Image-Sorgen der Schweiz

October 9, 2008

Ein Land kann noch so klein sein - es wird immer von sich reden machen. Allerdings gilt das für Kleinstaaten wie die Schweiz meistens nur in den eigenen vier Wänden, sprich in den eigenen Landesgrenzen. Während es unser Kleinstaat normalerweise «nur» zu Schlagzeilen in der ausländischen Wirtschafts-Presse bringt, lasen wir in jüngster Zeit auch in den internationalen Spalten häufiger über uns. Das hat natürlich hauptsächlich mit der Abstimmung über die 18-Prozent-Initiative zu tun, über die unter anderen die «Frankfurter Allgemeine», «Süddeutsche», «Le Figaro» und der «Harald Tribune» berichteten.
Zu einem Thema hat die ausländische Presse (noch) kein Wort verloren: über die dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten angesiedelte Präsenz Schweiz, die sich um das Image der Schweiz im Ausland kümmern soll. Im Juli wurde deren nebenamtlich tätiger Präsident Paul Reutlinger von der SAir Group gewählt. Vor kurzem schliesslich bestimmte der Bundesrat den «CEO Präsenz Schweiz», den bald ehemaligen FDP-Generalsekretär Johannes Matyassy. Schon erstaunlich: die Reorganisation und die damit verbundene imagemässig und finanziell bedingte Aufwertung dieser ehemals «Koordinations-Kommission» (KoKo) genannten Institution - bis ins Jahr 2003 sind vom Parlament 46 Millionen Franken bewilligt - wurde als Folge der Holocaust-Affäre beschlossen. Doch weder die amerikanische noch die englische Presse schenkten diesem Ereignis ihre Aufmerksamkeit. Etwas anders war es in der Schweiz: Da wurde vom Auswahlverfahren, von der sich immer wieder verzögernden Wahl geschrieben. Über Sinn und Zweck dieser Organisation war allerdings auch bei uns nicht allzu viel zu hören und zu lesen.
Was ist daraus zu schliessen? Ist nach dem Zustandekommen des Holocaust-Bankendeals das Thema Schweiz-Ausland vom Tisch? Ist das Image der Schweiz im Ausland somit nicht (mehr) so schlecht und deshalb eine solche Institution wie Präsenz Schweiz unnötig beziehungsweise reine Geldverschwenderei? Oder soll das Thema den Organisationen überlassen werden, die sich geschäftsmässig um das gute Ansehen der Schweiz im Ausland bemühen, das heisst den Banken und Finanzdienstleistungsgesellschaften, die um den Weiterbestand des Bankengeheimnisses fürchten?
Vielleicht würde Präsenz Schweiz besser vor der eigenen Haustüre kehren. Erst kürzlich haben beispielsweise die Debatte um die Einführung des Frühenglischen anstatt des Frühfranzösischen oder die Wahl des zukünftigen schweizerischen Nationalbankpräsidenten Jean-Pierre Roth anstelle von Bruno Gehrig wieder einmal den Eindruck aufkommen lassen, das Image der Schweiz sei vor allem in der Schweiz schlecht. Da geraten sich die Romandie und die Deutschschweiz über ein Thema in die Haare, das staats- und kulturpolitisch zwar von Bedeutung, im praktischen Alltag aber wenig relevant ist. Bei der Wahl des neuen Nationalbankpräsidenten sprach niemand davon, dass der Bundesrat einen weniger kompetenten Bankenfachmann einem fähigeren Experten vorgezogen hätte. Beide sind ausgewiesene Bankspezialisten, die bereits dem Führungsgremium der Nationalbank angehören. Das Bankgeheimnis kommt wegen des welschen FDP-nahen Präsidenten also nicht mehr und nicht weniger unter Druck, als dies mit dem CVP-Präsidenten Gehrig der Fall gewesen wäre.
Um zum Beispiel des Sprachunterrichts zurückzukehren: Es geht nicht darum, die französische Sprache generell aus den Schulstuben der deutschsprachigen Schweiz verschwinden zu lassen. Mit dem vorgezogenen Englischunterricht wird - zumindest im Kanton Zürich - lediglich ein bis zwei Jahre früher begonnen als mit dem Vermitteln der französischen Sprache. Kinder lernen ohnehin lieber Englisch als Französisch, und wenn sie ihre bevorzugte weil computerspieltaugliche Sprache zuerst angehen, liegt die Vermutung nahe, dass sie sich dann dem «Zwang» des Französischlernens breitwilliger unterziehen.
Warum also kümmern uns diese Scheingefechte mehr als die Position der Schweiz im Ausland? Natürlich, das eigenen Hemd ist uns wichtiger als das Kleid des Nachbarn - da mögen wir noch so fleissige Auslandsreisende sein. Schaden würde es allerdings nicht, wenn wir uns ausserhalb der geografischen Grenzen stärker als bisher ins (positive) Gerede bringen könnten. Noch immer wird in vielen Ländern die Schweiz mit Schweden verwechselt. Das müsste nicht sein, würden wir eine koordinierte und intelligente Imagekampagne entwerfen, die sich nicht mit der (misslungenen) Promotion von Kühen in New York befasst, sondern mit weniger klischeehaften Vorzügen unseres Landes. Die Schweiz kann mit den gegenwärtigen Architekten auftrumpfen, Zürich hat kulturell einen riesigen Sprung getan, und das Dürrenmatt-Museum in Neuenburg wäre durchaus dazu angetan, nicht nur ausländische Touristen anzuziehen, sondern auch in deren Herkunftsstaaten von uns reden zu machen. Die frühere amerikanische Botschafterin der Schweiz, Faith Witthlesey, sagte anlässlich eines Vortrags in Zürich, in den USA finde sich kaum ein anständiges englischsprachiges Buch über die Schweiz, ihre Geschichte, ihre politischen Verhältnisse und ihre Kultur. Tatsächlich stellt man in den vielen attraktiven Buchhandlungen in Amerika fest, dass ausser Reiseführern nicht sehr viel Tiefgründiges über die Schweiz zu finden ist.Das Nachdenken über die einstige und die heutige Schweiz und das schriftliche Festhalten dieser umfassenden Gedankenarbeit käme nicht nur im Ausland zur Geltung. Es liesse sich mindestens so gut auch für die Verbesserung des Images im eigenen Land verwenden.

Esther Girsberger, Ex-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers, ist heute Bereichsleiterin an der zürcherischen Fachhochschule in Winterthur und Beraterin vor allem im Bereich Politik.