«Ich habe schon viele Tragödien erlebt»
Jüdische Rundschau: 1983 verloren Sie Ihre 23-jährige Tochter Alice beim Absturz der Korean Airline (KAL). Seither kümmern Sie sich um die Rechte von Absturzopfern, das heisst um deren Hinterbliebene. Wie war das genau?
Hans Ephraimson: Meine Tochter hatte gerade ihr Studium in den USA, China, Taiwan, England und Deutschland beendet und war auf dem Weg nach Seoul. Die KAL flog bereits über fünf Stunden in sowjetischem Flugraum. Eine russische Militärmaschine feuerte zwei Raketen ab, die jedoch das Flugzeug nicht direkt trafen. Die an der Angriffsrakete aussen befestigten Stahlkugeln explodierten und machten die KAL fluguntauglich. Die Piloten versuchten während zwölf Minuten, die Maschine runterzubringen - ohne Erfolg, und so stürzte sie wie die Swissair mit 269 Menschen an Bord ins Meer ab. Der Pilot der KAL, ein sehr erfahrener, der als zweiter Pilot die Präsidentschaftsflüge geflogen hatte, wusste genau, dass er von der Route abgewichen war. Er gab sogar falsche Lageberichte ab. Auf seinen Karten stand gross geschrieben, dass der Einflug in sowjetischen Flugraum den An- und Abschuss verursachen würde.
JR: Welche Konsequenzen hatte dieser Absturz auf politischer Ebene?
HE: Damals befanden wir uns im Kalten Krieg, und der Absturz wurde zum «Politikum». Die Sowjets dachten, sie würden von einer militärischen US-Maschine angegriffen. Es waren gerade Besprechungen zwischen der Andropow-Regierung und der Reagan-Regierung über russisch-amerikanische Fragen angelaufen. Das Treffen des russischen Aussenministers Gromyko mit seinem amerikanischen Counterpart Schulz in Madrid war in Vorbereitung. Dieser Abschuss hat die Beziehungen zwischen den Partnern sehr belastet. Die Amerikaner waren nicht sehr glücklich und wollten alles möglichst schnell vergessen. Denn wie kann man sich weiterhin unterhalten, wenn man aufeinander schiesst?
JR: Wie haben die Koreaner reagiert?
HE: Die Koreaner haben sich bis heute nicht um die Familien gekümmert. Wir bekamen keine Nachrichten, keine Leichenteile. Erst nach zwei Jahren wurde die Passagierliste zusammengetragen.
JR: Was haben Sie unternommen?
HE: Wir haben einen Familienverband gegründet. Es ist der erste eines grossen Flugzeugabsturzes. Die Verbandsleitung hat mich als Vorsitzenden gewählt und nun wurde ich leider wiedergewählt.
JR: Hat diese Tätigkeit Ihnen geholfen, den Schmerz über den Verlust Ihrer Tochter zu verarbeiten?
HE: Der Verband ist bei der Betreuung der Familien leider mit viel Emotionen konfrontiert. Man muss deshalb das Persönliche möglichst ausschalten. Wir machen mehr, als nur eine Grabstätte zu errichten. Wir kreieren ein «Living Memorial». Ich selbst habe schon viele andere Tragödien erlebt.
JR: Der Verlust Ihrer Tochter war sehr schmerzhaft.
HE: Ich komme aus einer Familie, die immer sehr sozial gedacht hat. Als Hitler an die Macht kam, hat mein Vater nicht so sehr an sich gedacht. Er hat der jüdischen Gemeinde unterbreitet, dass er in Frankreich eine Landwirtschaftsschule gründen möchte. 1933 hat er in Saint-Vivien im Médoc die Schule gegründet, die junge Leute auf das Leben im Kibbutz in Israel vorbereiten sollte. Er erhielt eine Sondergenehmigung der deutschen sowie der französischen Regierung für den Geldtransfer. 1938 wurde die Schule geschlossen, da der Verdacht aufkam, es würden dort deutsche Spione ausgebildet. Es ist für mich normal, mich zu engagieren. Wir wurden so erzogen.
JR: Sie betonen, dass es für die Trauerbewältigung der Hinterbliebenen wichtig ist, die Toten ordnungsgemäss zu begraben.
