Im Sog der Konspiration

Von Monica Strauss, September 6, 2010
Verschwörungen und Verschwörungstheorien lagen in der Luft, als die «Protokolle der Weisen von Zion» entstanden. Neben dem «Secret Agent» von Joseph Conrad ist der Roman «The Princess Casamassima» von Henry James aus den Jahren 1885 bis 1886 ein immer noch lesenswertes Beispiel für die literarische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen.
HENRY JAMES Grossmeister der sorgfältige Darstellung des Bewusstseins seiner Protagonisten

Zwischen September 1885 und Oktober 1886 veröffentlichte die amerikanische Zeitschrift «The Atlantic Monthly» in Fortsetzungen die 47 Kapitel des Romans «The Princess Casamassima» von Henry James. Der Text dürfte die Anhänger des Autors verblüfft haben. Bis anhin hatte die amerikanische Psyche im Zentrum seiner Werke gestanden, ob sich die Handlung nun auf heimischen Terrain oder als Konflikt mit ausländischen Empfindlichkeiten entfaltet hatte. «The Princess Casamassima» spielte jedoch ausschliesslich in Europa, bot von
einem Protagonisten mit amerikanischen Wurzeln abgesehen nur fremde Charaktere und verzichtete zudem auf die detaillierte Betrachtung gesellschaftlicher Interaktionen. Stattdessen warf James hier einen scharfen Blick auf das zeitgenössische London und die gefährliche Faszination, die von politischem Radikalismus über Klassengrenzen hinweg ausgehen kann.

Fatale Anziehungskraft

Als Henry James die Arbeit an «The Princess Casamassima» aufnahm, hatte er bereits zehn Jahre in der britischen Hauptstadt gelebt. Aufgrund der Agitation von Anarchisten und extremen Nationalisten unter den unterdrückten Klassen hatte sich zu dieser Zeit in ganz Europa eine Furcht vor politischen Verschwörungen breit gemacht. Subversive Publikationen erlebten eine Blüte und ihr revolutionärer Ruf nach einer «Propaganda der Tat» hatte auf den britischen Inseln und dem europäischen Festland politische Morde und Bombenanschläge ausgelöst. Allein zu Beginn der achtzehnachtziger Jahre erregten das tödliche Attentat auf den russischen Zaren Alexander II. und die «Phoenix-Park-Morde», denen der britische Minister für Irland und sein Stellvertreter zum Opfer fielen, die Gemüter.
Bis dahin hatte es in James’ Texten weder Anzeichen für ein Interesse an Politik noch für die Lebenswirklichkeit der Arbeiterklasse gegeben. Wie lässt sich dieser Themenwechsel für ein amerikanisches Publikum hin zu diesen gewalttätigen Aspekten des Lebens in Europa erklären? Ohne dass James dies im Roman explizit ausführte, lagen die für das damalige Europa immer noch grundlegenden Folgen gesellschaftlicher Exklusion im Kern seiner Geschichte. Lebten seine amerikanischen Leser in einem Land, das aus der Überzeugung entstanden war, dass «alle Menschen gleich geschaffen» sind, waren Europäer jeden Standes von Geburt an und mit denkbar geringen Aussichten auf ein Entkommen in ein Klassensystem eingesperrt. Der Roman erklärt so die fatale Attraktion revolutionärer Verschwörungen.
Die Romanhandlung folgt einer lebensgefährlichen Konspiration. Doch wie immer bei James wird der Leser nicht durch die Aktion gefesselt, sondern durch die sorgfältige Darstellung des Bewusstseins der Protagonisten. Im Mittelpunkt des Romans steht der 24-jährige Hyacinth Robinson, ein äusserst kunstfertiger Buchbinder, der als Waise von einer Näherin in einem Arbeiterviertel aufgezogen worden ist. Er ist klug und neugierig, doch droht ihn die Enge seiner Verhältnisse zu ersticken. Er ist sich der «hohen menschlichen Mauer, der steilen Böschung des Privilegs und der dichten Lagen von Dummheit, die ihn von gesellschaftlicher Anerkennung abgrenzen» schmerzhaft bewusst («the high human wall, the deep gulfs of traditions, the steep embankment of privilege, and the dense layers of stupidity, which fence him off from social recognition»).

