Im Bann der Wechselkursentwicklung
Die Schweizer Wirtschaft hat sich Ende 2010 in guter Verfassung präsentiert. Das dynamische Wachstum hat sich zu diesem Zeitpunkt sogar beschleunigt. Noch haben sich die Turbulenzen um den Euro nur wenig auf die Schweizer Wirtschaft ausgewirkt. Die Ausgangslage für das laufende Jahr ist gut, was sich in unverändert optimistischen Konsumenten sowie einer sich weiter entspannenden Lage auf dem Arbeitsmarkt zeigt, wie die Credit Suisse im März verkündete. Die geldpolitische Gratwanderung werde immer schwieriger und das Spannungsfeld zwischen tiefem Zinsniveau einerseits und der steigenden Gefahr einer Inflation andererseits immer stärker, hiess es weiter. Zurzeit erachtet auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) das mittelfristige Inflationspotenzial aber noch nicht als Gefahr für die Preisstabilität, wobei sie sich ihren Spielraum für eine Fortsetzung der expansiven Geldpolitik dennoch vorbehält. Die weitere Entwicklung des Schweizer Frankens dürfte eine gewichtige Rolle für den Zeitpunkt einer Anhebung der Leitzinsen spielen. Eine Leitzinserhöhung ist daher vor Mitte des laufenden Jahres nicht sehr wahrscheinlich.
Die mittel- und langfristigen Hypothekarzinsen sind allerdings aus ihrem Tief herausgekommen und dürften bald wieder steigen. Seit dem tiefsten Punkt im Spätsommer 2010 bis und mit heute (April 2011) sind die mittel- und langfristigen Zinsen bereits erheblich angestiegen.
Big-to-fail-Problem lösen
Grundsätzlich war das Bedrohlichste an der Finanzkrise der Zusammenbruch des Vertrauens zwischen den Teilnehmern der Finanzmärkte. «In dieser Hinsicht hat sich die Lage vordergründig normalisiert; vielleicht ist aber eine latente Bereitschaft geblieben, sehr schnell wieder misstrauisch zu werden», sagt Horst Bienert, Leiter des Studiengangs MSc Banking and Finance am Institut für Banking and Finance an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Gleichzeitig sei es aber noch nicht sicher, ob wir schon von einem «Nachhinein» sprechen können. «Man darf nicht vergessen, dass die Folgen der Finanzkrise für die Staatsfinanzen vieler Länder noch länger nachwirken dürften», so Bienert.
Der Dollar ist seit Herbst 2007 unter grossen Schwankungen von Kursen über 1.20 Franken auf einen Kurs deutlich unter 1.00 Franken gefallen. Vor allem in den letzten zwölf Monaten habe der Dollar gegenüber vielen Währungen kräftig nachgegeben. Bienert geht von einer Verunsicherung der Märkte im Zusammenhang mit den Erdbebenfolgen in Japan oder den politisch-militärischen Entwicklungen in Nordafrika aus, denn da «hat der Dollar anscheinend überhaupt nicht profitiert». Dies mag auch mit der deutlich intensiveren Beachtung der Staatsschulden in den USA zu tun haben.
Der Euro ist gegenüber dem Schweizer Franken seit Ausbruch der Finanzkrise um etwa 20 Prozent gefallen. Bienert rechnet aus, dass zwei Drittel dieses Rückgangs auf das erste Halbjahr 2010 entfiel und im Zusammenhang mit der anhaltenden Diskussion über die Staatsverschuldung mehrerer Mitgliedsländer – vor allem Griechenland, Irland, Portugal – stand. Der markante Anstieg des Schweizer Frankens gegenüber den Währungen wichtiger Handelspartner werde somit auf die Rolle der Währung als «sicherer Hafen» für verunsicherte Kapitalanleger zurückgeführt. «Ich sehe darin aus zwei Gründen Anlass zur Sorge: Erstens – und davon wird viel gesprochen – belastet der hohe Frankenkurs die Erträge aus dem Exportgeschäft, vor allem, wenn er länger anhält. Zweitens besteht grosse Unsicherheit darüber, wann und wie plötzlich der überhöhte Wechselkurs des Frankens korrigiert wird», so der Experte. Die Massnahmen der Zentralbanken zur Begrenzung der Krisenfolgen lösten im vierten Quartal 2008 eine sprunghafte Senkung der Kurzfristzinsen bis nahe Null aus. Dies bewirkte über die folgenden Monate auch einen deutlichen Rückgang der Langfristzinsen in der Schweiz. Die zehnjährigen Zinsen für Obligationen der Eidgenossenschaft erreichten im September 2010 bei etwa 1,2 Prozent ihren Tiefpunkt. Seitdem sind sie bereits wieder um 0,7 Prozentpunkte gestiegen, was der internationalen Entwicklung entspricht. Der Aufwärtstrend hält derzeit an, zumal die Zinsen im langjährigen Vergleich noch immer niedrig sind.
