«Ich möchte die Herzen der Menschen umarmen»

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Rund 600 Fans und Freunde von Achinoam Nini (Noah) hatten sich am vergangenen Sonntagabend ins Lörracher Burghof-Theater begeben, um «Blue touches Blue», das neueste Programm der zierlichen israelischen Sängerin mitzuerleben. Mit «Eine himmlische Melange aus Pop und fernöstlichen Klangfarben» hatte das Theater in einem Flyer das Konzert angekündigt. Diese Definition ist sicher richtig, doch bot Noah dem Zuschauer in ihrem anderthalbstündigen Auftritt viel mehr.
Musikstar Noah: «Botschafterin des eigenen Landes.» - Foto PD

Egal, ob sie alleine vor dem Publikum steht, von ihrem Gitarristen Gil Dor begleitet wird, oder ob die ganze, vierköpfige Band sie unterstützt - die israelische Sängerin Achinoam Nini, die sich im Ausland Noah nennt, füllt die Bühne von einem Eck zum anderen aus. Ihrer übersprühenden Energie, ihrer Überzeugungskraft und ihrer in den Darbietungen zum Ausdruck gelangenden Lebensfreude kann niemand entgehen, bzw. will niemand entgehen. Das war auch am vergangenen Sonntag so, als Noah im Rahmen ihrer rund sechsmonatigen Tournee im Burhof in Lörrach vor den Toren Basels auftrat. Schon nach ganz kurzer Zeit sprang der Funke über von der Bühne ins Publikum; der Rest des Abends war dann ein gemeinsames Erleben und Geniessen, wobei Noah, sichtlich erfreut durch das begeisterungsfähige Publikum, am Schluss trotz sichtlicher Ermüdung mit Zugaben nicht geizte.
Die 1969 in Israel geborene Achinoam Nini, die ihre Jugend in den USA verbrachte und erst mit 17 wieder in ihr Heimatland zurückkehrte, singt vor allem von der Suche nach Stärke, von Partnerschaften, von der Liebe - kurz, von der Freude am Leben. Aber auch Gott und das Gebet spielen im Repertoire und im Leben der Sängerin heute eine wichtigere Rolle als auch schon, sieht Noah doch Mutterfreuden entgegen. «Ich mache mir schon heute Sorgen um den Kleinen», meinte sie zwischen ihren Liedern. «Ich bitte Gott inständig darum, dass er die Welt, in die mein Sohn hinein geboren werden soll, zu einer besseren macht als sie heute ist. Und weil das keine leichte Aufgabe ist, soll er am besten heute schon damit beginnen.» Viel Applaus erntet die Israelin mit ihrer Bemerkung, keine Religion sei besser als die andere; es komme darauf an, was der Mensch aus der Religion mache.
Ob Noah nun amerikanisch geprägten Pop singt, hebräische Lieder aus ihrer Heimat - hin und wieder schimmert auch die Kultur ihrer Vorfahren aus dem Jemen durch - oder ob sie ein Trommelsolo zum Besten gibt, stets setzt sie sich voll mit Körper, Seele und Stimme ein. Wegen der mit Stolz zur Schau getragenen Schwangerschaft sind Tanzschritte, Pirouetten und Sprünge zwar etwas bescheidener als sonst, doch von ihrem Enthusiasmus wird auch das Ensemble angesteckt: Die Solodarbietungen des Gitarristen und des Percussions-Trommlers waren Spitzenklasse.«Ich möchte die Herzen der Menschen umarmen», sagt Noah in einem Kommentar zu ihrem neuesten Album «Blue Touches Blue». In Lörrach ist ihr das zweifelsohne gelungen.

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Klare Trennung zwischen Kunst und Politik

Nach ihrem von Begeisterungsstürmen des Publikums und einer Zugabe um die andere beträchtlich verlängerten Konzert im Lörracher Burghof-Theater war Achinoam Nini zwar rechtschaffen müde. Trotzdem nahm sie sich Zeit und beantwortete einige Fragen, die Jacques Ungar ihr für die JR stellte.

Jüdische Rundschau: Sind Sie «nur» Künstlerin oder fühlen Sie sich auch als Botschafterin des Staates Israel?
Achinoam Nini: Als Bürgerin Israels bin ich bei meinen Auslandstourneen automatisch auch Botschafterin meines Heimatlandes. Darauf bin ich stolz. Es gibt mir nämlich die Möglichkeit, ein Bild von Israel zu zeichnen, das sich wesentlich von jenem unterscheidet, das die Medien und die Politiker offerieren.

Jüdische Rundschau: Sie treten ausgesprochen und offen für einen Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn auf. So sind Sie beim Gedenkkonzert für Yitzchak Rabin, zuvor aber auch bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn, Shimon Peres und Yasser Arafat aufgetreten. Warum gelangt in Ihren Liedern Ihre politische Haltung nur am Rande und indirekt zum Ausdruck?
Achinoam Nini: Ich mache eine klare Trennung zwischen meinem Wirken als Sängerin und meinen politischen Ansichten. Wenn ich diese unters Volk bringen will, dann gebe ich ein Interview. Aber auch so wissen die meisten genau, wo ich stehe.

Jüdische Rundschau: Ihre Familie stammt ursprünglich aus dem Jemen. Warum schlägt sich dies in Ihrem künstlerischen Wirken kaum nieder?
Achinoam Nini: Es gibt genügend israelische Sängerinnen und Sänger, die die jemenitische Folklore hochhalten und pflegen. Wir wollen etwas Eigenständiges schaffen, von dem auch noch spätere Generationen sprechen werden. Etwas anderes wäre es, wenn das jemenitisch-jüdische Brauchtum vom Aussterben bedroht wäre, aber das ist ja nicht der Fall.

Jüdische Rundschau: Würde es Sie interessieren, Jemen zu besuchen?
Achinoam Nini: Selbstverständlich, und ich habe auch schon gehört, dass meine Musik dort bis hinauf zum Premierminister gerne gehört wird. Hoffentlich lässt es sich eines Tages verwirklichen, vielleicht in Zusammenarbeit mit dem Shimon-Peres-Friedenszentrum.

Jüdische Rundschau: Sie sind schwanger. Wissen Sie schon, was es werden wird?
Achinoam Nini: Ein Junge, so Gott will, mit Gottes Willen.