Ausbruch aus einer einengenden Existenz

Über einen Arbeitskollegen aus Paris, der sich im Exil an seinen Tagen im kurzen Glorienschein der Commune erwärmt, wird Hyacinth in die Londoner Unterwelt der radikalen Politik eingeführt, die in dem Chemikerassistenten Paul Muniment Gestalt annimmt. Diese charismatische und kalkulierende Figur nutzt die Sehnsucht des jungen Buchbinders, seiner beengten Existenz einen höheren Sinn zu geben, für seine Zwecke aus. Um sich seinem Helden Paul zu beweisen, tritt Hyacinth einer radikalen Gruppe bei und lässt sich zu dem Schwur hinreissen, sein Leben zu opfern, sofern er dazu aufgefordert wird. Der dramatische Knoten des Romans schnürt sich, als Hyacinth persönliche Verluste, Liebe und andere Erfahrung durchlebt, die ihn an den Zielen der Verschwörer zweifeln lassen. Doch gleichzeitig weiss er, dass diese ihn niemals seines Schwurs entbinden werden. So entwickelt James kunstreich eine Binsenweisheit, die auch für die jungen Terroristen unserer Tage gilt: Die Versuchung des Heldentums stellt für junge Männer am Beginn ihres Lebens gerade deshalb eine gefährliche Versuchung dar, weil sie noch nichts zu verlieren haben.
Ist Hyacinth in seinen wachsenden Zweifeln an einer zunächst als absolut akzeptierten Wahrheit ein typischer Held von James, so stellt Muniment den Versuch des Autors dar, die knochenharte Lebenseinstellung geschworener Berufsrevolutionäre greifbar zu machen. Eine Quelle dafür mag der damals viel gelesene «Revolutionäre Katechismus» des russischen Nihilisten Sergei Netschajew aus dem Jahr 1869 gewesen sein. Darin insistierte Netschajew, Revolutionäre hätten auf «private Interessen, Affären, Gefühle, Bande» zu verzichten. Hyacinth fühlt sich von Muniment nicht zuletzt deshalb angezogen, weil dieser stets über den Dingen zu stehen scheint und auf jedes Gegenargument oder auf jede Frage eine kühle, logische Antwort parat hat. Aber nachdem sich der Ton ihrer Freundschaft auch dann nicht ändert, als Hyacinth seinen fatalen Schwur abgelegt hat, befällt den Buchbinder eine Ahnung von der Unmenschlichkeit, die den Kern der revolutionären Hingabe seines Freundes bildet. Der niemals schwankende, vernünftige Ton Muniments erscheint Hyacinth nun als die «Berührung einer Hand, die zugleich sehr fest und sehr weich, aber stets seltsam kalt ist».
Die dritte, für Hyacinths Schicksal entscheidende Verschwörerfigur stammt vom entgegengesetzten Ende des gesellschaftlichen Spektrums: die schöne, aber gefährlich kapriziöse Adelige Casamassima. Nachdem sie sich aus ihrer Zwangsehe mit einem ultrakonservativen Prinzen aus Italien befreit hat, wendet sich die Prinzessin, getrieben von Langeweile und Zorn auf ihre beschränkte, Titel und Heirat geschuldete gesellschaftliche Position, der revolutionären Politik zu. Der Wunsch, Kontakt «zum Volk» zu finden, führt sie dazu,  mit Hyacinth Freundschaft zu schliessen. Doch die Prinzessin ist weniger an dem Buchbinder persönlich interessiert als daran, zu demonstrieren, dass sie sich vor Skandalen nicht fürchtet, sowie in geheime Machenschaften eingeweiht zu werden. So mutet es zutiefst ironisch an, dass sich Hyacinth zu der schönen Prinzessin hingezogen fühlt, weil er durch sie die Freude an gehobener Konversation, an Musik und Architektur kennenlernt und dadurch das Interesse an eben der Verpflichtung verliert, aufgrund deren sie ihn auserwählt hat. Am Ende muss Hyacinth die Prinzessin Muniment überlassen, der als wahrer Revolutionär weiss, wie er Netschajews Lehren über die Ausnutzung reicher und einflussreicher Persönlichkeiten umzusetzen hat. In ihrer Selbstsüchtigkeit lassen beide Hyacinth im Stich. Als er schliesslich aufgefordert wird, in Erfüllung seines Schwurs zur Tat zu schreiten, findet der Buchbinder nirgendwo Halt und nur im Selbstmord eine Antwort.

Anziehung durch Exklusivität

In einer später geschriebenen Einführung zum Roman reagierte James auf Kritiker, die seine Kenntnisse radikaler Organisationen in Zweifel gezogen hatten. Diesen erklärte der Romancier, dass jeder, der «das Leben versteht und mit einer durchdringende Vorstellungskraft ausgestattet» sei, angesichts der dunklen Seiten des Lebens nicht verzagen müsse. Tatsächlich zeigt Henry James in seinem Roman einen sicheren Zugriff auf die von Verschwörungen und Verschwörungstheorien ausgehende Attraktion. Dies gilt vor allem für die Anführern eigene, geheimnisvolle Macht.
Nachdem Hyacinth während eines kurzen Auftritts des mysteriösen Oberhaupts der Organisation seinen Eid abgelegt hat, spricht er davon, des «Allerheiligsten» ansichtig geworden zu sein. James hat verstanden, welche Anziehungskraft eine hierarchische Machtformation ausüben kann, in die nur wenige eingeweiht sind. Hyacinth kann sich daran trösten, dass er nur ein kleines Rädchen in der Maschinerie eines weit gespannten Unterfangens ist. Und schliesslich arbeitet James das privilegierte Bewusstsein heraus, das von der Initiation in eine geheime Welt ausgeht, als Hyacinth der Prinzessin stolz erklärt, wie «die Revolution im Stillen, im Dunklen, aber unter unser aller Füssen lebt und wirkt».    ●

Monica Strauss ist langjährige Mitarbeiterin des aufbau in New York und hat jüngst den Blog www.refugeetales.com lanciert, der den Spuren ihrer österreichisch-jüdischen Vorfahren nachgeht.