Im Land der «Bin yas»
Es sei der Tag des grossen Schiessens gewesen, erzählt Walter Mack: «Am 7. November 1861 lief eine grosse Flotte der Nordstaaten im Port Royal Sound ein und eröffnete das Feuer auf die zwei Forts der Südstaatler. Konföderierte Truppen und Pflanzer-Milizen mussten nach wenigen Stunden die Fahne streichen.» Binnen Stunden verliessen die Plantagenbesitzer ihre Besitzungen auf der angrenzenden Insel St. Helena, wo sie 150 Jahre lang Reis und Baumwolle angebaut hatten. Zurück blieben etwa 10000 Sklaven, die an den Strand der Insel strömten, um ihre Befreier zu begrüssen. Damit begann kurz nach Anfang des Bürgerkrieges ein Kapitel der amerikanischen Geschichte, das ausserhalb der Küstenregion nur Experten vertraut ist. In den Monaten nach dem «day of the big gun shoot» dehnten die Nordstaaten ihre Kontrolle über die Küste bis hinauf nach Charleston aus. Heute halten die Nachkommen der befreiten Sklaven auf Sea Islands wie St. Helena nicht nur die Erinnerung an das grosse Schiessen lebendig. Dort leitet Walter Mack die Stiftung Penn Center, die für die Bewahrung der schwarzen Kultur auf den Inseln eintritt.
Praktisch bedeutet dies den Erhalt von Grundbesitz, den afroamerikanische Familien nach dem «grossen Schiessen» erstehen konnten. Wie Mack in seinem kleinen Büro erklärt, geschah dies im Rahmen des «Port Royal Experiment». Der Name deutet die patriarchalischen Züge des Unternehmens an. Die Lincoln-Regierung und die Abolitionisten aus den Nordstaaten wollten auf den Sea Islands herausfinden, ob die befreiten Schwarzen überhaupt zu einem selbstständigen Leben in der Lage waren. Um dies zu ermöglichen, pfändete die Regierung unter dem Vorwand unbezahlter Grundsteuern Plantagen und verkaufte das Land in Parzellen an die «Freemen». Bis heute halten deren Nachkommen auf St. Helena etwa 60 Prozent des Bodens. Im Rahmen des «Port Royal Experiment» kamen zudem idealistische Lehrer aus dem Norden und eröffneten Schulen für die Schwarzen.
Die bedeutendste dieser Institutionen wurde die im April 1862 von Quäkern und Unitariern finanzierte Penn School auf St. Helena. Diese blieb bis 1948 die einzige Anstalt in der weiteren Region, die Afroamerikanern eine weiterführende Ausbildung bot, so Mack: «Wir hatten sogar Zöglinge aus der Karibik. Danach wurde die Schule zu einer Kultur-Stiftung.» Das kleine Museum des Centers dokumentiert, dass Martin Luther King und andere Bürgerrechtler auf dem kleinen, von Palmen und immergrünen Eichen überschatteten Campus Unterschlupf fanden. Martin Luther King hatte hier an seiner historischen «I Have a Dream»-Rede vom Sommer 1963 gearbeitet.
Spannungen trotz Befreiung
Das Museum macht aber auch die Spannungen zwischen den weissen Nordstaatlern und den befreiten Schwarzen deutlich. Briefe und Tagebücher der Gründerinnen der Penn School, Laura Towne und Ellen Murray, dokumentieren deren Entsetzen über die «heidnischen Sitten» der Schwarzen, die bei Krankheiten «Wurzel-Doktoren» aufsuchten und Gottesdienste mit afrikanischen Tänzen und Gesängen begingen, den sogenannten «ring shouts». Westafrikanische Gerichte sind indes in die regionale Küche eingegangen. Zudem entwickelten die ehemaligen Sklaven eine eigene Sprache aus englischen und westafrikanischen Elementen. Für diese hat sich – wie für die Kultur der Schwarzen insgesamt – schon vor dem Bürgerkrieg die Bezeichnung «Gullah» oder «Gullah-Geechee» eingebürgert. Die Namen gehen vermutlich auf Angola und den Ogeechee River im US-Staat Georgia zurück. Ethnologen ordnen Gullah den Kreolen-Kulturen zu und erklären deren Überleben mit der Abgeschiedenheit der Sea Islands und der geringen Zahl von Weissen auf den dortigen Pflanzungen. Auch Walter Mack bezeichnet sich stolz als Gullah: «Auf den Sklavenschiffen und den Plantagen mussten unsere Vorfahren ihre Stammessprachen aufgeben, um sich untereinander verständigen zu können. Wir haben festgestellt, dass Gullah auch in der Karibik und im Nordosten von Südamerika gesprochen wird, etwa in Guayana.»
