«Ich wollte den Fahneneid nicht brechen»
«Manchmal reut es mich heute beinahe, dass ich während des Krieges fast 1000 Tage Aktivdienst geleistet habe», sagt Raymond Bollag. «Die gehässigen Angriffe auf die Juden wegen der Holocaust-Debatte in den letzten Jahren ärgerten mich. Vor allem aber erzürnt mich die Affäre Keller (die Immunität von Nationalrat Rudolf Keller, Präsident der Schweizer Demokraten, wurde nicht aufgehoben, obwohl er zum Boykott jüdischer Angebote aufgerufen hatte. Anmerkung G.B.).» Damals hätte er auch nie gedacht, sagt er, dass 1999 eine SVP eine derartige Politik machen könnte. Weder während des Militärdienstes noch vorher in der Schule oder bei der Arbeit hatte der junge Mann den alltäglichen Antisemitismus kennengelernt. 99 Prozent der Kundschaft war nicht jüdisch, sein Freundeskreis gemischt. Allerdings wohnte die Familie in Zürich an der Gartenstrasse, in unmittelbarer Nähe des «braunen Hauses», in dem die Fröntler ihren Sitz hatten. Die Parolen der Fröntler gaben ihm zwar schon zu denken, aber Angst, sagt er, habe er nie empfunden. «Allerdings hatten wir zwei deutsche Angestellte in der väterlichen Firma», erzählt er. «Sie waren auf den \"Stürmer\" abonniert. Ich bin heute noch überzeugt, dass sie dazu ausersehen waren, die Fabrik zu übernehmen, sobald die Deutschen gekommen wären.» 1936 absolvierte der junge Jude die Rekrutenschule bei den Motorfahrern in Thun. Er sollte Korporal werden, wollte diesen Grad aber nicht wochenlang «abverdienen». «Ich sagte, dazu hätte ich keine Zeit. Wenn sie mich aber direkt in die Fourierschule schicken würden, dann könnte ich diesen Grad ohne weiteres abverdienen, denn das dauerte weniger lang. Erstaunlicherweise gingen die Vorgesetzten auf meinen Vorschlag ein.» In Thun erlebte er ein einziges Mal als Jude eine Einschränkung: Er durfte über die höchsten Feiertage, Rosch Haschana und Jom Kippur, nicht nach Hause fahren. Er bekam lediglich Urlaub, um in Thun die Gottesdienste zu besuchen. Raymond Bollag musste sich für die Mobilmachung am 2. September 1939 nicht von zu Hause losreissen, um einzurücken - er befand sich damals bereits im Militärdienst. Am 12. August 1939 war er zu einem ganz normalen Wiederholungskurs in Mellingen im Kanton Aargau eingetroffen, als Fourier der Pontonier-Lastwagenkolonne 3, die zum Pontonierbataillon 3 gehörte. Er, der heute mit 83 Jahren an diese Zeit zurückdenkt, war damals erst 23 Jahre alt, ledig und Reisender für die Firma seines Vaters, die Herrenkonfektionsfabrik Charles Bollag Söhne, die der Grossvater gegründet hatte.
Schlecht gerüstete Armee
«Wir spürten nichts von einem herannahenden Krieg», berichtet er. «Wir bekamen auch kaum Informationen.» Nein, Angst empfand er nicht, als mobilisiert wurde, schon gar nicht um sein Leben. Viel mehr ärgerte er sich über den schlechten Ausrüstungsstand der Schweizer Armee. Statt des Sollbestandes von 200 Mann in seiner Kolonne rückte kaum die Hälfte ein und dazu ein paar Dutzend Hilfsdienstler. «So behielten wir einfach die Motorfahrer, welche uns die privat requirierten 144 Lastwagen brachten. Sie bekamen eine Armbinde und mussten bei uns Dienst leisten.» Er ist heute noch sicher: «Jede Armee, welche auch immer, hätte die Schweiz damals im Handumdrehen erobern können.» In dieser Zeit bekam er während eines Urlaubs die Aufgabe übertragen, eine Suppenküche an der Lavaterstrasse im neuen Gemeindehaus der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) zu organisieren. Sie funktionierte den ganzen Krieg hindurch und gab oft die einzige warme Verpflegung des Tages an zahlreiche Flüchtlinge ab. Ebenfalls im ersten Kriegswinter bekam sein Vater Nachricht vom amerikanischen Konsulat, dass die Visa für die ganze Familie bewilligt worden seien. Sie könnten während sechs Monaten abgeholt werden, dann würden sie verfallen. «Wir versammelten uns im einzigen Zimmer, das in unserer Wohnung noch geheizt wurde, und hielten Rat», erinnert sich Bollag. «Mein Vater erklärte, entweder gingen wir alle gemeinsam in die USA oder niemand. Ich sagte, ich