Hitler-Buch nach wie vor ein Bestseller
Nach Angaben, die der Internet-Buchladen Amazon.com an der letzten Frankfurter Buchmesse machte, liegt «Mein Kampf» in der Beliebtheit bei deutschen Kunden auf Platz zwei hinter Elizabeth George’s Detektivroman «In Pursuit of the Proper Sinner». Barnesandnoble.com, der stärkste Konkurrent von Amazon, platziert «Mein Kampf» auf Platz vier seiner Bestsellerliste. Der deutsche Verlagskonzern Bertelsmann, der 40 Prozent von Barnesandnoble besitzt, hat die Firma aufgefordert, keine Hitler-Bücher mehr nach Deutschland zu liefern. «Das ist ein wichtiger Sieg der deutschen Behörden bei ihren anhaltenden Bemühungen im Kampf gegen ein Wiederaufleben des Nazismus», sagte Rabbi Abraham Cooper vom Simon-Wiesenthal-Zentrum. «Wir sind auch erleichtert, dass Jeff Bezoz, der Verwaltungsratsvorsitzende von Amazon.com, dem Wiesenthal-Zentrum eine Überprüfung der Marketing-Politik des Unternehmens zugesagt hat, gemäss welcher bis jetzt effektiv Hassliteratur angepriesen worden ist.»
Trotz der Äusserungen von Amazon ist «Mein Kampf» auf der Web Site der Firma noch immer erhältlich, zusammen mit dem üblichen Marketing-Material, wie Beurteilungen des Buches durch Kunden, sowie einer Liste von Buchtiteln, die Kunden erworben haben, welche auch «Mein Kampf» gekauft haben. Hinzu kommen Offerten von der Auktions-Site der Firma, wie Hitler-Briefmarken.
Vor dem Protest des Wiesenthal-Zentrums hatte Amazon.com deutschen Kunden nur die englische Version von «Mein Kampf» ausgeliefert. «Wir wissen, dass es illegal ist, in Deutschland «Mein Kampf» in deutscher Sprache zu offerieren», meinte ein Firmensprecher, «doch in Bezug auf die englische Ausgabe ist die juristische Situation viel weniger klar.» Trotzdem beschloss man, vorsichtig zu sein und auch die englische Version in Deutschland nicht zu verkaufen. «Wir wollen nicht mit den Gesetzen einer demokratisch regierten Nation in Konflikt geraten.»Während es in Deutschland nicht verboten ist, Kopien von «Mein Kampf» zu besitzen, ist der Verkauf dieses Buches, das Hitler 1924 im Gefängnis geschrieben hatte, illegal, da es gegen das Gesetz, gegen die Verbreitung von Nazi-Propaganda verstösst. Kopien mit Anmerkungen sind für akademische Zwecke erhältlich, doch für einen Durchschnittsbürger ist es nicht leicht, ein Exemplar zu erstehen. Die hohen Verkaufsziffern von Amazon.com haben nun die Frage aufkommen lassen, ob die Nachfrage von Neonazis stammt oder von anderen Lesern, die einfach ihre Neugier befriedigen wollen. Deutsche Politiker jedenfalls sind besorgt, und das bayrische Justizministerium hat juristische Schritte zur Eindämmung des Verkaufs von «Mein Kampf» durch amerikanische Internet-Gesellschaften angekündigt. Viel können deutsche Regierungsstellen gegen Online-Buchläden im Ausland jedoch nicht unternehmen. Diese Geschäfte verteidigen sich inzwischen mit dem Hinweis auf das Recht auf freie Meinungsäusserung. «Die Entscheidung über den zu wählenden Lesestoff sollte man den Einzelpersonen überlassen», meinte ein Sprecher von Amazon.com. «Wir sind keine Zensoren.»
In Deutschland diskutiert man inzwischen die Frage, ob ein Verbot des Buches den gewünschten Zweck erreicht oder ob vielleicht das Gegenteil der Fall ist. Der Berliner «Tagesspiegel» etwa vertritt die Meinung, der Mythos rund um das Buch werde nicht verfliegen, indem man es verbietet. Vielmehr sollte man es nach Ansicht der Zeitung frei zirkulieren lassen, versehen mit erklärenden Fussnoten. Die deutschen Behörden sind offenbar aber entschlossen, am Bann festzuhalten, zumindest bis zum Auslaufen des Copyrights im Jahre 2015.