Die Lehrer aus dem Norden verstanden ihre Mission darin, die Gullah in die amerikanische Wirtschaft zu integrieren. Dazu sollten neben Ackerbau und Fischerei auch Handwerke wie das Korbflechten dienen, das die Versklavten ohnehin aus ihrer Heimat mit nach South Carolina gebracht hatten. Gleichzeitig wollten die Erzieher ihren Zöglingen aber die «primitive Kultur» und den «heidnischen Aberglauben» austreiben. Mack sagt: «Bis vor wenigen Jahren galt Gullah als Sprache ungebildeter und zurückgebliebener Leute.» Dies erklärt das in den US-Medien vieldiskutierte Schweigen des Verfassungsrichters Clarence Thomas, der bei mündlichen Anhörungen niemals das Wort erhebt. Thomas ist in einem von Freemen gegründeten Dorf auf den Sea Islands von Georgia aufgewachsen und hat den Beiklang von Gullah in seinem Sprechduktus nie ganz abgelegt. Wie er schämen sich viele ältere Afroamerikaner ihres ländlichen Dialektes.
Panikverkäufe an Investoren
In den letzten 20 Jahren hat sich dies dramatisch geändert, so Walter Mack: «Wir sagen den Kindern, die hier Kurse belegen: ‹Ihr seid zweisprachig. Gullah gehört zu eurer Kultur.› Um in diesem Land Karriere zu machen, muss man die ‹Sprache des Königs sprechen› – Englisch. Aber wir leben hier in einem ländlichen Gebiet inmitten von Gullah-Geechee-Leuten, die ihre Bräuche aus Westafrika mitgebracht haben.» Dann wechselt der untersetzte Endfünziger unversehens in Gullah: «Ye dih wadda sey? – Verstehst du mich? – Die Leute hier sprechen ihre Sprache nicht vor den ‹Wey dih come yas›, also vor Auswärtigen.» Sich selbst bezeichnen die Einheimischen als «Bin yas». Ist dies eine Ableitung des Englischen «been here», so sind Gullah-Worte wie «guber» (Erdnuss) und «nyam» (Essen) westafrikanischen Ursprungs. Geschrieben ist Gullah besser verständlich als im schnell gesprochenen Alltagsgebrauch. Mack belegt das, indem er eine Gullah-Version der Bibel aus der Schublade holt, an der Freiwillige 20 Jahre lang gearbeitet haben.
Doch das Center gibt nicht nur Sprach- und Geschichtskurse. Es betreibt auch politische Kampagnen, die zur Gründung einer Armenklinik im nahegelegenen Beaufort geführt sowie Kläranlagen und sauberes Trinkwasser in die Marschlandschaft gebracht haben. Die schwierigste und bedeutsamste Aufgabe des Penn Center liegt jedoch im Kampf gegen auswärtige Investoren, die Nachbarinseln wie Hilton Head oder Kiawah längst ihren ursprünglichen Charakter geraubt haben. Dort sind einheimische Siedlungen und Felder, Sümpfe und subtropische Küstenwälder exklusiven Ressorts, Golfplätzen und Jachthäfen für wohlhabende Weisse gewichen. Haben Investoren erst einmal auf einer Insel Fuss gefasst, dann übt der Steuer-Code automatisch enormen Druck auf die finanziell meist schwachen Afroamerikaner aus, so Mack: «Wir haben hier die in den USA einmalige Situation, das arme Leute viel Land besitzen und das oft an bester Uferlage. Aber Grundsteuern werden auf der Basis des ‹besten Nutzens› erhoben.» Da ein Ressort sehr viel mehr Gewinn abwirft als ein benachbartes Waldstück, wird es von der Steuer als ‹bessere Nutzung› des Boden mit ungleich höheren Abgaben belegt. Nach kurzer Zeit übertragen die Behörden diesen Massstab auf anliegende Flächen. Mack fährt fort: «Das führt zu Steuererhöhungen bis zu 2000 Prozent. Die seit Generationen hier sitzenden Leute reagieren darauf häufig mit Panikverkäufen an Investoren.»
Das Center hat jedoch eine Klausel im Steuerrecht ausgemacht, die diese verheerende Dynamik blockiert: «Landwirtschaftlich genutztes Land wird durch niedrige Steuern geschützt», sagt Mack. Daher ermutigt das Center Einheimische zum Anbau von Obst, Gemüse oder zur Kleintierhaltung. Auch Mack zieht Blaubeeren und hält Hühner sowie Ziegen. Daneben vergibt das Center Kredite und entwickelt den alternativen Tourismus auf St. Helena. Gleich hinter dem Campus führt ein neuer Steg über die Marsch hinaus ins offene Wasser, der als Kajak-Anleger dient. Unterstützt wird dieses Engagement weiterhin von Quäkern und Unitariern in nördlichen Gliedstaaten wie Pennsylvania und Massachusetts.
Michelle Obamas Gullah-Wurzeln
Leben damit die Wurzeln des Penn Center ungebrochen fort, so weisen auch Vorstand und Beirat der Stiftung historische Namen auf, die Gullah-Herzen höher schlagen lassen. Mit John Smalls steht ein Nachkomme des Bürgerkriegshelden Robert Smalls der Institution vor, dessen Kühnheit Abraham Lincoln persönlich gewürdigt hat. Smalls wurde als Sklave in Charleston geboren und fiel schon als kleiner Junge durch Unternehmungslust auf. Wie damals in der Stadt üblich, verdingte er sich mit Genehmigung seines Besitzers früh als Gehilfe und Handwerker am Hafen. Smalls brachte es zum Lotsen und verdiente genug Geld, um seine Frau und seine Kinder freikaufen zu können. In den frühen Morgenstunden des 13. Mai 1862 ging er mit einigen Mitverschworenen an Bord des Frachtdampfers «Planter» und zog eine zuvor beschaffte Kapitänsuniform an.