Bienert ist demnach der Ansicht, dass die Anfälligkeit der Banken und des Finanzsystems verringert werden soll, indem höhere Kapitalreserven und ein höherer Bestand an flüssigen Mitteln vorgeschrieben werden. Gleichzeitig soll verhindert werden, dass Staaten im Krisenfall keine Wahl mehr haben und de facto eine Garantie für private Bankunternehmen übernehmen müssen, weil ein Konkurs unüberschaubare Nebenwirkungen hätte. Dieses «too big to fail»-Problem könne durch Vorkehrungen für die geordnete Abwicklung eines Konkurses, durch eine Erhöhung der Sicherheitsreserven für derartige Unternehmen oder durch die erzwungene Aufspaltung von «zu grossen» Unternehmen gelöst werden.
Möglicher Zinsschritt der SNB im Sommer
Das Wirtschaftswachstum in unserem Land ist aber noch hoch. Bisher haben der starke Franken und der moderate Inflationsausblick die Nationalbank davon abgehalten, die Leitzinsen, die seit zwei Jahren auf dem Niveau von unter 0,5% liegen, zu erhöhen. Nun hat die Europäische Zen-tralbank (EZB) aber bereits die ersten Schritte eingeleitet und die Euro-Zinsen um 0,25% erhöht auf 1,25%. Dies könnte den Schweizer Franken entlasten und auch der SNB die Möglichkeit geben, ihre Geldpolitik zu normalisieren. Allerdings könnten die Folgen der Katastrophe in Fukushima den beginnenden Anstieg der Leitzinsen aufschieben, wenn die globale Wirtschaftsentwicklung stärker als derzeit erwartet beeinträchtigt wird. Dieser Fukushima-Effekt im Finanzsektor wird mit jedem Tag, an dem die Krise in Japan andauert, wahrscheinlicher. Zusätzlich werden die Unruhen im nordafrikanischen Raum (Libyen, Ägypten, Tunesien, Syrien usw.) den Ölpreis beeinflussen und verteuern. Dennoch liess die kürzlich erfolgte Zinserhöhung der EZB viele daran glauben, in Sachen Geldpolitik werde in den Industrieländern eine Wende eingeläutet. Trotzdem wird auch in den Industrieländern erwartet, dass es zur baldigen Inflation kommt. Dies liegt einerseits am Wachstum in einigen Ländern, aber vor allem auch am höheren Erdölpreis.
Viele Börsenkenner seien von den Neuigkeiten aus Fernost, wonach die Katastrophe in den Atomreaktoren im japanischen Fukushima nun mit der höchsten Gefahrenstufe 7 – also gleich wie Tschernobyl – beurteilt wird, schockiert gewesen, liessen noch Mitte April Kenner des Finanzmarktes informell verlauten. Allerdings rechnen die meisten Börsenkenner damit, dass es mit den Kapitalmarktzinsen zunächst weiter aufwärts gehe. Spekulationen zu Folge könnte dieser Trend aber durch die Debatte um die Aufhebung der Unternehmenssteuerreform wieder abgebremst werden. Die Forderung der SP vor Bundesgericht, die Reform wegen Irreführung der Stimmberechtigten für ungültig zu erklären, könnte viele Unternehmen schmerzlich treffen und damit die gesamte Konjunktur gefährden, was sich auch auf das Finanzsystem destabilisierend auswirken könnte.
