Hyatt an die Börse?
Es sei nicht finanzielle Not, kommentierte das «Handelsblatt» Ende August die just bekannt gewordenen Pläne der Familie Pritzker, Anteile der von ihnen kontrollierten Hyatt-Hotelkette an die Börse bringen zu wollen, um so noch diesem Jahr mehr als eine Milliarde Dollar einlösen zu können. Die Beweggründe für den angekündigten Börsengang der Hyatt-Hotelkette, darin sind sich alle Beobachter weithin einig, seien vielmehr in der Familienpolitik zu suchen. Die Pritzkers zählen neben den Kennedys, Rockefellers, Mellons oder Carnegies zu den grossen US-Unternehmerdynastien. Begonnen hat alles als eine typisch amerikanische Tellerwäscher-Geschichte.
Nicholas Pritzker, jüdischer Einwanderer aus der Ukraine, machte sich Ende des 19. Jahrhunderts auf, sein Glück in der Neuen Welt zu suchen. Ohne einen Cent in der Tasche kam er dort an. Seine Söhne Abram und Jack waren im Immobiliengeschäft erfolgreich und mehrten das Vermögen. Abrams Sohn Jay Pritzker kaufte im September 1957 ein Motel am Flughafen von Los Angeles von dem Unternehmer Hyatt von Dehn: Die Hyatt-Gruppe expandierte in den folgenden Jahrzehnten zum globalen Imperium.
15 Milliarden Dollar Vermögen
Der Name Pritzker stand fortan für Wohlstand, Klasse und Mäzenatentum. Die in Chicago ansässige Familie engagierte sich für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Der von Jay A. Pritzker (1922–1999) und seiner Frau Cindy ins Leben gerufene Pritzker-Preis gilt bis heute als eine Art Nobelpreis für Architektur. 2009 erhielt Peter Zumthor, einer der eigenwilligsten und umstrittensten Schweizer Baumeister, den weltweit renommiertesten Preis. Unter Zumthors Vorgängern sind so berühmte Namen wie Zaha Hadid, Rem Koolhaas, Norman Foster, Renzo Piano, und Frank O. Gehry. 2008 wurde Jean Nouvel mit dem Pritzker Architecture Prize ausgezeichnet. Nouvel bezeichnet seine Arbeit als «kontextuelle Architektur». Derzeit schlägt sich dieser Grundsatz beispielsweise am Wiener Donaukanal nieder, wo gerade ein Hotelturm entsteht, der gemeinsam mit Hans Holleins Media Tower gleichsam ein spektakuläres Stadttor bildet. Urbane Architektur ist für die Hotelier-Familie aus Chicago, der Wiege der Wolkenkratzer-Architektur, eine Herzensangelegenheit und steht in enger Beziehung zum Kerngeschäft: 1967 kaufte die Familie ein Gebäude und machte daraus das Hyatt Regency Atlanta. Dieses Hotel mit seinem Aufsehen erregenden Atrium wurde so etwas wie die Visitenkarte des Hotelunternehmens, bestaunt von Gästen, Mitarbeitern und Kunstinteressierten gleichermassen. Die Unternehmensführung, so erklärte es Thomas Pritzker später, erkannte, welche Wirkmacht Architektur auf den Menschen entfalten kann – und beschloss 1978, lebende Baumeister mit einem Preis zu ehren. Der Preis wird jährlich in Form einer Bronzemedaille verliehen und ist mit 100 000 Dollar dotiert.
Das Vermögen der Pritzkers wird heute auf 15 Milliarden Dollar geschätzt. Zum breit aufgestellten Unternehmen gehören etwa das Industriekonglomerat Marmon, die Royal Caribbean Cruises und die Tabakfirma Conwood Tobacco, doch Herzstück der Dynastie ist bis heute die Hotelkette Hyatt. Weltweit werden mehr al 400 Häuser unter der Hyatt-Flagge geführt. Die Familie Pritzer hält 85 Prozent der Hyatt-Gruppe. Der Konzern war in den vergangenen Jahren auf wirtschaftlichem Expansionskurs. Seit 2004 bis zum vergangenen Geschäftsjahr konnte Hyatt seine Umsätze von 2,7 Milliarden auf 3,8 Milliarden steigern. Doch 2008 und 2009 stehen auch bei Hyatt im Zeichen der Wirtschaftskrise: Die globale Rezession hat auch die Hotelbranche, hat auch Hyatt, nicht verschont. Allerdings zeigten Hotelaktien in jüngster Zeit Stärke, trotz der allgemeinen Branchenprobleme.
