«Ich webe euch ein Leichentuch»
Vor dem fast schwarzen, wellenartigen, eine textile Struktur nachahmenden Hintergrund zeichnet sich der schmale, abgemagerte Körper einer menschlichen Gestalt ab. Vergeblich suchten die übergrossen Hände den nackten Körper mit einer umarmenden Geste zu schützen. Riesige, stumpfe Augen dominieren den kahlen Schädel, der auf einem langen, dünnen Hals ruht. In den ausgestellten Arbeiten Rosemarie Ko zys ist es immer wieder der stumpfe Blick eines toten Menschen, der den Besucher an das Ungeheure und Entsetzliche erinnert, das die unschuldigen Häftlinge in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten gesehen haben, bevor sie selbst ermordet wurden. Motiv ihrer Bilder sind die Toten, deren Körperhaltung die erlittenen Todesqualen ahnen lässt. Eine zum Skelett abgemagerte Figur mit aufgedunsenem Bauch hat die grossen Hände abwehrend nach oben gehoben. Sie wird von einem Leichentuch mit floralem Muster umhüllt, das die erlittenen Qualen zu mildern scheint. Der seriellen Wiederholung und Variation des Dargestellten in den Tuschfederzeichnungen Rosemarie Ko zys entspricht die serielle Tötung der Menschen und ihr entindividualisierter und unwürdiger Tod im Massengrab in den Konzentrationslagern. Ihre eigene Familie wurde Opfer der Nationalsozialisten. Sie selbst war als vierjähriges Kind in das Konzentrationslager Traunstein bei Dachau deportiert worden und wurde Zeugin der Greueltaten der Nazis. Die Traumatisierung und Erinnerung an diese Erlebnisse bestimmen ihr Leben und ihre Motivation zu malen. Sie bezeichnet sich jedoch nicht als «Künstlerin», «Ich arbeite täglich wie ein Arbeiter an dieser kollektiven Erinnerung». Das ästhetische Kunsterlebnis steht dabei eindeutig im Hintergrund. Es geht um die Erinnerung. Rosemary Ko zy erklärt ihr Schaffen: «Ich verstehe meine Arbeit als Gedächtnis der Zeit.» Gleichzeitig will sie jedem der dargestellten Toten eine würdige Bestattung nach jüdischem Ritual mit einem Leichentuch geben. Dadurch erhält jeder der Leichname seine im anonymen Massengrab verlorene Individualität zurück. «Die Zeichnungen, die ich jeden Tag mache, sind benannt. Ich webe euch ein Leichentuch. Es ist eine Bestattung für all jene, die ich sterben sah in den Lagern 1942, 1943, 1944 und 1945 sowie im Lager für Verschleppte bis 1951.»
Museum im Lagerhaus St. Gallen. Stiftung für schweizerische naive Kunst und art brut. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 14-17 Uhr, Montag geschlossen. Öffentliche Führungen:
17. September und 1. Oktober je 10.30 Uhr. Führungen für Gruppen und Schulen können unter der Telefonnummer 071 223 58 57 oder071 222 26 01 angemeldet werden.