Immer lauter poltert der iranische Ungeist
Als ob jemand hinter den Kulissen mit Vorbedacht und Akribie die die Marionetten bewegenden Fäden einsetzen würde, wechseln sich in scheinbar zufälligem Reigen die Spekulationen in den Medien ab mit ebenfalls scheinbar spontanen Wortgefechten in der Knesset zwischen Befürwortern und Gegnern eines militärischen Alleingangs Israels gegen Iran und mit kaum mehr zufälligen Indiskretionen von Experten und Informierten in den Zeitungen des Landes.
Bringen wir etwas Ordnung in das ebenfalls nur scheinbar ungewollte Durcheinander. An der dieswöchigen Eröffnungssitzung der Wintersession der Knesset schieden sich die befürwortenden und ablehnenden Geister in der Iran-Frage ganz klar. Während Binyamin
Netanyahu die atomare Aufrüstung Te-herans als «direkte und schwerwiegende Bedrohung» gegen Israel und die ganze Welt bezeichnete, bedrängte die Oppositionsführerin Tzippi Livni (Kadima) den Premier, gut auf die verantwortlichen Offiziere zu hören, die einem militärischen Alleingang Israels offenbar kritisch gegenüberstehen. Noch deutlicher äusserte sich Shelly Yachimovich, Chefin der Arbeitspartei (IAP), die vor einer «megalomanen Abenteuerlust» in Iran warnte. Den Vogel abgeschossen hat allerdings der IAP-Abgeordnete und Exverteidigungsminister Binyamin Ben-Eliezer. Jeder israelische Bürger müsse, so rief er aus, «zutiefst besorgt» sein angesichts der Absicht der «beiden Clowns Netanyahu und Barak», Iran anzugreifen. Leicht bedeckt gab sich Innenminister Eli Yishai (Shas), der nur meinte, schwierige Entscheidungen, die es zu fällen gelte, würden ihm «den Schlaf rauben».
Schwieriger Weg
Die «Jerusalem Post» (JP) ging am Mittwoch auf Distanz in Bezug auf das verbale Schattenboxen, das einflussreiche Israeli sich in diesen Tagen zum Thema Iran liefern, und stellte die Praxis in den Vordergrund. Israel habe dem Vernehmen nach, so orakelte die JP, einen vollen Angriffsplan ausgearbeitet, der den Einsatz von mehreren Hundert Flugzeugen beinhalte. Dabei könne sich Israel auf die zur Verfügung stehenden Maschinen verlassen, die ein Auftanken auf halbem Weg erlauben. Vergessen wir nicht, dass potenzielle iranische Ziele 1500–2000 km von den Heimflughäfen der israelischen Luftwaffe entfernt liegen. Der Weg bis zum effektiven Angriff auf die bekannten Stätten zur Anreicherung von Uran in Natanz und Qom beziehungsweise auf die Uran-Konversionsanlage bei Isfahan und den Schwerwasser-Reaktor bei Arak ist schwierig und gefährlich. Die iranische Luftabwehr muss neutralisiert und das entsprechende Radarsystem muss ausser Kraft gesetzt werden. Kommando- und Kontrollzentren müssen zerstört und die iranische Luftwaffe muss für eine gewisse Zeit gelähmt werden. Erst wenn Israel ganze Sektionen des iranischen Luftraums unter seine Kontrolle gebracht hat, können seine Piloten sich der eigentlichen Aufgabe widmen: den Angriffen auf die Nuklearanlagen des Feindes. Zu diesem Zweck müssen Panzerwand durchbrechende Bomben benutzt werden, von welchen laut ausländischen Quellen die USA den Israeli bereits 55 geliefert haben. Die Kollateralschäden einer solchen Aktion können für Israel immens sei. Man denke nur an Solidaritätsangriffe der Hamas im Süden und der Hizbollah, vielleicht sogar der Syrer, im Norden.
Unumkehrbare Entwicklungen?
Trotz der gewaltigen Ausmasse möglicher Folgen einer militärischen Aktion Israels gegen Teheran wird der aussenstehende Beobachter (wenn es in diesem Falle so etwas überhaupt geben kann) das mulmige Gefühl nicht los, es seien sowohl auf iranischer als auch auf israelischer Seite Entwicklungen im Gange, die irgendwann in nicht mehr so weiter Ferne den Punkt der Irreversibilität erreichen. So sind laut «Haaretz» israelische Botschafter im Westen angewiesen worden, hochrangige Politiker in ihren Gastländern dahingehend zu informieren, dass sich die Gelegenheiten für die Verhängung wirksamer Sanktionen gegen Iran unaufhaltsam vermindern würden. Das soll die USA, die EU und andere westliche Staaten veranlassen, solche Sanktionen unverzüglich in Kraft zu setzen. Am Mittwoch doppelte «Haaretz» nach und berichtete unter Berufung auf einen hochrangigen israelischen Offiziellen, dass Premier Netanyahu und Verteidigungsminister Ehud Barak sich um die Etablierung einer Mehrheit im Kabinett für einen Militärschlag gegen Iran bemühen. Bisher sollen die Gegner noch über eine knappe Mehrheit verfügen, aber mit Aussenminister Avigdor Lieberman soll inzwischen eine gewichtige Figur ins Lager der Befürworter der militärischen Option gewechselt haben.
Wegen Iran
Die Frage, was Netanyahu veranlasst haben mag, sich ein zweites Mal zum Premier wählen zu lassen und wie besessen er an der Iran-Frage zu laborieren beliebt, beantwortet der Kommentator Amnon Abramovich in «Yediot Achronot» wie folgt: «Netanyahu kehrte nicht zurück, um Frieden mit Abu Mazen zu schliessen. Daran glaubt er nicht. (…) Netanyahu kehrte aus einem einzigen Grund zurück: wegen Iran. Er ist überzeugt, dass es sich hier um eine heilige Pflicht handelt. Er glaubt daran, dass er deswegen auf die Welt gekommen ist, oder zumindest in die Welt des öffentlichen Lebens. (…) Diesem Gefühl von Netanyahus authentischem Sendungsbewusstsein und seinen Ängsten hat Ehud Barak sich angeschlossen. Leute, die Barak noch vom Militär, von der Politik oder aus der Geschäftswelt kennen, behaupten, er würde immer das eigene Wohl dem Wohl der Gesellschaft vorziehen. (…) Mir scheint, die staatliche Prioritätenliste verpflichtet Staatskontrolleur Micha Lindenstrauss, sich mit dem iranischen Dossier zu beschäftigen, mit dem ihm bestens bekannten Dossier der Entscheidungen. Die Geschichte wird es ihm danken, das Volk Israel wird es ihm danken, der Westen, die Region, eigentlich alle, ausgenommen den hier in Israel Kritisierten und Khamenei und Ahmadinejad dort in Teheran.» – Klare und bedenkenswerte Bemerkungen, die jeden Kommentar überflüssig erscheinen lassen.