodox, sagt sie. Sie lebt hier aber nicht nur, weil dies ihr Zuhause ist, sondern weil sie «Teil dieses Kunstprozesses» sein möchte, der, wie sie findet, nur in Tel Aviv und nirgendwo sonst in Israel stattfindet. Sie will Teil dieser viel besagten Tel Aviver Szene sein, «obwohl ich eigentlich gar nicht genau sagen kann, wo die Szene beginnt und wo sie aufhört». Der Realität des Landes kann sie sich, wie Asaf, auch in Tel Aviv nicht entziehen, sie sei Teil ihres Schaffens. Raya hat eine Reihe ultrarechter israelischer Persönlichkeiten gezeichnet, Rabbiner Kahane zum Beispiel; das ist in der linken israelischen Kunstszene sonst ein Tabu. Das Thema Religion dominiert in ihrer Arbeit, obwohl sie lange Zeit Angst davor hatte: Eine religiöse Künstlerin, die Religion zum Thema macht, das war ihr zu offensichtlich, sie versuchte es zu umgehen. Heute ist sie mutiger geworden, vielleicht gibt ihr auch Tel Aviv diese Freiheit, auszuprobieren, diese heterogene Künstlerszene, in der jeder seinen eigenen Zugang sucht zu Dingen, die ihn beschäftigen. Asaf hat mit Religion nichts am Hut, seine Filme sind eher gesellschaftskritisch. Er findet Tel Avivs Kunstszene eine «Insel der Ruhe in einem so gestörten Land, in dem nichts normal ist, ein Land, das von Generälen regiert wird». Da brauche es auch die viel besagte Seifenblase Tel Aviv, die tatsächlich existiere und in der sich die meisten Künstler befänden. «Man sagt, Tel Aviv, das sei Hedonismus. Da ist die Linke, die immer nur den Kopf schüttelt über Gewalt und Krieg, aber nichts dagegen macht. Viele Künstler hier sind apolitisch, das ist ihr gutes Recht. Ich allerdings muss mit meiner Kunst Dinge verarbeiten können.»
Auch für Maya Zack, Filmemacherin, Videokünstlerin und Malerin, ist ihre Kunst ein Ventil; Begriffe wie Nationalität, Identitätssuche, importierte Kultur, «Sich-fremdfühlen» finden sich in ihrer Kunst wieder. Ihr jüngstes Projekt, das im Februar im Israel-Museum in Jerusalem ausgestellt wurde, ist eine Installation, die ein Bücherregal darstellt, aus dem Landkarten fliessen. «Die Installation zeigt ein Büro, ein Hirn, das Wissen organisiert. Ich möchte die Trennung aufzeigen zwischen diesem sterilen Ort, dem Hirn, und der Realität, die woanders passiert. Wer bestimmt Landkarten, Territorien? Wie entscheidet man, wo Grenzen zwischen Ländern gezogen werden?» Maya sagt, sie habe ein Bedürfnis, die Dinge, die Realität zu verstehen. Das habe auch mit Tel Aviv und Israel zu tun. Der Kontext rund um dieses Land, diesen Ort, an dem sie lebe, beschäftige sie.
Nur hier Kreativität ausleben
Dass Tel Aviv, eine Stadt mit knapp 400 000 Einwohnern, eine so pulsierende und moderne Kunstszene hat, ist beeindruckend. Die Künstler, vor allem die Filmschaffenden, feiern auch im Ausland Erfolge und holen Auszeichnungen nach Hause. Es gibt viele Talente mit grossen Ambitionen, aber nicht nur bekannte Namen aus der Filmszene, sondern auch junge bildende Künstler, die mit Gleichgesinnten in Europa mithalten können.
Bereits in den zwanziger Jahren öffneten die ersten Kunstgalerien in Tel Aviv; die vielen Immigranten aus aller Welt machten aus der lokalen Kunstszene etwas Besonderes, viele unterschiedliche Einflüsse kamen zusammen. Schnell wurde Tel Aviv zum kulturellen Zentrum des Landes. Obwohl die grossen, etablierten Museen in Jerusalem stehen, ist Tel Aviv die unbestrittene Hauptstadt der zeitgenössischen Kunst. Es gibt einige etablierte Galerien in der Stadt, viele an und um die Gordon-Strasse oder in der Gegend um den Rothschild-Boulevard, darunter die Galerien Sommer, Noga und Braverman oder die Galerie Alon Segev.