Neuordnung des Konzerns
Der geplante Börsengang erfolgt also in schwächelnden Zeiten, gemeinhin nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen Börsengang. Sparmassnahmen der Unternehmen bei Geschäftsreisen und rezessionsbedingte Rückgänge bei den Freizeitreisen haben die Belegungsquoten der Hotels und den Umsatz pro Zimmer – eine wichtige Kennzahl der Branche – beeinträchtigt. Für das Gesamtjahr 2009 prognostizieren Marktforschungsunternehmen einen Rückgang allein der Dienstreisen um mindestens 15 Prozent in den USA. Warum haben die Pritzkers also ausgerechnet jetzt, in schwierigen Zeiten, den Börsengang auf die Agenda gesetzt? Zum einen ist frisches Kapital mit Blick auf Investitionen und Instandhaltung der Häuser, auf Zahlungsverpflichtungen und Schuldenabbau gerade in umsatzschwächeren Zeiten mehr als willkommen. Zum anderen vermag niemand vorauszusehen, wohin der Branchentrend im Hotelgewerbe im nächsten Jahr geht – womöglich werden die Umsatzrückgänge anhalten. Allerdings fällt die Entscheidung in eine für das Unternehmen heikle Zeit: Die Unternehmensführung der Hyatt Corporation hat sich in den USA jüngst viele Feinde gemacht. Denn sie hat Ende August beschlossen, in den drei Hotels in der Boston-Gegend – Hyatt
Regency, Hyatt Harbourside und Hyatt Cambridge – etwa 100 Angestellte in der Haushaltsführung zu entlassen und durch Kräfte eines Fremdanbieters zu ersetzen. Die Betroffenen, ohnehin niedrig bezahlte Beschäftigte, die meisten von ihnen jahrelang bei Hyatt in Lohn und Brot, sollen auf die Strasse gesetzt und durch noch billigere Kräfte ersetzt werden. In den Vereinigten Staaten wird die Sache dieser Tage zum Skandal hochstilisiert. Auf der Website der in den USA meist verbreiteten Tageszeitung «USA Today» heiss es, dass Politiker wie etwa der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, der Bürgermeister von Boston, Mayor Thomas Menino, und zahlreiche Mitstreiter nun Druck auf die Firmenzentrale von Hyatt in Chicago machen wollen, insbesondere auf die Milliardärs-Familie Pritzker, die den grössten Anteil an Hyatt besitzt und kontrolliert. In zahlreichen Leserbriefen an «USA Today» und andere Zeitungen gaben die Menschen ihrem Protest Ausdruck. Mitte September kam es bereits zu Demonstrationen vor dem Hyatt in Boston. Die Empörten riefen sogar zu einem Boykott des Hotels auf, welches die wirtschaftliche Krisenlast auf die Schwächsten abwälze.
Die drastische Personal-Sparmassnahme der Unternehmensführung zeigt, dass der Rotstift in diesen Zeiten selbstverständlich auch und gerade in einem Konzern wie Hyatt regiert. Doch Geldnot sei es nicht, die die Eigner-Familie an die Börse treibt. Die amerikanische Presse, darunter die in der Heimatstadt der Hyatt-Eigner erscheinende «Chicago Tribune», erklärt sich den Schritt der Pritzkers in den vergangenen Wochen hauptsächlich mit familieninternen Strategien: Der Gang an die Börse solle wahrscheinlich helfen, das Geflecht der vielen Holdings in Familienbesitz übersichtlicher zu machen. Und schon vor zwei Jahren wurden 14 Prozent-Anteile am Unternehmen an Private-Equity-Unternehmen, darunter Goldman Sachs, veräussert. Sehr wahrscheinlich gehe es mit dem neuen Vorstoss nunmehr auch darum, erste Schritte in Richtung Abwicklung des Unternehmens einzuleiten. Denn Ende 2002 war der zerstrittene Pritzker-Clan übereingekommen, das Vermögen binnen eines Jahrzehnts aufzuteilen.
