«Im Zentrum steht immer der Mensch»

Interview Yves Kugelmann, January 21, 2011
Sami Bollag ist seit zehn Jahren Präsident des Keren Hajessod Schweiz. Im Hinblick auf die Magbit­Eröffnungen in diesem Jahr spricht er im Interview mit tachles über Prioritäten der Organisation, neue Projekte und die absurde Situation, Spenden für eine erfolgreiche Wirtschaftsnation zu sammeln.

SAMI BOLLAG Einsatz für Israel

TACHLES: Israel hat die Wirtschaftskrise bisher glänzend überstanden, ist eine führende Wirtschaftsnation. Macht es da noch Sinn, dass Keren Hajessod (KH) für das Land Geld sammelt?
SAMI BOLLAG: In Israel leben mehr als 20 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Für diese Menschen sind wir aktiv, und sie und wir spüren da wenig vom Wirtschaftswachstum. Es ist eine grosse Aufgabe, die wir weiter wahrnehmen müssen, zumal die Spendengelder weltweit eher rückläufig sind und viele Institutionen um die Finanzierbarkeit ihrer Aktivitäten bangen müssen.

In Israel gibt es aber allerdings immer mehr reiche Leute. Läge da nicht vieles in deren Verantwortung, anstatt hier-
zulande Spender davon zu überzeugen, ihr Geld in Israel einzusetzen?
Wir tun dies gerne, denn nach unserem Verständnis der jüdischen Identität sind wir alle Teil des Landes Israel. Die Sorge um das Wohlergehen des Staates ist für jeden von uns eine Verpflichtung. Überdies leistet der KH seit 90 Jahren Grossartiges; die Tradition und Verpflichtung zu spenden besteht seither ungebrochen und wird weiter bestehen.

Wie sehen Sie die zukünftigen Chancen für Organisationen wie KH? Wie will man die neue, junge Generation ansprechen, um das Spendenvolumen zu halten?
Das ist eine Riesenherausforderung; die Jugend ist mir schon immer ein grosses Anliegen gewesen. Atid ist da ein Erfolg, nicht unbedingt im Hinblick auf die grossen Spender, sondern auf die Kontakte mit den Jungen und auf das Bewusstsein dafür, was Israel bedeutet. Wir sind punkto Jugend auf verschiedenen Ebenen aktiv, und ich glaube, dass das Licht des KH nie ausgehen wird.

Wird das Spendenvolumen nicht trotzdem mit der Zeit abnehmen?
Je mehr wir das Verständnis für die Notwendigkeiten wecken und einen engen Kontakt zwischen den Spendern und der israelischen Bevölkerung schaffen können, desto eher kann man das Engagement neu aufgleisen. Damit kann man auch junge Leute bewegen.

Unter Ihrer Präsidentschaft hat der KH an Professionalität gewonnen; die Spenden fliessen ausschliesslich in Schweizer Projekte. Haben Sie zu wenig Vertrauen in israelischen Projekte?
Seit ich in der Exekutive des KH bin, ist das Ganze für mich sehr transparent, und ich habe die Gewissheit, dass nicht gemauschelt wird. Aber das Projekt Schweiz hat eine gewisse Tradition, weil wir sowohl den Spendern wie der israelischen Bevölkerung konkrete, sicht- und kommunizierbare Resultate vorweisen wollen. Wir machen gerne Projekte als KH Schweiz, bei denen unser Partner eine Stadt oder eine grössere Organisation ist, die partizipiert, sogenannte Matching-Projekte, die gemeinsam über drei Jahre durchgeführt werden und eine gewisse Grösse und Bestand haben.

Gibt es ein nächstes Schweizer Projekt?
Ja, wir möchten mit der finanziell schwachen Stadt Rehovot auf dem Gebiet der grössten äthiopischen Einwanderergemeinde etwas Grösseres machen.

Und wo liegt künftig der Hauptfokus des KH?
Immer noch auf der Alija, wenn auch etwas weniger ausgeprägt als zuvor. Dann setzen wir auf die Erziehung, aber auch auf die Altersvorsorge und auf die Unterstützung der Randgebiete. Im Zentrum steht immer der Mensch, die Hilfe für Benachteiligte in Israel.

Nach den Waldbränden in Israel hat der KH auch Spenden gesammelt. Ist es sinnvoll, sich in Gebieten zu betätigen, in denen schon viele andere tätig sind?
Die Katastrophe hat Menschenleben gefordert; viele Menschen haben ihr Hab und Gut verloren. Man muss ihnen helfen, wiederaufzubauen und diejenigen zu pflegen, die Verbrennungen davongetragen haben. Unter diesen menschlichen Aspekten waren wir doch einfach gefordert, und wir haben schon fantastische 180 000 Franken an Spenden erhalten, über die wir genau Rechenschaft ablegen werden. Damit wird sichtbar, dass wir nicht in das Gebiet anderer eindringen.

