Hürdenlauf jüdische Heirat
Von Rachel Manetsch
Die Akzeptanz orthodoxer Giurim (Übertritte ins Judentum) erlebt heute eine neue Diskussion innerhalb der jüdischen Welt. In letzter Zeit häufen sich die «tragischen Einzelfälle» (vgl. Fallbeispiel-Artikel «Eine Frage des Glücks»), deren Giur in Israel nicht mehr anerkannt ist oder rückwirkend annulliert wird. Diese Fälle entpuppen sich je länger, desto mehr als Teil einer Debatte über die jüdische Identität im Allgemeinen. Eine erneute Eskalation in Sachen Akzeptanz von Giurim fand vergangenen Mai in Israel einen weiteren negativen Höhepunkt. Mit der «Affäre Druckman» (vgl. Begleitartikel), in deren Rahmen Tausende von Giurim vom israelischen Oberrabbinat rückwirkend für null und nichtig erklärt wurden, verschärfte sich die Situation zusehends. Viele Diaspora-Gemeinden, Konvertiten und deren Kinder sind durch diese Affäre zunehmend verunsichert. Sie haben Angst, dass ihre Übertritte nach orthodoxem Ritus nicht oder nicht mehr den Ansprüchen des israelischen Oberrabbinats genügen. Dass diese Angst gerade auch für die Mitglieder von Schweizer Einheitsgemeinden begründet ist, wird gegenüber tachles von verschiedenen Experten bestätigt. Michel Bollag, Co-Leiter des Zürcher Lehrhauses, bringt die Problematik auf den Punkt: «Giurim sind heute Gegenstand von Machtkämpfen zwischen verschiedenen Auffassungen davon, was ein Giur überhaupt ist. Diese Diskussionen hängen mit den verschiedenen Auffassungen zusammen, wie jüdische Identität zu definieren ist.»
Der in Zürich lebende Psychologe Rafael Pifko sieht das Kernproblem der Debatte in einer ähnlichen Richtung: «Letztendlich kreist die Diskussion um die Frage, wer die Definitionsmacht besitzt, zu bestimmen, wer jüdisch ist.»
Eine Frage der Definition
Die orthodoxen Ausrichtungen des Judentums verlangen für einen Giur die drei klassischen Elemente «kabalat ol mizwot» («ein Leben nach der Halacha»), die Brit Mila (Beschneidung) und die Mikwa (rituelles Bad). Während die letzten zwei Elemente ritueller Natur sind, wird die «kabalat ol mizwot», also das Annehmen und Umsetzen aller Ge- und Verbote, je nach Ausrichtung anders ausgelegt.
In charedischen Kreisen wird ein Giur erst dann als Giur anerkannt, wenn der Konvertit seinen Lebensstil nach allen Ge- und Verboten richtet. Wird der Übertritt als «nicht authentisch» eingestuft oder wird das beim Giur involvierte Bet Din als qualitativ ungenügend gewertet, kann ein orthodoxer Giur für unzulässig erklärt werden. In moderaten Kreisen stellt sich die Situation differenzierter dar, da die Auslegung darüber, was die Anerkennung der Gebote bedeutet, viel Interpretationsspielraum zulässt.
Diese verschiedenen Auslegungen sind im Judentum daher möglich, weil die Religion das Konzept eines Religionsoberhaupts nicht kennt. «Das Judentum ist pluralistisch und dezentral organisiert, es gibt kein oberstes Organ, welches Richtlinien herausgibt, die überall auf der Welt Gültigkeit haben», erklärt André Bollag, Co-Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Das Fehlen einer zentralen Autorität führe dazu, so sagt auch Pifko, dass jede Strömung so vorgehen könne, wie sie es für richtig halte. Das definitorische Seilziehen innerhalb der verschiedenen jüdisch-religiösen Ausrichtungen führt schliesslich zur absurden Situation, dass ein Giur zwar von einer bestimmten Gemeinde zu einem bestimmten Zeitpunkt anerkannt wird, an einem anderen Ort und zu einem anderen Zeitpunkt für ungültig oder, schlimmer noch, rückwirkend für ungültig erklärt werden kann.
Begehren werden unterschiedlich bewertet
In Israel, wo sich der Machtkampf zwischen den verschiedenen religiösen Strömungen ausweitet, spitzt sich die Situation weiter zu (vgl. Begleitartikel). Dass auch innerhalb des Oberrabbinats und den sich mit Übertritten befassenden Behörden Uneinigkeit zur Giur-Definition herrscht, verkompliziert die Situation zunehmend, wie auch die Tatsache, dass Israel die Trennung von Staat und Religion nicht kennt. Dass in Israel im Fall einer Alija (Einwanderung) die Verlinkung von Religion und zivilgesellschaftlicher Staatsbürgerschaft besteht, empfindet Pifko als sehr unglücklich.
Zu unterscheiden sind auch die Wirkungskreise der verschiedenen Institutionen. Jener des Oberrabbinats beschränkt sich lediglich auf Israel. «Das Oberrabbinat sagt, was im Ausland geschieht, gehe es nichts an, sobald aber jemand in Israel nach jüdischem Gesetz heiraten will, bestimmt es, ob diese Person seinen Anforderungen genügt oder nicht», sagt ICZ-Rabbiner Marcel Ebel. Auch er sieht eines der Kernprobleme darin, dass keine für Israel und die Diaspora einheitlichen Giur-Richtlinien vorliegen, so dass nicht nach klaren Kriterien vorgegangen wird.
