«Ich hoffe, dass es ein Fussballfest wird»
tachles: Herr Zloczower, wir stehen kurz vor der Euro 08. Jahrelang haben Sie sich für diese eingesetzt. Was bedeutet das Ereignis für Sie persönlich?
Ralph Zloczower: Sie ist das grösste Ereignis, bei dem ich punkto Fussball je involviert gewesen bin, und es ist natürlich einer der Höhepunkte meines Lebens.
Was ist und war die grösste Herausforderung?
Im Moment sicher, dass alles so ablaufen wird, wie wir es vorbereitet haben. Denn wir haben die Euro 08 auf allen Stufen minutiös vorbereitet und geplant. In der noch verbleibenden Zeit bis zum Anpfiff geht es nur noch um die Ausführung einzelner Punkte wie beispielsweise die Übernahme der Stadien.
Die Sicherheitsfragen werden medial stark thematisiert. Wie ist diesbezüglichen Ihre Sicht der ganzen Situation?
Wir sind sicherheitsmässig auf allen Stufen gut vorbereitet und gegenteilige Behauptungen sind falsch. Man darf auch die Situation, wie sie sich leider im Liga-Fussball in letzter Zeit ein paarmal präsentiert hat, nicht mit jener der Euro 08 vergleichen. Deren Sicherheitsdispositiv ist ganz anders.
Vermutlich sind die latenten Angstgefühle und die reale Bedrohungslage schwer miteinander zu vereinbaren. Angst braucht niemand zu haben; ich kann versichern, dass die Sicherheitsverantwortlichen selber keine Angst haben. Terrorismus beispielsweise ist wohl allgemein gesehen eine Bedrohung, aber bei uns ist er weniger aktuell als andernorts. Trotzdem haben wir uns damit auseinandergesetzt und entsprechend geplant.
Es wird laufend beklagt, dass für die eigentlichen Fans viel zu wenig Tickets zur Verfügung stehen. Ist das gerechtfertigt? Auch wenn die Stadien dreimal so gross wären, gäbe es noch zu wenig Tickets. Aber von den vorhandenen Plätzen gingen, entgegen aller anders lautenden Aussagen in den Medien, 70 Prozent an die Verbände und in den Verkauf, also an das «Fussballvolk», die Fans. Maximal 15 Prozent gehen an die Sponsoren, aber ohne diese gäbe es dieses Ereignis doch gar nicht, und etliche von ihnen verteilen ja viele Tickets via Wettbewerb auch an die Fans, und zwar gratis. Nur einige wenige Prozente sind für VIPs bestimmt, und lediglich der Rest geht an die «Fussballfamilie», also UEFA, FIFA und SVF.
Ein Dauerbrenner ist auch die Diskussion darum, wer wo ein Public Viewing machen und wer wo was verkaufen darf.
Ich bin in diesem Zusammenhang eigentlich stolz auf die Schweiz. Wir sind das erste Land, in dem bei einem solchen Grossanlass alles und jedes in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, in den Parlamenten und Regierungen, in den Medien, und zwar seit mehreren Jahren in aller Breite und Tiefe. Alles wird ausgeleuchtet, nichts versteckt, alles ist transparent. Diese Diskussionen sind doch völlig in Ordnung und beispielhaft demokratisch. Wenn den Leuten etwas zu viel ist, wehren sie sich, und das ist gut.
Im Laufe Ihres SFV-Präsidiums hat sich die Euphorie und das Interesse für Fussball in der Schweiz stark gesteigert. Wie erklären Sie sich das?
Der Fussball hat sich in den letzten acht Jahren enorm entwickelt, obwohl er nachweislich schon seit Jahrzehnten der Sport Nummer eins war. Die wachsende Beliebtheit hat sicher auch mit den Erfolgen der Schweizer Nationalmannschaft zu tun, und der Verband brauchte und benützte diesen Erfolg, um seine soziale Funktion in der Jugendförderung, der Ausbildung, im Frauenfussball, in der Integration verschiedener Kulturen – die wichtigste Aufgabe des SFV nebst der Nationalmannschaft – wahrzunehmen. Dazu gehört auch, dass der Verband die Euro 08, zusammen mit Österreich, in die Schweiz gebracht hat, notabene am Anfang ohne einen Rappen öffentlicher Mittel, sondern mit Sponsoren wie der Credit Suisse.
Wie bringt man die von Ihnen angesprochene wichtige Integrationswirkung mit dem teils unheimlichen Nationalismus der Fankultur zusammen?
Fussball lebt von Emotionen, die natürlich auch Ausbrüche und Folgen haben können, die unerwünscht sind. Es ist diesen Emotionen immanent, dass sie Nationalismus statt Patriotismus, Gewalt statt Freude mit sich bringen können, und sie werden eben von unserer Gesellschaft manifestiert, die sich in den letzten Jahren punkto Gewalt auch nicht gerade erfreulich entwickelt hat. Es wird meiner Auffassung nach generell zu wenig getan, um dem Einhalt zu bieten. Schon allein in der Werbung gibt es zu viele Elemente der Gewalt.
Ist die Vermeidung solcher Werbung ein Aspekt, auf den Sie als Veranstalter Gewicht legen konnten?
Wir geben uns Mühe, müssen aber glücklicherweise in dieser Hinsicht nicht viel einwirken. Dort, wo es notwendig und möglich ist, machen wir es. Der Kampf gegen Rowdytum, Chaotismus und Gewalt auf und neben dem Fussballplatz hat bei uns einen enorm hohen Stellenwert.
Die Kritik an der Gewalt rund um die Stadien trifft letztlich immer den Fussball. Fühlen Sie sich da von der Politik allein gelassen?
