Holocaust-Zeugnisse zugänglich machen
Bis jetzt sind, wie Spielberg erklärte, total 50 441 Zeugnisse in 57 Ländern und in 32 Sprachen auf Video aufgenommen worden. Insgesamt wurden fast 116 000 Stunden Zeugnisse von Überlebenden festgehalten. Eine Einzelperson würde zwölf Jahre und zehn Monate brauchen, um sich das ganze Material anzusehen. «Mir ist, als ob der ursprüngliche Traum in Erfüllung gegangen sei», sagte Spielberg, «doch wie bei allen Träumen stellt man fest, dass noch viel mehr Arbeit vor einem liegt.» Der gewichtigste Brocken in dieser Hinsicht ist sicher die Katalogisierung, Indexierung und Digitalisierung des Grossteils der 116 000 Video-Stunden, damit sie für Forscher und Studenten leicht zugänglich werden. Dabei muss für die Katalogisierung mit acht bis zwölf Stunden Arbeit für jede Stunde Video-Interview gerechnet werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass Forscher, die auf der Suche nach einer ganz spezifischen Information sind, nicht Hunderte von Interview-Stunden durchsehen müssen. Ein Interview ist durchschnittlich zwei Stunden und 15 Minuten lang, das längste, 17 Stunden dauernde Gespräch wurde mit einem
Überlebenden in Israel geführt.
Bis jetzt sind die Interviews mit 22 000 Überlebenden indexiert und digitalisiert worden. Wenn erst einmal alle Videos bearbeitet sind, wird die Shoa Foundation mit einer Datenbasis von 180 Terabytes weltweit über das grösste Multimedia-Archiv verfügen. Zur Abspeicherung des gesamten gedruckten Materials der Bibliothek des US-Kongresses sind vergleichsweise nur zehn Terabytes nötig. Sobald Spielbergs digitale Bibliothek einmal online geht, wird ihr Inhalt via fiberoptische Netzwerke Museen und anderen Bildungsinstituten in der ganzen Welt zur Verfügung stehen. Als erstes wurde ein Link zum Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles hergestellt, wo vorerst das Personal Zugang zu den Informationen besitzt. In wenigen Monaten werden sie aber auch Besuchern offenstehen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden die Holocaust-Museen in New York und Washington, das Fortunoff-Archiv für Holocaust-Zeugnisse an der Universität Yale und Yad Vashem in Jerusalem angeschlossen. Als nächster Schritt sollen 160 Universitäten die Möglichkeit erhalten, die Archive zu benutzen. Hingegen wird das Material nicht auf dem Internet angeboten werden.
Mit Hilfe der Interviews der Shoa-Foundation konnten bereits drei Dokumentarfilme hergestellt werden, die Auszeichnungen erhielten, wie etwa «The last Days», das letztes Jahr einen Oscar gewonnen hat. Zudem wurde vor einigen Monaten auf amerikanischen Schulen die interaktive CD-ROM «Survivors» (Überlebende) mit den Zeugnissen von je zwei Männern und Frauen verteilt. Um bei den Jugendlichen besser «anzukommen», wird die CD-ROM von den Filmschauspielern Leonardo DiCaprio und Winona Ryder präsentiert. Nach Angaben von Lehrern hat die CD-ROM eine starke emotionale Auswirkung auf die Schüler. «Wir haben damit einen Punkt bewiesen», sagte Spielberg, «den ich Bill Gates verständlich machen wollte: Technologie und Emotionen können Hand in Hand gehen.»
Von seinem massiven Shoa-Archiv hofft Steven Spielberg, dass es auch noch «in 50, 100 oder 500 Jahren eine Quelle sein wird, aus der Menschen aus aller Welt sich direkt von Überlebenden einen Eindruck über die Grausamkeiten des Holocausts werden machen können». Die Menschen sollen sich auch, so fügte der Produzent hinzu, eine Vorstellung davon erarbeiten, was es bedeutet zu überleben, und sie sollen begreifen, dass die Menschheit selber von der Ausübung von Toleranz und gegenseitigem Respekt abhängt.