könne nicht weggehen. Ich hätte den Fahneneid auf das Vaterland geleistet und wolle ihn auf keinen Fall brechen. Ich könne jetzt auch meine Einheit nicht im Stich lassen. Ich bin schuld, dass wir nicht auswanderten, als wir die Gelegenheit dazu hatten. Aber ich bereue es nicht. Meine Eltern und mein Bruder haben es mir auch nie vorgehalten.» So blieb Bollag seiner Kolonne erhalten. Militärischer Chef am Ort war während des Krieges jeweils der dort stationierte Truppenkommandant. Im Büro seiner Einheit in Mellingen sah der Fourier einen Brief aus Bern, in dem die Weisung stand, dass die Pontoniere bei einem Einmarsch der Deutschen vorher die Nazi-Sympathisanten von Mellingen zu verhaften hätten. Mellingen zählte damals rund 1400 Einwohner. «Auf der Liste standen nicht weniger als 320 Namen.» Diese politische Einstellung bekam Bollag in Mellingen allerdings nicht oft zu spüren. Er war aber auch daran gewöhnt, sich notfalls tatkräftig zu wehren. Im Mai 1940, während der zweiten Mobilmachung, als Hitler Frankreich überrollte, betrat sein Hauptmann, ein Papierfabrikant und Sympathisant der berüchtigten «200», das Büro und sagte vor dem anwesenden Feldweibel bedeutungsvoll zu seinem jüdischen Fourier: «Jetzt kommen bald die Deutschen!» Da antwortete ihm dieser: «Dann ist die erste Kugel aus meiner Pistole für dich bestimmt.» Worauf der Hauptmann betreten und wortlos das Büro verliess. Im Verlauf des Krieges habe er sein deutschfreundliches Verhalten geändert, berichtet Bollag. Ob das an seinem gutem Einfluss lag oder am schwindenden Kriegsglück der Nazitruppen, will er allerdings nicht entscheiden. Manchmal wehrten sich auch andere für den jüdischen Kameraden. Im ersten Kriegswinter wurde auch im Mellinger Restaurant nicht mehr geheizt. Der Fourier, der eines Tages mit dem Feldweibel an einem Tisch sass, empfand Mitleid mit der frierenden Serviertochter und überliess ihr seinen Soldatenmantel. Da kam ein Bauer aus der Gegend herein und fuhr die Serviererin an, sie solle sofort diesen Judenmantel ausziehen. Bollag wollte aufstehen und den Mann handgreiflich Mores lehren, aber der Feldweibel hinderte ihn daran mit den Worten: «Lass mich das erledigen.» Worauf er den Bauern kurzerhand vor die Tür setzte. «Vielleicht hatten ihm meine Lieferanten erzählt, ich sei Jude», mutmasst Bollag.
Antisemitismus in Attinghausen
Ein Problem wurde das erst, als die Kolonne 1940 nicht demobilisiert, sondern ins Urnerland verlegt wurde, um die Motorbootequipe auf dem Urnersee aufzubauen. Der erste Aufenthaltsort war Attinghausen, und dort waren kurz zuvor zwei Verräter gefasst und erschossen worden. Ob das etwas damit zu tun hatte, dass die Bevölkerung sich weitgehend antisemitisch gebärdete, vermag Bollag heute nicht mehr zu sagen. Jedenfalls weigerten sich die Geschäftsleute am Ort, «dem Juden» die Ware zu verkaufen, die er zum Unterhalt seiner Leute brauchte. Der jüdische Fourier insistierte nicht, rief auch nicht seine Vorgesetzten zu Hilfe, sondern schickte ganz einfach Soldaten zum Einkaufen. Als er allerdings Morddrohungen bekam, nahm sein Kommandant diese sehr ernst und stellte 24 Stunden eine Schildwache vor das Zimmer, auf das der höhere Unteroffizier Anspruch hatte. Es war übrigens der gleiche Kommandant, der sich so deutschfreundlich gebärdet hatte. «Die Einheit stand immer zu mir», sagt Bollag stolz. «Und vor dem Antisemitismus der Bevölkerung konnte ich mich schliesslich nicht verkriechen. Ich verkehrte trotzdem in den Wirtschaften des Ortes.» Die Pontonier-Lastwagenkolonne 3 hatte einen besonders ehrlichen Fourier. Er steckte nie die reichlichen Trinkgelder in die eigene Tasche, sondern liess sie sich säuberlich quittieren und verwendete sie für zusätzliche Verpflegung der Truppe. «Ich brachte den Leuten Verdienst», erklärt er stolz. «Wenn ich an einer Tankstelle 144 Lastwagen auftanken lassen musste, so kostete das gleich tausende von Franken. Kein Wunder, dass die Lieferanten sich erkenntlich zeigen wollten.» Nur wollte der skrupulöse Fourier keinen Rappen davon für sich behalten.