Viele orthodox geführte Diaspora-Gemeinden sind sich dieser Problematik seit Längerem bewusst und viele Rabbiner bemühen sich darum, ihren Gemeindemitgliedern eine negative Erfahrung in Israel zu ersparen. Dies ist jedoch mit enormem Aufwand verbunden. «Gemeinden rund um den Globus müssen für die Anerkennung ihrer Giurim den permanenten Kontakt zu den in Israel zuständigen Stellen pflegen. Sie stehen unter einem ständigen Rechtfertigungsdruck», bestätigt ein Experte gegenüber tachles.
ICZ-Rabbiner Ebel bemüht sich in erster Linie um gute Kontakte zu seinen Mitgliedern und anderen europäischen Gemeinden. «Bezüglich der von mir getätigten Giurim habe ich auch eine Verantwortung gegenüber unseren Mitgliedern, sowohl in der Gegenwart wie auch in der Zukunft.» In Europa engagiert er sich als Mitglied des Standing Commitee der Europäischen Rabbinerkonferenz. Er erklärt: «Die ICZ und ihre Schweizer Partnergemeinden geniessen in Israel einen guten Ruf.»
Durch seine persönlichen Kontakte kann er heiratswilligen Paaren, von denen mindestens ein Partner oder dessen Eltern ICZ-Mitglieder sind, im israelischen Rabbanut-Dschungel auch bei der Bewältigung administrativer Bürokratie zur Seite stehen, versichert er gegenüber tachles. Aber: «Ausländische Heiratswillige, die in Israel heiraten wollen, sind gut beraten, vor dem ersten Gang auf die Rabbanut zuerst mit ihrem Gemeinderabbiner in Kontakt zu treten.»
Es zeichnet sich keine Lösung ab
Die chaotischen, von politischen Machtkämpfen geprägten Zustände in Israel sowie das Fehlen einer zentralen Autorität, die weltweite Weisungen ausgibt, zeigen auf, dass es in Sachen Giurim keine hundertprozentige Absicherung gibt, weil das Verständnis darüber, was ein Giur beinhaltet und was einen Juden letztlich ausmacht, im Auge des Betrachters oder aufgrund der Auslegung der Quellen und rabbinischen Texte liegt. Dass etwa Rabbiner Chaim Druckman jahrelang in breiten Kreisen der Orthodoxie als Experte in Sachen Giur galt, tut heute nichts mehr zur Sache (vgl. Begleitartikel). Auch die Tatsache, dass viele Diaspora-Gemeinden, darunter auch die ICZ, in den neunziger Jahren mit Rabbiner Druckman zusammengearbeitet haben, bestätigt, dass man sich seiner Sache nie sicher sein kann.
ICZ-Co-Präsident André Bollag versichert jedoch gegenüber tachles, dass die ICZ-Giurim von Druckman in Israel nach wie vor akzeptiert seien und dass Giurim in der ICZ immer nach strengsten Richtlinien vollzogen wurden und werden. Doch auch er ist skeptisch: «Wie sollen wir damit umgehen, wenn wir davon ausgehen müssen, dass ein Giur, egal von wem er gemacht wurde, in Israel lediglich bedingt gültig ist?» Er ist davon überzeugt, dass das Problem um die weltweite Anerkennung von orthodoxen Giurim nicht in der ICZ gelöst werden kann. «Aber wir können und müssen uns mit anderen europäischen Gemeinden zusammenschliessen und gemeinsam Kriterien finden, die auch in religiösen Kreisen die vollumfassende Anerkennung bekommen. Zudem müssen wir die moderaten, sprich die modern-orthodoxen Strömungen in Israel unterstützen und stärken», so Bollag.Rafael Pifko glaubt, dass die Abgrenzungen der heute bereits existierenden Parallelwelten innerhalb des Judentums in Zukunft weiter verschärft werden. «Während für die Charedim ein Giur nur gemäss ihren Massstäben Gültigkeit hat, wird sich das andere Extrem, der säkulare Teil des Judentums, um solche Richtlinien kaum kümmern. Leiden wird die grosse Mehrheit in der Mitte des Spektrums, die nach wie vor traditionsverbunden ist, aber nicht unbedingt orthodox lebt», sagt er gegenüber tachles. Dass es sich bei der Diskussion lediglich um ein Wiederaufflammen einer alten Problematik handelt, weiss Michel Bollag: «Bereits in der Antike existierte eine breite Diskussion über die jüdische Identität, die im Talmud ihren Niederschlag fand. Auch in Zukunft wird uns diese Debatte immer wieder beschäftigen.» Er sieht in naher Zukunft keine Entschärfung des Problems und glaubt, dass die Grabenkämpfe zwischen den Charedim und den Modern-Orthodoxen weiter zunehmen werden. «Die Strömungen innerhalb der Orthodoxie, welche gegen die aktuelle Praxis in Israel ankämpfen, befinden sich nach wie vor in der Minderheit.»
Dass eine Lösung des Problems heute in weiter Ferne liegt, ist umso schlimmer, als die aktuelle Situation das Schicksal ganzer Familien betrifft, deren persönliche Tragödien und Leid nur zu erahnen bleiben (vgl. Artikel «Eine Frage des Glücks»).