Sie haben sich und den KH in der Zeit Ihres Präsidiums klar positioniert. Was sind Ihre nächsten Ziele und was möchte der KH Schweiz innerhalb der inter-nationalen Organisation einbringen?
Ich habe noch sehr viel vor; zunächst ist es das Projekt der Partnership 2000, das den Kontakt zwischen den Schweizer und den israelischen Juden auf persönlicher Ebene stärken soll. In diesem Rahmen gibt es viele verschiedene Unterprojekte, etwa ein Projekt mit Freiwilligenarbeit, für das es schon 20 Anmeldungen von Schweizern gibt. Oder für Kleininvestments, mit denen in Israel Starthilfe für kleine Unternehmen geleistet wird. Und es gibt auch Besuche von Israeli in der Schweiz, etwa für einen Kulturabend mit der Stadt Rehovot. Weiter möchte ich die Jugendarbeit intensivieren und die Regionen Basel, Bern und Lugano wie auch die Zusammenarbeit mit Genf verstärken. International möchte ich mithelfen, dass Keren Hajessod weltweit das Ansehen erhält, das er verdient. Dafür ist es hilfreich, dass wir als Schweizer Organisation dank hohen Spendenaufkommens international ein positives Ansehen geniessen. Einer meiner persönlichen Inputs auf internationaler Ebene bezieht sich auch auf die neuen Medien wie Facebook, damit diese interkommunikativen Mittel vor allem in Hinsicht auf die Jugend richtig eingesetzt werden.

In der Schweiz hat der KH ein liberales Image. Ergibt sich dadurch die Chance, in Gesprächen mit Politikern Auffassungen der Diaspora-Juden besser einzubringen?
Wir sind politisch ja nicht aktiv, aber natürlich versuchen wir, unsere Anliegen so gut wie möglich anzubringen, wenn dies auch nicht immer erfolgreich ist. Wenn wir israelische Politiker für Anlässe in die Schweiz einladen, dann sollen unsere Spender stets die Möglichkeit haben, ihnen im direkten Kontakt ihre Anliegen darzulegen.

Ist es heute sehr viel schwerer, von den Schweizer Juden Spenden zu erhalten als noch vor zehn oder 20 Jahren?
Ohne dies genau analysiert zu haben kann ich sagen, dass wir sehr zufrieden sein können. Wir konnten unseren Status halten. Sicher müssen wir heute einen grösseren Aufwand betreiben, und es ist keine leichte Aufgabe. Aber ich bin immer noch positiv überrascht und erfreut, wie gut uns die Leute gesinnt sind, und ich hoffe, dass uns dies noch über lange Zeit erhalten bleiben wird.

Haben Sie – quasi als enger Beobachter – in den letzten 30, 40 Jahren Veränderungen in der Israel-Debatte sowohl in Israel selbst wie auch hier festgestellt?
Ich stelle vor allem fest, dass die israelische Gesellschaft in den letzten Jahren rechtslastig geworden ist. Kadima hat die Mehrheit an Abgeordneten, die Arbeitspartei ist praktisch nicht mehr existent. Wenn ich hier Zeitungen lese, bin ich manchmal selbst zerrissen, frage mich manchmal, was die in Israel nun wieder gemacht haben. Sobald ich aber für einige Zeit in Israel bin und die dortigen Zeitungen lese, bekomme ich wieder eine andere Perspektive und Haltung. Aus diesem Dilemma komme ich nicht heraus, und das wird wohl so bleiben, solange ich an beiden Orten lebe.

Und wie nehmen Sie die Debatte generell in der Schweiz oder in anderen Ländern wahr?
Hier hat man, unter Juden und Nicht­juden, Verständnis für das sogenannte Opfer. Israel wird aber als Aggressor wahrgenommen, für den man kein Verständnis hat. Aber man wird damit der Rolle Israels in einer Umgebung, in der es immer noch als fehlplatziert wahrgenommen wird, in der Gefahren tatsächlich lauern und wo die Menschen verunsichert sind, nicht gerecht. Ob die heutige Regierung seriös genug ist und den Willen hat, Lösungen für die grossen existierenden Probleme vorwärts zu treiben, kann ich nicht beurteilen.


Magbit-Veranstaltungen – Basel: Donnerstag, 27. Januar, 18.30 Uhr; Bern: Dienstag,
1. Februar, 18.30 Uhr; Zürich: Sonntag, 6. Februar, 17.00 Uhr; Lugano: Sonntag, 13. Feb­-
ruar, 15.00 Uhr. Weitere Informationen unter
www.kerenhajessod.ch oder unter Telefon 044 461 68 68.