Finma befürchtet Destabilität des Finanzsystems
Die Stabilität des Finanzsystems sei gefährdet, davon geht unabhängig davon auch die Finanzmarktaufsicht (Finma) aus; denn die Banken seien einem plötzlichen Anstieg der Zinsen wohl nicht mehr gewachsen. Die Schweiz habe die vergangene Finanzkrise aber vorbildlich bekämpft. Die Banken sollen nach überstanden geglaubter Finanzkrise ihre Risiken nicht vergessen. Die Finma warnt vor allem auch vor den Risiken des Tiefzinsumfelds, das seit Jahren vorherrscht. Tiefe Zinsen und ein starker Anstieg würden die Banken herausfordern, sagte der Direktor der Finma, Patrick Raaflaub, an einer Medienkonferenz der Aufsichtsbehörde in Bern noch vor wenigen Wochen.
Es gebe verschiedene Gründe, weshalb bei tiefem Zinsniveau höhere Risiken eingegangen würden: etwa Renditeziele und geringere Preisschwankungen. So stiegen die Hypothekarkredite letztes Jahr in der Schweiz um 6,5 Prozent, obwohl die Banken ihre Kriterien nicht gelockert hatten. Gemäss Vertretern der Finma können Banken heute steigenden Marktzinsen nichts entgegnen. Es gebe aber keine besonders gefährdete Kategorie von Banken.
Ein bedeutendes Zinsänderungsrisiko bestehe nicht nur im Hypothekargeschäft, sondern etwa auch bei den Versicherungen im Bereich Leben. Deshalb sei es wichtig, dass das Zinsrisiko ständig beobachtet wird.
Vertiefte Inspektionen
Die Finma analysiere die Annahmen für die Berechnung der Zinsrisiken aufmerksam und ordne punktuelle Korrekturen an, sagte Finma-Chef Raaflaub weiter an der besagten Jahreskonferenz. Ergänzend seien im laufenden Jahr mehrere Besuche bei Banken geplant. Im Unterschied zur europäischen Aufsichtsbehörden plant die Finma aber keinen sogenannten «Stresstest» für Banken, denn deren Risikoanfälligkeit werde halbjährlich routinemässig überprüft. Die Finma würde eine Rückkehr zu einem durchschnittlichen Zinsniveau begrüssen, weil der Finanzsektor damit deutlich entspannt würde.
Dennoch hat die SNB letzte Woche den Leitzins erneut auf einem Rekordtief stehen lassen. An die Adresse der Politiker in Bern richtet die Finma gemäss Aussagen ihrer Exponenten erneut den Aufruf, die Massnahmen, welche nach der Finanzkrise gestartet wurden und das Problem übermässig grosser Banken lösen sollten, nun mit einer impliziten Staatsgarantie umzusetzen.
Und die neue Finma-Präsidentin Anne Héritier Lachat, die seit Anfang Jahr ihr Amt bekleidet, erinnerte daran, dass die im Parlament hängige Vorlage von der Expertenkommission des Bundes, in der auch Vertreter der Grossbanken sitzen, einstimmig beschlossen worden sei. Man sei nie gegen Krisen gefeit, und die momentane Krise sei noch nicht überwunden, warnte die langjährige Professorin für Bankenrecht Héritier Lachat in einem Interview, welches sie noch vor wenigen Wochen dem Tages Anzeiger gab. Héritier Lachat hatte Eugen Haltiner im Präsidium der Finma abgelöst.
Dieser hatte im Zuge der UBS-Steueraffäre vergangenen Jahres seinen Rücktritt erklärt, nachdem ihm mangelnde Distanz zur UBS vorgeworfen wurde und er damit das Image der Finma als unabhängige Instanz gefährdet hatte. Inzwischen ist jedoch etwas Gelassenheit in die Finma eingekehrt und auch das ramponierte Bild des Finanzplatzes Schweiz erstrahlt langsam wieder in neuem Glanz. Das Modell der Schweiz zur Bekämpfung der Finanzkrise könnte damit auch international wieder Schule machen. Davon war jedenfalls Finma-Präsidentin Héritier Lachat noch Ende März überzeugt. Doch erst die finanzpolitischen Manöver der kommenden Wochen und die Bewältigung der noch nicht abgewendeten internationalen Krisen werden hier Klarheit bringen.