«Hier gilt nur noch, wer Geld hat»

von Jacques Ungar, Gaza-City, October 9, 2008
Gaza-City, Anfang Oktober 1999, gleicht einer riesigen Baustelle. Villen und Hochhäuser schiessen wie Pilze aus dem Boden, von Städteplanung ist aber wenig zu spüren. Die Flüchtlingslager darben weiter und warten auf internationale Hilfe. Nicht wenige Bewohner Gazas sehnen sich nach der Zeit vor der Intifada zurück, als die Verdienstmöglichkeiten in Israel viel höher waren als heute im Streifen. Der geplante Mittelmeer-Hafen könnte sich zur Umweltkatastrophe entwickeln, doch der Nationalstolz verbietet es den Palästinensern, das Projekt abzublasen. Die «sichere Passage» zur Westbank, die nächste Woche geöffnet werden soll, wird den Bewohnern von Gaza etwas Bewegungsfreiheit verschaffen. Israels Politiker halten die Daumen, dass diese Freiheit nicht missbraucht wird.
Leben in Gaza: Mit der Wende kommt der Aufschwung und die neuen Probleme. - Foto BAZ

«Das waren noch Zeiten, als wir nach «drinnen» fuhren und dort täglich 250 Shekel (ca. 90 Franken) oder noch mehr verdienten.» Wer da so in Erinnerungen schwelgte, war Maguid, der uns in halsbrecherischer Fahrt durch die heillos verstopfte Innenstadt von Gaza fuhr. Wir waren auf dem Weg vom Hauptquartier Mohamed Dahlans, dem Verantwortlichen innerhalb der Palästinensischen Behörde für präventive Sicherheit (Pendant des israelischen Shakab-Geheimdienstes), nach Erez, dem Grenzübergang zwischen dem Gazastreifen und Israel. Anfangs kam das Gespräch zwischen Maguid und uns nicht so richtig in Gang. Unsere Arabischkenntnisse waren rudimentär; er sprach kein Englisch. Erst als jemand auf die glorreiche Idee kam, es mit Hebräisch zu versuchen, lief es wie geschmiert. Maguid räumte zwar ein, viel seiner Ivrit-Praxis verloren zu haben, seitdem er kaum noch nach «drinnen» fahre - mit «drinnen» bezeichnen interessanterweise viele Gaza-Palästinenser das israelische Kernland - aber er beantwortete unsere Fragen bereitwilligst. «Seitdem ich gelegentlich für Dahlan arbeite, verdiene ich nur 40-50 Shekel im Tag», meinte er bedauernd. Weil er damit seine Frau und zwei Kinder nie ernähren könne, verrichte er daneben noch andere Arbeiten («was sich mir bietet»). Über die heute in Gaza herrschende gesellschaftliche Atmosphäre ist Maguid alles andere als begeistert: «Hier gilt nur noch, wer Geld hat», erklärte er, wobei er zur Unterstreichung seiner Ausführungen beide Hände vom Lenkrad weg und in einem Anflug von Verzweiflung in die Luft warf, gerade, als er dabei war, eine Kreuzung bei Rot zu überqueren. Dass dies problemlos klappte, war wahrscheinlich nicht unseren Stossgebeten zu verdanken, sondern dem Umstand, dass eine Polizei-Autonummer im Gazastreifen auch heute noch ein recht wirksamer Passepartout zu sein scheint. Maguid machte keinen Hehl daraus, dass er sofort mit der Situation vor der Intifada tauschen würde. Damals sei «viel los» gewesen, und mit einigem Einsatz kam man auf einen grünen Zweig. Er sei keineswegs der Einzige, der so denke; die meisten trauern der Zeit vor 1986 nach. Er habe viele Freunde «drinnen», fügte Maguid hinzu, obwohl er sie jetzt nicht mehr so oft sehe. Wie um seine Nostalgie zu belegen, begann er, unterbrochen von viel Gebremse, Gehupe und Aus-dem-Fenster-Hinausschreien, ein Lied des israelischen Sängers Zohar Argov zu summen. Auch Aussenminister David Levy scheint Maguid zu imponieren, gelang es ihm doch, seinen Tonfall und Gestik recht gut zu imitieren.

Der heldenhafte Aufstand

Bei unserer Besichtigung von Gaza konnten wir feststellen, dass es recht viele Einwohner geben muss, die Maguid zu den «Geldhabenden» zählen würde. Zahllose fertige und sich im Bau befindliche Prachtsvillen und Hochhäuser erheben sich, oft allerdings in unmittelbarer Nähe von ausgesprochenen Slum-Vierteln. Ein kurzer Aufenthalt im Flüchtlingslager Jebalya, wo nach Aussage unseres Guides Achmed von Dahlans Büro der «heldenhafte Aufstand» seinen Anfang genommen hatte, lässt jedoch die teilweise erstaunlich erfreulichen Bilder von Gaza- City rasch vergessen. Kaum eine Strasse ist asphaltiert, und die Neubauten, wo es sie gibt, wuchern völlig planlos in der Gegend herum. Auch in Gaza selber übrigens lässt sich auf den ersten Blick von einer städteplanerischen Politik nichts entdecken, und die meisten Strassen sind nicht nur in einem desolaten Zustand, sondern können auch das Verkehrsaufkommen längst nicht mehr bewältigen. Was hingegen in allen Gegenden der Stadt auffällt, sind erstens die tadellos und sauber gekleideten Schulkinder, und zweitens eine Unmenge an Uniformierten der verschiedensten Truppengattungen. Ausdruck des inzwischen fest etablierten palästinensischen Nationalstolzes, oder Vorkehrungen gegen die Gefahr gewalttätiger Aktivitäten friedensfeindlicher Extremisten?

