Im Konflikt der Weltmächte

August 15, 2008
Editorial von Yves Kugelmann

Prophet. Oft gescholten als Zyniker, muss sich Henry Kissinger angesichts der Georgien-Krise als Prophet bestätigt sehen. Der ehemalige US-Aussenminister hat in seinem massiven Werk «Diplomacy» bereits 1994 eine Wiederkehr der «multipolaren» Politik der grossen Mächte vorausgesagt, die an Stelle der «bipolaren» des Kalten Krieges zu gestalten wäre. Kissinger berät John McCain, aber der scheint derzeit taub für «Henrys» Lektionen zu sein. Der republikanische Präsidentschaftskandidat hat noch vor dem Amtsinhaber George W. Bush auf den Beginn der Kriegshandlungen in Südossetien reagiert. Dabei fiel McCain reflexartig zurück auf die Rhetorik des Kalten Krieges und sprach wiederholt von «Moskau» als dem Aggressor, ohne die Handlungen Georgiens vor dem russischen Angriff auch nur zu erwähnen. Dabei hatte selbst US-Aussenministerin Condoleezza Rice Georgien mehrfach davor gewarnt, sich zu einer Eskalation in Südossetien provozieren zu lassen. McCain fordert nun die Aufnahme Georgiens in die Nato, wobei er bestätigt, dass der Angriff auf einen Partner das gesamte Bündnis auf den Plan rufen würde.

Realist. Starke Töne gegen «Moskau» – so wurden in der Reagan-Ära US-Wahlkämpfe gewonnen. McCain bezeichnet sich gerne als «Fussoldaten der Reagan-Revolution». Er scheint fast dankbar für die Chance zu sein, seinen Widersacher Barack Obama als typischen, unbedarften und ängstlichen Demokraten zu charakterisieren. Aber heute sind die USA nicht zuletzt Dank Bush und seiner republikanischen Getreuen im US-Kongress nicht mehr die unangefochtene Führungsmacht eines monolithischen, freiheitlichen Lagers, das dem russischen Bären bei Bedarf auf die Tatzen klopfen kann. Dabei haben die USA und ihre NATO-Partner 1956 und 1968 in Budapest und Prag die Grenzen des ihnen Möglichen erkannt. Als sprichwörtlicher «Realist» hat Kissinger die damalige Zurückhaltung nie kritisiert. Stets bedacht, sich keinesfalls als Schwächling zu zeigen, hat Obama mit seiner lautstarken Unterstützung Georgiens McCain inzwischen fast eingeholt. Wahlkampfzeiten sind nicht dazu geeignet, den Amerikanern zu erklären, dass ihr Land nicht allmächtig ist und auf absehbare Zeit kleinere Brötchen wird backen müssen. Womöglich übersehen aber beide Kandidaten, dass sich die Amerikaner angesichts der Abenteuer in Irak und Afghanistan auf den isolationistischen Impuls der Nation besinnen könnten. Amerika hat sich seit jeher gesträubt, sich von den alten europäischen Imperien einspannen zu lassen.

Realpolitiker. Im Kaukasus steht seit 20 Jahren die Abwicklung des sowjetischen Imperiums auf der Tagesordnung. Dies kommt der Gestaltung einer multipolaren Ordnung ausgerechnet zu dem Zeitpunkt in die Quere, an dem das Scheitern imperialer Ambitionen der USA deutlich wird. Die dadurch produzierte, aktuelle Gemengelage wirft die Frage auf, ob Kissingers multipolare Welt von einem permanenten Krisenmanagement gezeichnet sein wird, oder ob die grossen Mächte unserer Tage fähig sind, Strukturen zu schaffen oder gegebene wie die UN zu nutzen, um Konflikte nachhaltig zu lösen. Dagegen spricht, dass Indien und China zwar bereit sind, ihre wirtschaftliche und technische Potenz zu demonstrieren, aber sich nicht in «Uncle Sams» Konfrontation mit «Moskau» mischen wollen. Die «realpolitische» Weltsicht Kissingers scheint derzeit allein in Israel zu handlungsleitend zu sein. Israel hat Georgien zwar in grossem Umfang Waffen geliefert und Militär-Ausbilder gestellt. Aber Jerusalem ist anscheinend umgehend auf Distanz zu Tiflis gegangen, weil Israel «Moskau» nicht verprellen will: Dazu hat der klug kalkulierende russische Bär zuviel Einfluss auf Syrien und Iran.