Der Übereinkunft vorangegangen war ein Skandal. Die Pritzkers hielten 50 Prozent an der Superior-Bank in Illinois. Diese Bank engagierte sich auf riskante Kredite für eher finanzschwache Kunden und geriet dadurch spätestens 2001 ins Trudeln. Im Zuge des Kollapses der Bank einigten sich die Pritzkers mit den US-Behörden auf einen teuren Vergleich. Die Bereitschaft dazu erwuchs wohl auch aus einer Art Güterabwägung. Den Ruf der Dynastie und den Markennamen Pritzker zu schützen, dürfte dabei die vorrangige Rolle gespielt haben. Damit nicht genug. Die damals 18-jährige Liesel Pritzker, Tochter von Jay Pritzkers Bruder Robert, warf der Familie 2002 vor, sie um eine Milliarde Dollar betrogen zu haben und führte diese Kampagne gegen den auf Diskretion bedachten Familienclan bis ins Jahr 2005 hinein auch über die Medien.
Differenzen in der Unternehmungsführung
Thomas J. Pritzker, ältester Sohn des Hyatt-Gründers Jay Pritzker, trat in den siebziger Jahren in den Familienkonzern ein und ist heute Chairman der Global Hyatt Corporation. Im Jahre 2006 setzte das Magazin «Forbes» ihn auf Platz 410 der reichsten Menschen der Welt. Der 59-jährige studierte Betriebswirt und Jurist gilt als Unternehmer alter Schule, diszipliniert, umfassend gebildet, philanthropisch. Er engagiert sich im Vorstand des berühmten Art Institute of Chicago. Im Familienunternehmen stehen ihm Cousine Penny und Cousin Nicholas zur Seite. Die 50-jährige Penny Pritzker ist die Tochter von Jays Bruder Donald. Sie studierte ebenfalls Jura und Wirtschaft und gründete eine Kette von exquisiten Seniorenresidenzen unter der Dachmarke Hyatt. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde sie 2007 in ihrer Funktion als Finanzchefin im Wahlkampfteam von US-Präsident Barack Obama, für dessen Kampagne sie Gelder in der Höhe von 700 Millionen Dollar als Spenden generieren konnte. Das Magazin «Forbes» setzte sie auf Platz 135 der 400 reichsten Amerikaner; ihr Privatvermögen wird auf 2,8 Milliarden Dollar geschätzt. Der 63-jährige Nicholas «Nick» Pritzker wiederum engagiert sich für den Umweltschutz und ist neben Google-Gründer Larry Page einer der Gross-Finanziers des in Kalifornien ansässigen Elektroautobauers Tesla Motors.
Alle drei Familienmitglieder an der Spitze haben demnach unterschiedlich gelagerte Interessen und Ziele – für deren Umsetzung sie vielleicht Kapital generieren. Und das würde durch den Börsengang in die Kassen gespült: Die Hochrechnung des Hyatt-Wertes stützt sich unter anderem auf Vergleiche mit Bewertungen von anderen Hotelketten wie Mariott International, die an der Börse zum rund 10-fachen EBITDA-Wert (zurückliegende 12-Monats-Gewinne vor Zinsen, Abschreibungen und Steuern) gehandelt werden. Legt man für den Pritzker-Konzern ebenfalls den Faktor zehn zugrunde, so ergibt sich aus dem Hyatt-EBITDA von 480 Millionen Dollar nach Abzug aller Schulden ein Börsenwert von rund 4,5 Milliarden Dollar. Und der Dreiviertel-Anteil der Pritzkers daran läge bei rund 3,8 Milliarden, aufzuteilen unter einem, wie es heisst, Dutzend anspruchsberechtigter Familienmitglieder. Der geplante Zeitpunkt für den Börsengang noch 2009 kann, so das Resümee der internationalen Wirtschaftspresse, so falsch nicht sein.