Daneben haben sich aber auch Nischen gebildet, in denen Kunst auf weniger konventionelle Art gefördert wird. Zu dieser «alternativen» Szene gehört auch Rachel Sukman, Gründerin und Leiterin der «Office in Tel Aviv Gallery» an der Schlomo-Hamelech-Strasse 1. Der Eingang zu diesem Kunstrefugium liegt verborgen in einem Hinterhof. Gezeigt wird gerade die Ausstellung «Tel Aviv, My Love», die 100. Ausstellung seit der Gründung der Galerie im Jahre 1993 und gleichzeitig eine Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstages der Stadt. Sukmans Engagement für junge Künstler gründet auf ihrer Leidenschaft für Kunst, auf einem inneren Bedürfnis, gute Kunst auszustellen. Die Kuratorin sucht keinen kommerziellen Nutzen in ihrer Arbeit, sondern will «dem Künstler auf den Grund gehen, zu seinen intimsten Aussagen gelangen». Die persönliche Beziehung zwischen Künstler und Kuratorin ist charakteristisch für Rachels Galerie. In den neunziger Jahren stellten bei ihr der Spanier Jaume Plensa oder die Schweizerin Pipilotti Rist aus. Heute wird Rachel Sukman von der Stadt unterstützt, doch es dauerte Jahre, bis diese ihr Misstrauen gegenüber dem alternativen Kunstraum abgelegt hatte. Die erste Ausstellung der freischaffenden Kuratorin hiess «Tel Aviv und das Bauhaus», eine gigantische Ausstellung auf 900 Quadratmetern Fläche Anfang der neunziger Jahre, die sie gegen den Willen der Stadtverwaltung in einem Bauhaus-Gebäude an der Maze-Strasse durchführte, wo die Zeitung «Haaretz» ihre ersten Redaktionsräume hatte. «Das war meine erste Ausstellung als Tel Aviverin», sagt sie. Sie lebt ausserhalb der Stadt, aber findet, dass sie nur hier in Tel Aviv ihre Kreativität ausleben kann.
Wenig staatliche Unterstützung
Tel Aviv ist nicht Paris, sagt Rachel Sukman, und meint damit die schwache staatliche Unterstützung für junge Kunstschaffende, aber auch den Mangel an Ateliers. Es sei zwar heute weitaus besser als noch vor zehn Jahren, es gebe mehr Stiftungen, die Geld in die Kunstszene steckten und mehr Atelierraum. Aber es gäbe immer noch Potenzial für Verbesserung. Seinerzeit hatte sie eine grandiose Idee, als sie leere Geschäftsräume im damals neuen Busbahnhof gratis an Künstler verteilte und den Verwalter des Gebäudes davon überzeugte, dass ihm junge Künstler im Haus und regelmässige Ausstellungen Popularität bringen würden. Rachel Sukman sagt, der «Zeitgeist», das im Hebräischen oft verwendete deutsche Wort, interessiere sie. Seit dem Projekt im neuen Busbahnhof bringt Sukman drei Mal jährlich das Kunstmagazin «Terminal» heraus, in welchem sie über lokale Kunsttrends schreibt, diese aufspürt und festhält.
Dass Tel Aviv nicht Paris ist, finden auch Asaf, Maya und Raya, die alle gerne vermehrt im Ausland arbeiten würden, zur Horizonterweiterung, sagt Raya, und Maya «braucht diese Dualität zwischen hier und dort» für ihren Arbeitsprozess. Maya hat mit ihrem Kurzfilm «Mother Economy» letztes Jahr den Celeste-Kunstpreis am Berliner Video-Art-Festival gewonnen und kann bereits eine beeindruckende Anzahl an Solo-Ausstellungen, Filmvorführungen und Auszeichnungen im Ausland aufzählen. Sie setzt sich stark mit der Frage auseinander, inwieweit Tel Aviv eine eigene Kultur hat, wie die Immigranten die Stadt und deren Kunstszene prägten, was die Szene charakterisiert. Zusammen mit Raya kreierte sie die Video-Trilogie «Concrete and Cement». Das Projekt ist eine Metapher für Tel Aviv als Stadt – bekannt als «erste hebräische Stadt» – und den Zionismus als Ganzes. Eine Metapher für eine Gesellschaft, die am Meer lebt, aber das Meer und sein Potenzial ignoriert sowie irgendwie isoliert von seiner Aussenwelt existiert. Eine Metapher wohl auch für die berühmte «bua», die Seifenblase Tel Aviv, von der auch Asaf Saban, der Filmemacher, so oft redet. Tel Aviv ist für ihn aber auch «schon fast Fiktion», und er meint damit den Slogan der Stadtverwaltung, mit dem sie Touristen anzieht; die Bauhaus-Stadt Tel Aviv. «Ich empfinde dies als surreal, diese Fokussierung auf die Architektur der Stadt, die doch alles andere als ästhetisch ist», ereifert er sich. Er sagt, seine Filme seien nicht vom Tel Aviver Flair inspiriert, wie die berühmten Filme der siebziger Jahre, die die damalige Aufbruchstimmung zelebrierten. Heute drücken typische lokale Filme eine Art Depression aus, die die politische Situation verdeutlichen soll. Asaf überlegt kurz und sagt dann nachdenklich: «Das ist eben auch Tel Aviv, in der Kunst den Weltschmerz auszudrücken.»