HE: Leichenprobleme sind für die Familien aus kulturellen und religiösen Belangen sehr wichtig. Beim TWA-Absturz sass ich «Shiwe» in der Ramada Inn. Die Hinterbliebenen waren teilweise sehr verzweifelt, weil es lange gedauert hat, bis wir Näheres erfuhren. Die Frage der Obduktion ist schwierig. Der Rabbiner von Brooklyn hat den Familien erklärt, dass es gewisse Ausnahmen gibt. Aus persönlichen Gründen, egal welcher Religionsgemeinschaft man angehört, ist es sehr wichtig, die Leichenteile zu bergen. Beim Swissair-Absturz, wie bei dem der KLA, gab es Tausende von Leichenteilen. Seit es DNA gibt, kann man heute jeden Passagier identifizieren. Ich kann mich an eine Frau erinnern, die im Gottesdienst aufgestanden ist und von ihren Albträumen erzählt hat. Sie hatte sich nach dem Verlust ihres Mannes beim KLA-Absturz wieder verheiratet und wurde oft nachts vom gleichen Traum verfolgt: Sie träumte, dass ihr verstorbener Ehemann noch heute zusammen mit ihrem jetzigen Mann mit ihr im Bett liege. Ihr erster Mann wurde nie bestattet. Das hinterlässt sehr tiefe Wunden.
JR: Sie wurden 1993 von Präsident Boris Jelzin zusammen mit einer US-Delegation anlässlich der Übergabe der Blackboxes der Unfallmaschine
HE: im Kreml ehrenvoll empfangen. Wie haben Sie das erlebt?Wir waren eine Woche in Moskau. Es wurde ein Staatsakt im Kreml veranstaltet, und ich war ziemlich lange mit Jelzin und seinem Stab zusammen. Boris Jelzin ist ein richtiger russischer Bauer mit einer tiefen und lauten Stimme, ziemlich unberechenbar. Er traf Entscheidungen ohne jegliche Absprache mit seinen Beratern. Er ist ein harter Bursche mit einem weichen Herzen, aber nur für seine Enkelkinder. Die Russen haben sich nie entschuldigt. Es kostete mich eine grosse Überwindung, mit den Russen zu verhandeln, schliesslich hat ihre Luftwaffe meine Tochter getötet.
JR: ...und der Pilot der Militärmaschine?
HE: Der Pilot, der die Rakete abgefeuert hat, hat sich ebenfalls nie entschuldigt. Im Gegenteil, er meinte, er sei ein Staatsheld, der den Feind abgewehrt hatte. Er begann noch mehr zu trinken und er war der Ansicht, seine Leute hätten ihn zu wenig für seine mutige Tat geehrt.
JR: Um Ihrer Arbeit nachzugehen, müssen Sie viel fliegen. Haben Sie keine Angst?
HE: Ich bin 1934 zum ersten Mal geflogen und meine Mutter bereits im Jahr 1923. Ich habe nie Angst.
JR: Was war Ihre Funktion beim Swissair-Absturz der MD-11?
HE: Man hat mich als inoffiziellen Berater zugezogen, um der Swissair und den Familien bei der Bewältigung der anstehenden Probleme, die auf sie zukamen, zu assistieren.
JR: Wer trägt die Kosten Ihres Verbandes?
HE: Wir tragen die Kosten selbst - Reisespesen wie auch Bürokosten. Wir erwarten keine milden Gaben.
JR: Der Absturz der TWA hat viele Kontroversen und Spekulationen hervorgerufen. Was war der wirkliche Grund des Absturzes?
HE: Der Hauptbenzintank ist explodiert. Das wäre aber vermeidbar gewesen. Dem Flugzeughersteller waren seit über 20 Jahren die Probleme der elektrischen Leitungen des Benzintanks bekannt. Bis zum Absturz der TWA hat man sich zu wenig um den Zustand der Kabel gekümmert. Logischerweise wäre dies aber wichtig, denn die Isolationen nützen sich ab.
JR: ...und wie war das in Lockerbie beim PAN AM-Absturz? Es gibt Theorien, die besagen, dass die Behörden vor einem Absturz gewarnt worden waren.
HE: In Lockerbie wurde die PAN AM wegen Missachtung der Sicherheitsvorschriften in einem Gerichtsverfahren verurteilt. Die Gepäckstücke waren nicht gründlich genug untersucht worden. Auch dieses Unglück hätte man vermeiden können. Es waren 30 Studenten der Universität meines Sohnes in Syracus bei New York an Bord. Nun stellt sich die Frage, ob die zwei Libyer, die das Attentat verübt hatten, je verurteilt werden. Wer weiss, wer noch dahinter steckt?
JR: Es gibt demnach keine 100%-ige Sicherheit?
HE: Nein, das gibt es nicht. Doch sind wir im Flugwesen mit den «Metallgates» und dem Durchleuchten des Gepäcks sicherheitsbewusster als bei anderen Transportmitteln.
JR: Was wissen Sie über die Hintergründe des Absturzes der EGYPT AIR 990. Es ist für die USA eine brisante Angelegenheit, die politische Konsequenzen haben könnte. Wird uns da etwas verschwiegen?