Harte Nachkriegszeit
Jedenfalls wurde der Fourier Bollag Raymond nach Kriegsende nicht nach Hause entlassen, sondern dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. Er musste ein Lager mit gefangenen Russen übernehmen und denkt heute noch mit Schaudern daran, was er dort an Disziplinlosigkeit und Frechheit erlebte. «Stalin gibt Ihnen morgen den Käse zurück», hörte er beispielsweise, «aber heute haben wir zu wenig Käse, wir wollen mehr.» Ein jüdischer Flüchtling aus Zürich war ihm als Dolmetscher zugeteilt worden. Nach neun Wochen hatte die Intervention eines Obersten in Bern Erfolg, und er wurde nach Hause entlassen, wo er dringend benötigt wurde, um die am Boden liegende Fabrik wieder in Fahrt zu bringen. Uniformen hatte die Firma während des Krieges nicht produzieren dürfen, weil sie angeblich «nicht genügend rationalisiert war». Vielleicht war auch der Name ein Hinderungsgrund. «Dabei hatten wir zu meinem grössten Stolz bereits wichtige soziale Errungenschaften», ist der ehemalige Patron heute noch zufrieden, «einen Kindergarten, die erste Pensionskasse von Zürich, einen eigenen Fussballklub.» Aber der Vater war bereits schwer krank, er sollte 1946 mit erst 56 Jahren sterben. Zwei Jahre später folgte ihm die Mutter, die an Krebs litt. Kurz vor dem Tod des Vaters war der junge Patron in Genf. Gleichzeitig besuchte eine junge Französin dort Freunde, und die beiden lernten sich kennen. Sie stammte aus Troyes, wo ihr Vater Präsident der jüdischen Gemeinde gewesen war. Mit ihrer ganzen Familie und befreundeten Familien, insgesamt rund 20 Personen, flüchtete sie in die Nähe von St. Etienne, wo noch nie jemand einen Juden gesehen hatte. Dennoch wurde die Gruppe beschützt, durfte alle Feiertage einhalten und überlebte den Krieg. Die jungen Leute schlossen sich der Résistance an, und Raymond Bollag ist überaus stolz auf die beiden Auszeichnungen seiner Frau, mit der er seit 52 Jahren verheiratet ist. Das Ehepaar hat vier Kinder und elf Enkelkinder. 1970 erlitt Bollag einen schweren Autounfall und ist seither invalid. Ein Sohn musste gemeinsam mit dem Onkel mit erst 21 Jahren die Firma übernehmen. Der gehbehinderte Textilkaufmann betätigte sich von nun an vermehrt sozial, wurde Stiftungsratsmitglied der Pro Senectute, für die er 1979 die «Senexpert» gründete, eine Vereinigung ehemaliger Führungskräfte, die junge Unternehmer berät, wenn sie mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Mindestens 70 Prozent ihres Honorars fliesst zurück in die Stiftung. Er wurde auch Mitglied der gemeinderätlichen Kommission für Altersfragen sowie der Alterskommission der ICZ. In dieser Eigenschaft wurde er zu einem der «Väter» des Alterswohnheims Sikna. Nachdem sie gebaut war, trat er zurück. Seit sechs Monaten wohnt er nun selber als Pensionär dort. Blickt er auf den Krieg zurück, so stellt er fest, dass die Soldaten schlecht informiert wurden.
Deplazierte «Diamant»-Feier
Nur den Kriegsverlauf bekamen sie einigermassen mit. Von der Schoa erfuhr er erst nach Kriegsende, als die Alliierten die Lager befreiten. Der Schock war gross. Die Schweizer Flüchtlingspolitik war ihm allerdings bekannt, weil seine Eltern wie so viele andere immer wieder Flüchtlinge beherbergten. «Ich bin heute noch dankbar, dass ich nie an einer Grenze Dienst tun musste, wo ich in Gefahr geraten wäre, mit Flüchtlingsrückweisungen konfrontiert zu werden», sagt er. Der ehemalige Fourier, der bis 1956 Militärdienst leistete, sagt, er sehe heute, dass die Zusammenarbeit der Schweiz mit NS-Deutschland noch viel grösser war als er früher vermutet hatte. Er habe zwar gewusst, auf welcher Seite die Bundesräte Motta, Pilet-Golaz und von Steiger standen, sagt er, aber das Ausmass, beispielsweise des Goldhandels, sei ihm erst jetzt durch die Berichte der letzten Jahre bewusst geworden. «Der Armee verdanken wir gar nichts», sagt der Aktivdienstler. Dennoch hat er Verständnis für die Empfindlichkeiten anderer ehemaliger Kriegsteilnehmer, «denn sie haben ihre Sache recht gemacht. Wäre ich kein Jude, würde ich vielleicht ähnlich auf die Vorwürfe gegenüber der Schweiz reagieren.» Seine Kameraden traf er immer wieder zu einem lustigen Abend, «mit fortschreitendem Alter eher zu einem fröhlichen Nachmittag», lächelt er. An den «Diamant»-Anlässen 1989 hätte er auch nicht teilgenommen, wenn er noch gut zu Fuss gewesen wäre. «Ich fand es deplaziert, den Kriegsbeginn zu feiern.»