Immer mehr Schweizer Juden betroffen
Nicht Zahlen, sondern Erfahrungen aus dem Alltag der Sozialdienste liefern die Ergebnisse der neusten Studie, die im Auftrag des Verbands Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) von der Hochschule Luzern durchgeführt wurde. Die Studie belegt, dass eine Mehrheit der Mitarbeitenden jüdischer Sozialdienste aus den Kantonen Zürich, Bern, Basel, Genf und Waadt davon ausgeht, Armutsprobleme hätten unter der jüdischen Bevölkerung der Schweiz leicht bis wesentlich zugenommen. Die Angestellten grösserer jüdischer Sozialdienste gehen tendenziell von einer Zunahme der Armutsprobleme aus, während Mitarbeitende kleinerer Dienste eine stabile bis leicht ansteigende Tendenz feststellen. Erhärtet werden konnte diese Annahme vor allem durch die 22 Experten, die für die Studie befragt wurden. Aus den Interviews liess sich auch allgemein ableiten, dass die Probleme jüdischer Sozialdienstempfänger vielfältiger und komplexer geworden sind. Diese Probleme umfassen die Themen Überforderung bei der Alltagsbewältigung, Arbeitslosigkeit, schwierige Familiensituationen, psychologische Probleme, Altersarbeit, Flüchtlinge und Immigration. «Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen nimmt auch unter der jüdischen Bevölkerung die Nachfrage nach Unterstützungsleistung zu», schreibt die Studie, die vor drei Jahren von Doris Krauthammer, der damaligen Präsidentin des VSJF, in die Wege geleitet wurde.
Orthodoxie am meisten betroffen
Besonders Menschen aus orthodoxen Kreisen leiden unter teils prekären Zuständen, heisst es weiter. Früher boten jüdische Firmen Arbeitsmöglichkeiten für ressourcenschwache Menschen, die primär unter den wenig qualifizierten orthodoxen Juden zu finden waren. Seit den siebziger Jahren konzentrieren sich aber streng orthodoxe Juden vor allem in Zürich auf eine rein religiöse Ausbildung. Statt eine Berufsausbildung zu absolvieren, besuchen immer mehr orthodoxe Männer eine Jeschiwa. Erstaunlicherweise heiraten in orthodoxen jüdischen Kreisen in der Schweiz die Menschen immer früher, und auch die durchschnittliche Anzahl Kinder hat entgegen dem allgemeinen Trend zugenommen. Diese Entwicklung wirkte sich verschlechternd auf die wirtschaftliche Situation vieler junger Familien aus. Die oftmals mangelnde Berufsbildung der Eltern und auch die hohen Kosten für die koschere Verpflegung erschweren das Alltagsauskommen.
Arm im Alter
Darüber hinaus nahmen die Armutsprobleme bei älteren Menschen zu. Der Verlust von Autonomie und eine stärkere Vereinsamung führen zu verschieden Problemen. Das bestätigt auch Rosemarie Mathys, Leiterin für Pflege und Betreuung im Seniorenzentrum Sikna in Zürich. «Fast ein Drittel unserer Bewohner beziehen Geld vom Amt für Zusatzleistung», sagt Mathys, die sogar davon ausgeht, dass es in den kommenden Jahren noch mehr Menschen geben wird, die Geld vom Staat beantragen müssen. Rudolf Hoffmann, Heimleiter des Alters- und Pflegeheims Holbeinhof in Basel, widerspricht dem allerdings: «Momentan ist die Tendenz noch nicht steigend. Es gibt immer noch Leute, die gespart haben und sich ihren Aufenthalt im Altersheim grösstenteils selbst finanzieren können.» Sobald die nächste Generation Geld von der beruflichen Vorsorge beziehungsweise aus der Pensionskasse bezieht, dürfte sich die Situation sogar noch verbessern, meint Hoffmann. Dennoch habe jeder betagte Mensch, egal ob arm oder reich, ein Anrecht auf einen Platz im Altersheim. «Kann diesen jemand nicht aus eigenen Mitteln bezahlen, so muss er sich im Kanton Basel Stadt ans Amt für Sozialbeiträge wenden». Das sei aber noch lange keine Schande. Dafür habe man schliesslich ein Leben lang Steuern bezahlt, findet Hoffmann. Wie viel Zusatzleistungen jemand aus staatlicher Kasse erhält, ist klar geregelt: Die Vermögensobergrenze von 25 000 Franken gilt als Freibetrag. Somit können alle, welche nicht über genügende Mittel verfügen, beim Amt für Sozialbeiträge Geld für den Heimaufenthalt beantragen. Bei Vermögensveränderungen wird von Neuem berechnet, ebenso bei Änderung der Tagespauschale im Holbeinhof für jeden Bewohner.
Helfen als jüdische Grundethik
Die Studie des VSJF bestätigt allerdings auch Positives. So belegen die zahlreichen Interviews die oft erwähnte zentrale Rolle des Gerechtigkeitskonzepts in der jüdischen Sozialethik. In einer jüdischen Gemeinde ist Soziales etwas Fundamentales. Die soziale Hilfe hat für jüdische Menschen eine gemeinschaftsfördernde Dimension. Allerdings wirkt die jüdische Sozialhilfe nur ergänzend zum staatlichen Sozialamt. Dennoch nimmt der Professionalisierungsgrad jüdischer Sozialarbeiter zu und viele Mitarbeitende in der jüdischen Sozialarbeit sind heute ausgebildete Fachleute.