Nein, alleine sind wir nicht, auch wenn wir das letzte Glied der Kette sind. Die öffentliche Hand in den Gemeinden, Kantonen und vor allem beim Bund hat das Problem erkannt. Wir können seiner nur gemeinsam Herr werden, und wir vom Verband machen unseren Einfluss gegen die Gewalt geltend, wo immer wir können.
Würden Sie sagen, dass es heute mehr um die Gewalt an sich als um Rassismus oder Nationalismus geht?
Es wäre völlig falsch zu sagen, dass es nicht um Rassismus oder Nationalismus geht. Aber es geht sicher um beides, auch wenn es schwierig zu quantifizieren ist. Vielen geht es leider um die reine Gewalt, wie oft auch bei Rechtsextremisten und linken Chaoten.
Macht es Ihnen persönlich manchmal Angst, in einem Stadion zu sitzen?
Natürlich kommt da ein Gewaltpotenzial zusammen. Angst würde ich es nicht nennen, aber Eindruck muss es einem machen, und es gibt zu denken. Es wäre völlig falsch, dies zu unterschätzen, und ich sage ja immer, dass wir doch etwas unternehmen müssen, bevor es Tote gibt. Zu wenig erkannt haben es aber jene, die am Anfang stehen, nicht jene am Schluss.
Hat Ihre jüdische Herkunft irgendeinen Einfluss auf die Art, wie Sie den SFV führen?
Als Jude bin ich natürlich speziell sensibel gegenüber Rassismus und gewissen ähnlichen Entwicklungen und setze mich mit Überzeugung dagegen ein.
Werden Sie dafür auch besonders in die Pflicht genommen?
Nein, davon konnte ich bislang nichts spüren. Hingegen erhalte ich manchmal einschlägige unverschämte E-Mails, aber daran konnte ich mich schon als YB-Präsident gewöhnen.
Franz Beckenbauer ist als Organisator der WM mit dem Helikopter von Match zu Match, von Stadion zu Stadion geflogen. Werden Sie das auch tun?
Ich bin kein Franz Beckenbauer. Der ist einige Nummern grösser als ich, und er hat diese Flüge zu Recht gemacht. Meinerseits werde ich sicher mindestens einmal in alle Stadien in der Schweiz und in Österreich gehen – aber sicher meistens ohne Helikopter, höchstens in einem Ausnahmefall.
Die Olympischen Spiele und die Tibet-Frage haben erneut gezeigt, dass sportliche Grossanlässe politisch instrumentalisiert werden können oder sogar ein politischer Faktor sind. Wie stehen Sie dazu?
Selbstverständlich hat ein Anlass wie die Olympiade mit Politik zu tun. Das wird allein schon dadurch klar, dass man sich für China und neu nun auch für Sotschi entschieden hat. Es mag sein, dass man das beim Entscheid für Berlin anno 1936 noch nicht realisiert hatte – ganz abgesehen davon, dass dieser Austragungsort bestimmt wurde, als noch die Weimarer Republik bestand. Doch 1936 und auch 1938 bei der Winterolympiade wurde dieser Anlass zum ersten Mal durch einen Staat missbraucht. Seither muss man dem politischen Element Rechnung tragen, nur wäre ein Boykott mit Sicherheit das falsche Mittel. Meist schadet ein Boykott nicht demjenigen, gegen den er eingesetzt wurde. Aber dass man seine Erwartungen und seine Position klar darlegt und den Einfluss in Gesprächen geltend zu machen versucht, ist legitim und gut.
Sollen dies auch die Sponsoren tun?
Die Sponsoren haben sich verpflichtet und gewusst, auf was sie sich einlassen, und können sich ja nicht einfach zurückziehen. Aber man darf nicht blauäugig sein und muss sehen, dass die Olympiade im vorliegenden Fall auch missbraucht wird. Das Tibet-Problem gibt es ja nicht erst seit gestern.
Sie sind einer von wenigen Sportfunktionären, die den Zusammenhang von Politik und Sport nicht in Abrede stellen oder negieren, sondern diese Verantwortung sehen.
Selbstverständlich. Ich sage meine Meinung, und es würde mir wohl auch von einem Chinesen nicht übel genommen, wenn ich fordere, dass über die Probleme gesprochen werden muss. Aber ich denke auch, dass wir hier über Tibet und China zu wenig wissen, um wirklich urteilen zu können.
Was haben Sie, um zur Euro 08 zurückzukehren, persönlich für spezielle Hoffnungen und Erwartungen in Zusammenhang mit diesem Anlass?
Meine Hoffnung ist, dass wir am 30. Juni werden sagen können, dass es ein Fussballfest gewesen ist und es wert war, dass wir es gemacht haben, dass es unserer und der Bevölkerung Österreichs etwas gebracht hat, indem Emotionen im guten Sinn zum Vorschein gekommen sind.
Und in Bezug auf die Schweizer Nationalmannschaft?
Als ich vor gut einem Jahr in einem Interview gesagt habe, dass ich mir Sorgen wegen der Nationalmannschaft mache, wurde mir vorgeworfen, ich stünde nicht mehr hinter ihrem Coach. Ich habe aber nicht gesagt, dass ich mir Sorgen wegen des Coachs mache. So eine Verdrehung brauche ich nicht mehr! Also kann ich jetzt nur einfach versichern, dass wir vom SFV alle alles tun, damit unsere Mannschaft am 7. Juni um 18.00 Uhr wirklich in jeder Hinsicht bereit ist und zeigen kann, wozu sie eigentlich fähig ist. Ich bin überzeugt davon, dass wir gut vorbereitet sein werden, aber was herauskommt, wird allein das Spiel unserer Mannschaft zeigen. Da bin ich sehr zuversichtlich.
Interview: Yves Kugelmann