«Ich glaube nicht an Gaskammern»

von Hans Stutz, October 9, 2008
Der bald 80jährige Lausanner Altfaschist Gaston-Armand Amaudruz gehörte über Jahrzehnte zu den zentralen Figuren der Schweizer Nazis und Neonazis seit Ende des Zweiten Weltkrieges.
Eigenes Geschichtsverständnis: Gaston-Armand Amaudruz. - Foto Keystone

Amaudruz hatte bereits in den Kriegsjahren die ersten politischen Projekte vorangetrieben und war von der Bundespolizei als «Nationalsozialist» eingeschätzt worden. Auch unterhielt er, gemäss Beobachtungen der Bundespolizei, 1944 Kontakte mit einem Mitarbeiter der nazideutschen Gesandtschaft in Bern. Schon kurz nach dem Krieg beteiligte er sich an Neugründungen, die von einstigen Fröntlern und Nazis angestrebt wurden. Anfang der 50er Jahre beklagte er den Sieg der Alllierten: «Sie haben Europa verraten, während Adolf Hitler sein Möglichstes tat, um es zu retten.»
In jener Zeit beteiligte er sich an zwei neonazistischen Neugründungen: der Volkssozialistischen Partei der Schweiz (VPS) und Neuen Europäischen Ordnung (NEO). Die VPS ging bald wieder ein, die NEO existierte als schwindsüchtige Kleingruppe bis in die erste Hälfte der neunziger Jahre. In den 80er Jahren wurde Amaudruz der zentrale Kopf der «Nationalen Koordination», in der sich Vertreter von neonazistischen Gruppierungen sowie Skinheads wie auch einige Vertreter der Nationalen Aktion zu strategischen Diskussionen trafen.
Amaudruz betrieb während Jahrzehnten auch einen Bücherversand, in dem er rassistische und holocaust-leugnende Bücher verkaufte. Gestützt auf die in der Schweiz fehlenden gesetzlichen Vorschriften konnte er lang in den deutschen Rechtsextremisten-Blättern behaupten, bei ihm gäbe es keine verbotenen Bücher. Im September 1994, als er in seinem Blättchen «Courrier du continent» letztmals eine Angebotsliste veröffentlichte, bemerkte er ausdrücklich, dass 27 Werke durch die Rassismus-Strafnorm «bedroht» seien. Nach Inkrafttreten der Strafnorm zog er sein Angebot nicht zurück. Als er dann im März 1995 im «Courrier du continent» vom Holcocaust als «Mythos» («des faits mythiques») schrieb, erstattete der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) Strafanzeige. Im Juni 1995 titelte Amaudruz weiter: «Ich glaube nicht an Gaskammern.» Bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmte die Polizei im September 1995 verschiedenste einschlägige lieferbare Bücher, darunter auch Amaudruz’ eigene rassistische Schriften. Ihren Strafantrag wird die Staatsanwaltschaft erst während dem Prozess stellen. Theoretisch mögliche Höchststrafe: drei Jahre Gefängnis. Die Verhandlungen werden rund eine Woche dauern. Die Urteilsverkündigung ist provisorisch auf Montag, den 10. April terminiert.
60 Jahre kämpfte Gaston-Armand Amaudruz für die weisse Rasse und ein nationalsozialistisches Europa, aber am vergangenen Montag begleiteten ihn nur wenige Kameraden vor die Schranken des Bezirksgerichtes von Lausanne. Kein Skinhead, aber der umtriebige Jürgen Graf, Holocaustleugner und Präsident des Vereins «Wahrheit und Recht», der eifrig Notizen schrieb. Unmittelbar vor Prozessbeginn hatte Amaudruz in seinem Blättchen «Courrier du continent» nochmals die Lügen verbreitet, die ihn vor Gericht brachten. Das trug dem 80jährigen gleich eine Ausweitung der Anklage ein. Bereits im März 1995 hatte Amaudruz von Holocaust als «Mythos» geschrieben und im Juni 1995 getitelt: «Ich glaube nicht an Gaskammern.» Bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmten die Untersuchungsbehörden 27 antisemitische oder rassistische Werke. Unmittelbar vor Prozessbeginn verteilten Unbekannte Flugblätter des Holocaust-Leugner-Vereins «Wahrheit und Recht», auf denen der Prozess als «würdig der Stalin-Aera» verunglimpft wird.