«Ich will nicht Jude und ICZ-Mitglied zweiter Klasse sein»
Tagesgespräch in Zürich: die Kandidatur des Architekten David Vogt für die Ersatzwahlen in den Vorstand der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Er ist ICZ-Mitglied, seit fünf Jahren sitzt er in der Baukommission, sechs Jahre lang übte er das Amt eines Vorstands im Fussballclub Hakoah aus. Vogt und seine Frau, eine Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei, sind Eltern von zwei kleinen Söhnen im Alter von dreieinhalb und anderthalb Jahren. «Schon meine Grosseltern und Urgrosseltern waren ICZ-Mitglieder und liegen auf den Friedhöfen am Unteren und Oberen Friesenberg. Sie würden sich wohl im Grab umdrehen, wenn sie von der Diskussion um meine Person wüssten», sagt Vogt. «Auch ich hatte stets meine Wurzeln und meine Freunde in der ICZ. Seit ich von Basel nach Zürich zog, bin ich Gemeindemitglied.» Doch wegen seiner nichtjüdischen Frau, die bereits sein «Schulschatz» war und ihn bei der jüdischen Erziehung der Kinder tatkräftig unterstützt, wollen ihn ein Teil der ICZ-Mitglieder am 13. Dezember nicht in den Vorstand wählen. «Es geht dabei um eine Person, um die es gar nicht geht», sagt Vogt. «Schliesslich bin ich das ICZ-Mitglied in unserer Familie, und ich habe mich zur Wahl gestellt, nicht meine Frau.» Noch vor den Hohen Feiertagen war Vogt via Generalsekretär im Namen des Vorstands und der Wahlkommission angefragt worden, ob er Interesse hätte, im Vorstand mitzuarbeiten. Er überlegte sich dieses Angebot gut. Mit seiner Frau diskutierte er, wie eine solche Aufgabe mit den Kindern, der Familie, seinem Geschäft und ihrem Geschäft unter einen Hut zu bringen wäre. «Schliesslich fiel der Entscheid: Ich wollte mich in den Dienst dieser Gemeinde stellen, schliesslich bin ich ein Teil davon.» Er wurde zur Vorstellung in den Vorstand eingeladen, der ihn bereits von seiner Arbeit als Kommissionsmitglied her gut kannte, zusammen mit einem anderen Kandidaten. Nach diesem Gespräch wurde die Kandidatur in einem ICZ-Schreiben publiziert. Vogt erzählt es nicht gern: Er erfuhr daraufhin, dass es «diverse Probleme» gebe. Klartext: Eine Gruppe von Mitgliedern nahm an seiner Mischehe Anstoss. Er sei ein wenig erstaunt gewesen, sagt er, handkehrum wisse er, dass die Gemeinde nicht homogen sei und dass es vehementen Widerstand gegen Mischehen gibt. Doch er habe sich gesagt, dass an einer Gemeindeversammlung demokratische Wahlen stattfinden. Er stellte sich vor, genauso gut ein Ja wie ein Nein zu ernten. Das sei die erste Phase gewesen. Heute habe sich das geändert: «Es geht mir nach wie vor darum, mich in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Aber ich frage mich: Bin ich wirklich ein Problem, ist meine Frau ein Problem?» Er spüre, dass es Leute gebe, die ihn mögen und deshalb tendenziell verhindern möchten, dass der Familie Vogt mit einer unschönen GV weh getan wird. Es gab kürzlich eine interne Aussprache zwischen Befürwortern und Gegnern. Doch Vogt ist entschlossen, bei seiner Kandidatur zu bleiben: «Es geht eigentlich nicht mehr um mich, sondern um die Kräfteverhältnisse in der ICZ.» Allerdings wisse er nicht, was in den zwei Wochen bis zum 13. Dezember noch alles an ihn herankommen könnte, um ihn doch noch umzustimmen. Es gebe viele Menschen, die seine Kandidatur unterstützen und eigens deswegen mal an der GV teilnehmen wollen. «Daneben gibt es Leute, die eine andere Auffassung von Mischehen haben als ich; damit kann ich gut leben», sagt Vogt. «Aber ich will es diesen Leuten nicht so einfach machen, indem ich mich zurückziehe. Sie sollen ihre Argumente an der GV artikulieren.» Viele Gemeindemitglieder sehen nach Informationen der JR hier die Grenze, die sie nicht überschreiten wollen. Mit diesem Dilemma sieht sich auch Rabbiner Zalman Kossowsky konfrontiert, bei dessen Frau Dana die Ehefrau von David Vogt jede Woche lernt. Dass die Kinder als Juden aufwachsen sollten, war von vornherein klar gewesen. Vogt erzählt, dass sie beide schon nach der Geburt des ersten Sohnes mit dem Rabbiner lange Gespräche darüber geführt hätten, welchen Weg sie einschlagen sollten, um die Kinder jüdisch zu erziehen. Er habe sie immer sehr offen empfangen und ihnen Probleme wie Möglichkeiten aufgezeigt. Die Vogts fänden es schön, wenn es grundsätzlich möglich wäre, dass ihre Kinder den Kindergarten und die Noam besuchen könnten. Sie sind auch für eine andere Lösung offen. Sie stellten sich jedoch vor, dass die Buben den «Unzgi», den Religionsunterricht, mitmachen und dann mit der Barmizwa den formellen Übertritt zum Judentum vollziehen könnten, unabhängig von ihrer Mutter. Ein nicht ganz einfacher, aber gut überlegter Weg. «Meine Frau und ich haben nie etwas gewollt, das gegen die Halacha verstösst. Alles, was wir uns wünschen, ist, dass man uns mit Toleranz und Menschlichkeit begegnet.» Doch schon die Anzeige der Geburt ihrer Söhne in den Familiennachrichten sei von einer jüdischen Zeitung aus halachischen Gründen abgelehnt worden. «Eine schwierige Situation für unsere Identität als Familie, die sich integriert und zugehörig fühlt und auch von anderen so eingestuft wird.» Dabei hat er festgestellt, dass ältere Personen keineswegs konservativer denken als jüngere. Aber auch, dass er Kritiker gegen sich hat, die weniger lang ICZ-Mitglieder sind als er. Niemand erhebt dagegen Einsprache, dass Vogt seit fünf Jahren in der Baukommission arbeitet. «Es hat auch niemand etwas dagegen, dass ich Steuern zahle», meint er. Durch seine Kandidatur für den Vorstand sieht er sich jedoch in der Situation, von einer Gruppe Menschen plötzlich als Jude und ICZ-Mitglied zweiter Klasse abgestempelt zu werden. Er ist einer der regelmässigen Synagogengänger. Mit seinem älteren Sohn besucht er alle zwei Wochen den Schabbat-Gottesdienst. Seinen Synagogenplatz hat er neben dem Sohn des Rabbiners, mit dessen Familie ein gutes Einvernehmen gepflegt wird. Rabbiner Kossowsky sagte sehr ernst zur JR, es müsse alles daran gesetzt werden, sachlich zu bleiben und vor allem den Frieden in der Gemeinde zu bewahren. Vogt jedoch meint, langsam müsse er sich fragen, was auch viele seiner Befürworter tun, ob dem Frieden wirklich alles unterzuordnen ist.