Idyllische Uferstrecke

Nach wie vor ist der Mittelmeerstrand von Gaza herrlich schön, auch wenn die Bauwelle sich schon gefährlich nahe an das Ufer herangefressen hat. Der Strand ist schön, weil er erstens noch relativ sauber und zweitens nicht sonderlich bevölkert ist. Ein beklommenes Gefühl überkam uns aber, als Achmed an einer besonders idyllischen Uferstrecke anhielt und voller Stolz verkündete, hier werde mit französischer Hilfe der Hafen von Gaza entstehen. Sollte das Projekt tatsächlich realisiert werden, müssen wahrscheinlich schon in wenigen Jahren erholungssuchende Palästinenser an israelische Strände ausweichen, denn der Strand von Gaza ist relativ so klein, dass die Umweltbelastungen eines Hafens sich über die ganze vorhandene Strecke ausdehnen werden. Was die Notwendigkeit das Hafens betrifft, kann etwa das Gleiche gesagt werden, wie in Bezug auf den Flughafen von Gaza. Wirtschaftlich und regional wäre eine Kooperation mit bestehenden israelischen Einrichtungen für beide Seiten sicher das Vernünftigste, doch jeder Palästinenser, der es wagen sollte, einen solchen Vorschlag auch nur vage vorzubringen, müsste riskieren, wegen Umtrieben gegen die Nation vor Gericht gestellt zu werden. In ein bis zwei Generationen, wenn hüben die Euphorie und drüben (bzw. «drinnen») das Misstrauen hoffentlich abgebaut sein werden, könnten derartige Kooperationsprojekte vielleicht aus der Schublade geholt werden.

«Sichere Passage»

Unser Besuch fiel zeitlich zusammen mit der Einigung zwischen Israel und den Palästinensern über die «sichere Passage» zwischen Gaza und Hebron. Warum die Verhandlungen sich so sehr in die Länge gezogen haben, deutete Rashid Abu-Shbak an, der stellvertretende Chef des Büros für präventive Sicherheit: «Wir wollen unsere Würde bewahren. Sollten die Israelis die Passage benutzen, um Palästinenser zu demütigen, verzichten wir auf die Sache». Abu-Shbak betonte, man habe keinerlei Probleme, die israelische Souveränität über die «sichere Passage» ebenso anzuerkennen wie das Recht von Israels Polizei, Palästinenser, die auf ihrer Fahrt Verkehrssünden begehen oder einen Unfall verursachen, gemäss israelischen Gesetzen zu behandeln. Was nicht toleriert wird - und hier soll Jerusalem entsprechende Zusicherungen gegeben haben, ist eine allfällige Jagd der Israelis auf Personen, deren Namen auf einer Gesuchtenliste stehen. Angesichts des mit Israel ausgearbeiteten Kontrollsystems schätzte Abu-Shbak die Gefahr des Eindringens von Terroristen durch die «sichere Passage» als gering ein. Auf die Beziehungen der Palästinensischen Behörde (PA) zu Organisationen wie Hamas angesprochen, meinte der Sicherheitsoffizier: «Unser Verhältnis zu Hamas ist an die Einhaltung der palästinensischen Gesetze durch diese Organisation geknüpft.»

Die Angst vor Hamas«Sollte Hamas Aktivitäten ausüben, welche die politischen Projekte mit Israel aufs Spiel setzen, müssten wir eingreifen.» Abu-Shbak, der erklärte, die PA betreibe das Einsammeln illegaler Waffen zielstrebig, enthüllte zuletzt, dass er Hebräisch lese, schreibe und lehre. Für den Unterricht hat er wahrscheinlich wenig zahlen müssen, sass der 1954 geborene Mann zwischen 1973 und 1990 wegen seiner Tätigkeit im militärischen Flügel der Fatah doch unzählige Male im israelischen Gefängnis. 1987 wurde er nach 14 Jahren hinter Gittern rechtzeitig entlassen, um bei Ausbruch der Intifada die Leitung der Fatah im Gazastreifen zu übernehmen. Die Angaben zu seiner Karriere machte Rashid Abu-Shbak übrigens ohne jede Verlegenheit, dafür mit einem nicht zu übersehenden Anflug von Stolz. Was dem einen seine «Lechi», ist dem anderen offenbar seine Fatah. Realpolitiker haben das schon längst zur Kenntnis genommen und akzeptiert.