Hin zum ewigen Kreise
Pinchas Grünewald konnte auf ein langes erfülltes Leben zurückblicken, das einerseits die tragischsten wie auch die grossartigsten Entwicklungen jüdischer Existenz im vergangenen Jahrhundert erfahren hatte. Ein Leben und Wirken, das aber andererseits auch dem Erhalt und dem Wiederaufbau jüdischen Lernens und Wissens in Europa nach der Schoah gewidmet war – bis zuletzt. Pinchas Grünewald wurde 1913 in Bad Nauheim bei Frankfurt a. M. geboren und atmete selbst noch den Geist des dynamischen und in seiner Form einzigartigen deutschen Judentums ein, bevor er, wenige Jahre nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, nach Palästina ging.
Bedeutender Lehrer
Hat ihn das deutsch-jüdische Denken, die Verbindung tiefer Gläubigkeit und konsequenter Thoratreue mit gedanklicher Weltläufigkeit, geistig geprägt, so haben die zweieinhalb Jahrzehnte, die er in Palästina beziehungsweise in Israel als landwirtschaftlicher Pionier, als Student und später als Lehrer verbrachte, in ihm eine unauslöschliche Liebe zum Land Israel geweckt. Pinchas Grünewald und seine Frau Lea sind – nach einigen Jahren Tätigkeit in Strassburg – 1963 als Lehrerehepaar an die Schomre Thora (vgl. S. 23) nach Basel gekommen. Die Bedeutung, die dieser Schritt für die Basler jüdische Gemeinschaft hatte, konnte Pinchas Grünewald bis zu seinem Tod selbst zur Kenntnis nehmen, wenn er sah, wie viele derer, die von ihm ins Lernen des Talmuds eingeführt worden und Jahre, zuweilen Jahrzehnte hindurch seine Schüler geblieben sind, heute in der ganzen Welt, zum Teil aber auch in Basel, als tragende Säulen der jüdischen Gemeinschaft wirken.
Überragendes Wissen
Die vollkommene Hingabe an seine Lehrtätigkeit, gepaart mit hoher methodischer Exaktheit und menschlicher Integrität, schliesslich sein überragendes jüdisches und allgemeines Wissen sind die Basis gewesen, auf der seine geistige und moralische Autorität seit jeher gegründet war. Er war von einer Dynamik, die den Vater von vier Kindern, inzwischen auch mehrfacher Gross- und Urgrossvater, beinahe alterslos die Jahrzehnte hat durchschreiten lassen, weiter lernt und lehrt. Nicht nur als Lehrer, auch als Buchautor hat Pinchas Grünewald sich mehrfach mit dem Judentum auseinandergesetzt. Über den Philosophen Hermann Cohen und über Rabbiner Samson Raphael Hirsch hat er publiziert, aber auch Werke über allgemeine
jüdische Themen. Eines davon ist «Im ewigen Kreis», erschienen 1980, eine Beschäftigung mit dem jüdischen Kalenderjahr. Hier heisst es an einer Stelle, im Zusammenhang mit einem im Talmud geschilderten Dilemma des rabbinischen Gerichts: «Zweideutige Entscheidungen und unklares Verhalten sind keine Mittel der Rettung des jüdischen Volkes» – ein Satz, der wohl als seine private Lebensmaxime genommen werden darf, nicht weniger aber auch als Botschaft, die Pinchas Grünewald den jüngeren Generationen immer eingeschärft hat und weiter klingen lässt. Noch bis letzten Sonntag war Pinchas Grünewald als Lehrer tätig und gab wöchentlich Schiurim. Er verstarb in der Nacht auf Dienstag in seinem 96. Lebensjahr.