Die Sklaven verliessen die Anlege, nahmen ihre Familien an einem verabredeten Kai auf und dampften dann langsam an den konföderierten Forts um Charleston vorbei. Dabei gab der damals 23-jährige Smalls jeweils die korrekten Pfeifsignale ab, die er dem Code-Buch im Steuerhaus entnahm. Minuten später traf der – unter diesen Umständen höchst ironisch getaufte – «Planter» (Pflanzer) auf die Blockadeflotte der Nordstaaten am Hafenausgang. Smalls übergab das Schiff samt Code-Buch und Ladung mit dem Zuruf: «Guten Morgen! Ich bringe ein Paar Kanonen für Uncle Sam!» Er stieg später zum Generalmajor der Miliz von South Carolina auf und zog nach Beaufort. Historiker gehen davon aus, dass er von dem Charlestoner Kaufmann Moses Goldsmith gezeugt worden ist.
Smalls hat die Region um St. Helena über Jahrzehnte im US-Kongress vertreten. Er wurde zum Vorbild für schwarze Politiker wie James Clyburn, den Walter Mack als guten Freund des Penn Center bezeichnet: «Der Abgeordnete Clyburn hat vor einigen Jahren durchgesetzt, dass die Küste vom Norden Floridas bis nach Wilmington in North Carolina als Gullah/Geechee Cultural Heritage Corridor gewürdigt wird.» Dies bringt zwar noch keine Fördermittel aus Washington nach St. Helena, aber Mack weiss die offizielle Anerkennung der Gullah-Kultur dennoch zu schätzen. Er setzt auch auf Clyburns Unterstützung für ein weiteres, ehrgeiziges Vorhaben: Im kommenden April begeht das Center seinen 150. Geburtstag. Mack wünscht sich als Ehrengast Michelle Obama, deren Familie mütterlicherseits ebenfalls Gullah-Wurzeln hat: «Ich hoffe, dass der Kongressabgeordnete Clyburn bei ihr ein gutes Wort für uns einlegt.»
Die 1711 gegründete Kleinstadt Beaufort unmittelbar südwestlich von St. Helena weist nicht nur einen historischen Kern auf, der den Vergleich mit den schönsten Ecken von Charleston aushält. Seit 26 Jahren findet hier zudem auf der Uferpromenade und einer kleinen Freiluftbühne Ende Mai jeweils das «Gullah Festival» statt. Vor durchweg schwarzem Publikum in bunter Kleidung tritt eine lange Parade von Geschichtenerzählern, Tanzgruppen und Trommel-Combos auf, während am Ufer entlang an den Ständen exzellente Gullah-Gerichte wie Okra-Reis oder geschmorter Ochsenschwanz, aber auch afrikanischen Stilen nachempfundene Gewänder, Masken und allerlei Schnickschnack angeboten werden. Etliche der meist ebenfalls afrikanisch gekleideten Tänzerinnen könnten problemlos auf New Yorker Bühnen bestehen.
Dabei liegt selbst für Laien auf der Hand, dass die Performer ihre Inspiration eher aus dem zeitgenössischen Afrika beziehen als aus der Gullah-Tradition, die auch dank der Penn School aus Fragmenten besteht. Doch dies tut dem Elan keinen Abbruch, mit dem die sogenannte «Queen Quet» das Publikum begeistert. Als Marquetta Goodwine auf St. Helena geboren und in New York aufgewachsen, ist sie Anfang der neunziger Jahre in die Region zurückgekehrt und hat sich selbst zur «Königin des gesegneten Gullah-Geechee-Volkes» ernannt. In Beaufort preist die selbstbewusste Schönheit zunächst in glühenden Tönen die afrikanische Tradition ihres Volkes und ruft nach grösserem Einfluss in der regionalen Politik. Dann treten Trommler auf die Bühne. Die Königin zieht das dunkelgrüne Seidentuch von ihren hochgesteckten Zopfhaaren. Trommeln setzen ein. Queen Quet fällt in einen Tanz, der dem «ring shout» ihrer Ahnen gleicht, aber auch Züge des Jazz Dance trägt, den sie in New York erlebt haben muss. Doch so gross dürften die Unterschiede gar nicht sein. Schliesslich kommt auch der Jazz aus Afrika.
Literatur:
Willie Lee Rose: «Rehearsal for Reconstruction. The Port Royal Experiment», Oxford University Press, Oxford 1964.
Roger Pinckney: «Blue Roots. Africa-American Folk Magic of the Gullah People.» Sandlapper Publishing, Orangeburg 1998. ●
Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.