HE: Die FBI ist bei jedem Unglück involviert, um mögliche kriminelle Machenschaften auszuschliessen, besonders bei der Egypt Air, die aus Amerika kommend nahe bei Amerika abgestürzt ist. Bei einer EL-AL-Maschine wäre es unter den gleichen Umständen dasselbe. Natürlich wollen die Ägypter niemals zugeben, dass einer ihrer Piloten unter anderm 30 Offiziere ihrer Armee in den Tod gerissen hat. Die Regierung Mubarak könnte durch diesen Vorfall sogar destabilisiert werden.
JR: Glauben Sie an die Theorie des Selbstmordes des Piloten?
HE: Es wäre nicht der erste Selbstmord eines Piloten. Doch bevor ich nichts Genaues weiss, glaube ich gar nichts.
JR: Mit Ihren Einsätzen haben Sie sogar Einfluss auf die Gesetzgebung in Amerika. Was haben Sie bis jetzt bewirkt?
HE: Der Familienverband nimmt international an der Gesetzgebung teil. Nebst unserem Verband in Amerika gibt es bereits unabhängige Verbände in Korea, Japan, Singapur und Deutschland, die formlos zusammenarbeiten. Wir konnten am 28. Mai einen neuen Warschauerluftvertrag unterzeichnen.
JR: Was hat sich geändert?
HE: Das Haftpflichtwesen - die Gepäck- und Luftfrachtversicherung. Natürlich ist die Frage des Geldes etwas Peinliches für die Familien. Einen Menschen kann man nicht mit Geld ersetzen. Das Einkommen muss aber für Witwen mit Kindern ersetzt werden. Bei meiner Tochter ging es darum, den Verantwortlichen zu strafen. Oft wird das Geld auch eingesetzt, um Leichen zu bergen. Viele Familien geben das Geld an Wohltätigkeitsinstitute oder gründen Stiftungen.
JR: In Europa versteht man das Vorgehen der Amerikaner schlecht, wenn es um Schadenersatzklagen geht. Welchen Wert hat denn ein Mensch?
HE: In Europa macht man sich falsche Vorstellungen. In Amerika gibt es kaum ein gut entwickeltes Sozialwesen, wie die Witwen- und Waisenrente. Die Korean Airline war mit 400 000 Dollar versichert. In den USA ist der Wert eines Menschen auf 2,7 Millionen Dollar angesetzt. Der wirtschaftliche Wert hängt aber auch noch davon ab, was das Opfer verdiente.
JR: Sie selbst sind den Nazis entkommen. Wie ging es dem Rest der Familie?
HE: Ich habe die Hälfte meiner Familie verloren. Nach 50 Jahren leben die Leute, die für diese Greuel und Misshandlungen verantwortlich sind, nicht mehr. Ich hoffe, sie haben aber zeitlebens darunter gelitten. Ich glaube jedoch, viele haben sich nicht geändert. Trotzdem darf man es nicht auf die neue Generation übertragen. Ich kann nur hoffen, dass sie besser ist.
JR: Die Tendenz in Europa zeigt nach rechts. Was meinen Sie dazu?
HE: Ich finde das persönlich ein sehr schwieriges und nicht unerwartetes Problem. Es geht nicht nur um den Antisemitismus, sondern gegen Minoritäten ganz allgemein. Ich war zuweilen wieder in Deutschland, doch würde ich jedem Juden davon abraten, dort zu leben.
JR: Wie identifizieren Sie sich als Jude?
HE: Es ist mir eine Ehre, Jude zu sein.
JR: Welche Beziehung haben Sie zu Israel?
HE: Mein Bruder lebt in Jerusalem.
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Hans Ephraimson
New York / JR - Hans Ephraimson-Abt, 1923 in Berlin geboren, wo er seine Kindheit verbracht hatte, übersiedelte 1938 nach Lausanne und studierte in Genf. 1949 emigrierte er in die USA, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern in New York wohnte. Ephraimson, Geschäftsmann, arbeitete auch als Journalist. Heute geht er einer aussergewöhnlichen Tätigkeit nach: Er kümmert sich als Vorsitzender einer Gruppe von Familien um die Rechte von Flugzeugabsturzopfern. Dies nachdem er 1983 seine 23-jährige Tochter Alice beim Absturz der KAL (Korean Airline) auf tragische Weise verloren hat. Die Maschine wurde von den Splittern einer russischen Militärrakete getroffen und stürzte ins Meer ab. Niemand hatte sich damals um die hinterbliebenen Familien, deren Leid und finanziellen Schwierigkeiten gekümmert. Heute wird Ephraimson bei Flugzeugabstürzen als Experte beigezogen. Er lebt heute noch in New York.