«Hightech ist in Israel eine Art Parallelgesellschaft»
tachles: Wir leben mit den heutigen sozialen Netzwerken in einem neuen Kommunikationszeitalter. Wie stehen Sie zu Facebook & Co.?
Yossi Vardi: Meine Meinung ist irrelevant, denn wenn 700 Millionen Leute Facebook benützen, dann bedeutet dies, dass es etwas zu bieten hat. Die Leute wollen sich damit ausdrücken, damit kommunizieren, und so sind nicht nur Facebook, sondern auch Tools wie Skype zu einer der treibenden Kräfte im Internet geworden. Darunter sind ja glücklicherweise auch einige meiner eigenen Produkte.
Haben soziale Netzwerke eine direkte Auswirkung auf die gesellschaftliche Freiheit?
Das ist einer von vielen Aspekten. Wenn man eine Möglichkeit hat, sich auszudrücken, dann wird man es tun. So, wie sich dies in den Umwälzungen in verschiedenen arabischen Ländern manifestiert hat.
Hoffen Sie, dass soziale Netzwerke mithelfen werden, die Gesellschaften rund um Israel zu befreien? Oder fürchten Sie solche Entwicklungen eher?
Ich weiss nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden. Jedenfalls sind die Netzwerke mächtige Werkzeuge, und wie alle solche Werkzeuge sind sie in den richtigen Händen sehr konstruktiv, können aber in den falschen Händen auch sehr negativ sein. Natürlich hoffe ich, dass die Entwicklung hier konstruktiv sein wird und dass die junge Generation eine sachlichere und vernünftigere Agenda haben wird als meine Generation.
Israel ist ein Hightech-Land und ein wahres Paradies für Start-up-Firmen. Woher kommt dieser Erfolg?
Das hat mit der Konzentration von Innovation, Kreativität, Unternehmertum und dessen Finanzierung zu tun. Jede dieser Eigenschaften ist eine eigentliche Kultur, und in Israel sind alle vier vereint. Unsere jungen Leute werden dazu angehalten, nach Exzellenz zu streben, ihr Bestes zu geben und auch Risiken zu wagen. Das ist eine Art genetische Fehlsteuerung, die zu unserem Volk gehört: Wir Juden sind schon immer dem Abenteuer geneigter gewesen als andere, ohne das sind wir unzufrieden. Dazu kommt die Verfügbarkeit der technologischen, wissenschaftlichen und Ausbildungsinfrastruktur und auch die Armee als Impulsgeber in der Technologie. Das alles zusammen ist ein kulturelles Phänomen.
Viele gut ausgebildete Leute gehen aber auch ins Ausland, ein echter «brain drain». Was kann man dagegen tun?
Wir sollten vielleicht eine gut bewachte Quarantäne für Leute mit Gehirn einrichten und sie nicht aus dem Land lassen … (lacht). Nein, ernsthaft: Wir leben heute doch alle in einer Welt, und wenn junge Israeli ins Ausland gehen, bemühen sie sich oftmals sehr darum, mit Israel Geschäfte zu machen oder Joint Ventures aufzubauen. So ist allen gedient. Und Israel als kleines Land ist export¬orientiert. Solche Geschäfte mit unseren Leuten in aller Welt können wir also gut brauchen.
Dann bereitet Ihnen die Abwanderung von Hightech-Intelligenz für die Zukunft keine Sorgen? Auch nicht hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung in Israel?
Das eigentliche Problem ist nicht die Abwanderung, sondern das Ausbildungsgefälle. Aber das Internet hilft mit, den Hightech-Ausbildungsstand der Bevölkerung zu heben. Wir müssen daran arbeiten, die Unterschiede zu beheben.
Haben Sie praktische Lösungsansätze dafür?
