Im Namen Gottes

October 9, 2008

Ein Vergleich von Rabbi Ovadia Yosef mit Holocaust-Leugnern wie Thies Christopherson, Paul Rassinier, Jürgen Graf oder David Irving ist terminologisch nicht zulässig. Und doch: Rabbi Yosef zweifelte am vergangenen Samstag abend in einer via Satellit in alle Welt verbreiteten Rede vorsätzlich und unwiderrufbar eine Realität an und stellte sich damit selbst in die Ecke derer, die die Unantastbarkeit der Geschichte, der Opfer, nicht respektieren, die Geschichte missbrauchen, um Menschen zu verführen. Mit seiner haarsträubenden Verunglimpfung, dass die 6 Millionen jüdischen Opfer als Sünder zurückgekommen seien, um ihre Vergehen zu korrigieren und zu büssen (vgl. nebenstehenden Artikel) zweifelt Ovadia Yosef die Realität der Shoa an und spricht dem nationalsozialistischen Regime nicht nur jegliche Verantwortung für den systematischen Masssenmord ab, sondern erhebt die Nazis gar noch zu Vollstreckern göttlicher Beschlüsse. Die Opfer werden so zu Tätern. Die Leugnung der Wirklichkeit ist letztlich die Leugnung des Holocaust in Ursache und Wirkung. Die perverse Verfälschung und Verharmlosung der Geschichte, die Verunglimpfung von Opfern und Überlebenden durch den geistigen Führer der Shas Partei ist allerdings nur die provokative Spitze des Eisbergs. Die Anhänger jubelten Rabbi Yosef vor laufenden Kameras und Mikrofonen zu, blindgewordene Anhänger, die Yosef als unfehlbaren Übermenschen huldigen, die lobpreisen, wenn Araber mit Schlangen gleichgesetzt werden, blindgewordene Anhänger, die das Gesagte noch zu legitimieren suchen.
Shas verfügt über ein weitgehend selbständiges Erziehungswesen, eigene Kindergärten, Schulen, in denen mit Vorsatz ein fragwürdiges Gedankengut in die jüdische Lehre eingebettet wird. Es ist kein Zufall, dass derartige Äusserungen innerhalb der Bewegung unreflektiert bleiben, wendet die Bewegung sich doch politisch wie gesellschaftlich seit jeher von jeglichen Prinzipien der Demokratie ab. Eine Bewegung, die nach abzulehnenden Mustern funktioniert und agiert, die das orthodoxe, echt thoratreue Judentum weltweit in Missgunst bringt. Das Fleisch am Knochen mag anders aussehen, doch die Mechanismen faschistoider Ansätze werden sich immer gleicher. Shas ist das Symptom für den inneren Zerfall der israelischen Gesellschaft in eine fundamentalistische Rechte und dem demokratischen Rest.
Gegenüber der JR meinte der Sprecher der Berliner Staatsanwalt, Sascha Deu, dass Ovadia Yosef in Deutschland wegen Verharmlosung der Taten des «Dritten Reichs» und Diffamierung der Opfer wohl vor Gericht gestellt und zu einer Strafe zwischen 5 Monaten und 5 Jahren Gefängnis verurteilt würde. Und auch in der Schweiz müsste Yosef mit einer Anklage wegen Verletzung der Antirassismus-Strafnorm rechnen. Doch Konsequenzen wird die Welle des Protests in Israel nicht zeitigen. Zu einem Rücktritt, einer Anklage oder auch nur der politischen Isolation wird es nicht kommen. Das Wechselspiel zwischen Drohung und Korruption wird unbeirrt seinen Lauf nehmen. Nicht auszudenken, wenn ein europäischer Parteiführer solch eine These von sich gegeben hätte, nicht auszudenken, wie Israels Offizielle und jüdische Vertreter weltweit reagiert hätten.
Während in diesen Tagen Deutschlands Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften dem Rechtsextremismus einhellig den Kampf angesagt haben (vgl. S. 10), treten in Israel die jahrelangen Unterlassungssünden zutage, wandeln geistige Brandstifter unbehelligt auf dem Pfad des Revisionismus und geraten in gefährliche Nähe der Haiders oder Le Pens. Mit vielen Anrufen und Schreiben haben Leser auf der Redaktion protestiert, ihrem Zorn Luft verschafft . Doch es war die vor Erregung zitternde Stimme einer Shoa-Überlebenden, die die Ohnmacht vor Yosefs Äusserung auf den Punkt brachte: «Wofür haben wir überlebt? Tun Sie doch was!». Yk