Es ist schwierig, aber machbar. Wir müssen in der Mittelschule beginnen; die Lehrer auf dem Gebiet von Computertechnik und Elektronik weiter ausbilden und Firmen finden, die dies übernehmen. So kann man die Gesellschaft mobilisieren. Es funktioniert, zwar langsam, aber sicher. Vor sechs Jahren arbeiteten noch lediglich 5,7 Prozent der Werktätigen im Bereich Hightech, heute sind es schon 10 Prozent – fast das Doppelte. Das ist wohl noch nicht genug, aber schon einmal nicht schlecht.
Was ist für Sie als Mitbegründer die Bedeutung der DLD-Tage?
DLD ist für Israel eine wunderbare Sache, organisiert durch den Burda-Verlag, der sehr an unserem Land interessiert ist. Deshalb wird mir erlaubt, jedes Jahr ungefähr 100 junge Unternehmer mitzubringen. Dieses Jahr werden wir zusätzlich zu München am 1. und 2. November DLD-Tage in Tel Aviv durchführen.
Werden viele Teilnehmer aus Europa anreisen?
Sie werden aus der ganzen Welt kommen.
Und was wird das Hauptthema sein?
Wir konzentrieren uns auf Medien und Neue Medien.
Heute Unternehmer zu werden braucht Mut. Sie helfen Start-ups, gewähren finanzielle Unterstützung. Werden die Projekte an Sie herangetragen?
Ja, sie kommen zu mir, und in Israel hat praktisch jeder ein Projekt – jeder hat irgendeine Idee, wie man für das Internet bessere Produkte anbieten könnte. Von Zeit zu Zeit werde ich schwach und investiere.
Und? Erfolgreich?
Bei einigen ja, einige gehen unter. Aber wenn auch nur ein paar gelingen, gibt das genug Einkommen.
Wie weit kann die Wirkung der ganzen technischen Entwicklung auf das Individuum – auch in Zukunft – gehen? Macht Ihnen dieser Einfluss auf die Gesellschaft keine Sorgen?
Ich sage ja: Es gibt Vor- und Nachteile. Zu den Vorteilen gehört, dass man heute dank dieser Technik viel mehr Möglichkeiten hat als früher, dass viel Zeit gespart werden kann, Reaktionen besser und grösser werden. Negativ mag sein, dass man in der Kommunikation fast untergeht – E-Mails, Telefone, SMS und so weiter – und kaum noch Seelenfrieden findet. Es ist ja schon fast wie eine Sucht.
Arbeiten Sie an einer Lösung dafür, an einer Software etwa, die diese Kommunikationsschlacht für uns managt?
Ich habe meinem Fahrer schon mal gesagt, dass er doch bitte an meiner Stelle zum Coiffeur gehen und sich für mich die Haare schneiden lassen soll, weil ich keine Zeit habe. Wenn das einmal möglich sein wird, können wir vielleicht auch das Problem lösen. Bis dahin bin ich nicht davon überzeugt.
Von aussen betrachtet hat man manchmal den Eindruck, dass zwischen dem Hightech-Land Israel und der Politik Israels eine Diskrepanz besteht. Empfinden Sie das auch?
Hightech ist in Israel eine Art Parallelgesellschaft. Das hat wiederum Vor- und Nachteile. Aber die Politiker leben ihr Leben und wir leben das unsere – ohne damit sagen zu wollen, dass das gut sei.
Aber die Politik hat ja auch wirtschaftliche Auswirkungen …
Israels Wirtschaft versteht sowieso niemand, sie ist irgendwie unglaublich. Wir haben Reserven von 70 Milliarden Dollar. Wenn die Auswirkungen der Politik auf die Wirtschaft negativ wären, würden sich die Leute vielleicht mehr für den Frieden interessieren. Im Moment laufen die Dinge dafür offenbar zu gut.
Sie kennen sich in der Schweiz gut aus. Was können Schweizer Unternehmer von Israel lernen? Oder umgekehrt?
Gibt es Unternehmer in der Schweiz (lacht)? Dazu kann ich nichts sagen, auch nicht im umgekehrten Sinn, weil ich zu wenig darüber weiss. Ich will niemanden belehren und schon gar niemandem zu nahe treten.