«Herrgott, was war das für eine Musik!»

von Walter Labhart, October 9, 2008
Was gibt es vier Jahrzehnte nach des grossen russischen Dichters Tod noch Unbekanntes zu sagen? Längst sind alle Hintergründe des von seiner späten Liebe Olga Iwinskaja inspirierten Bürgerkriegsromans «Doktor Schiwago» in einer international breitgefächerten Sekundärliteratur aufgedeckt und die biografischen Fakten des 1958 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Autors jüdischer Herkunft bis ins kleinste Detail erforscht. Unbeachtet geblieben ist Pasternak einzig als Komponist.
Boris Pasternak: «Von Wahnsinn durchgearbeitetem neuen Inhalt.» - Foto Keystone

Die Musik spielte im Leben des vor 40 Jahren in Peredelkino bei Moskau verstorbenen Lyrikers und Romanschriftstellers schon seit frühester Kindheit eine bedeutsame Rolle. Seine Mutter Rosa Kaufmann war eine hervorragende Pianistin und der Vater, der Maler Leonid Pasternak, erfreute sich freundschaftlicher Beziehungen zum Komponisten Alexander Skrjabin (1872-1915), den er in Zeichnungen festhielt. Die tiefen Eindrücke, welche der Knabe empfing, als Skrjabin in einer benachbarten Datscha seine 3. Sinfonie komponierte, hielt Boris Pasternak in der Autobiografie «Über mich selbst» mehr als ein halbes Jahrhundert später fest: «Herrgott, was war das für eine Musik! Die Sinfonie stürzte und zerbarst unaufhörlich wie eine Stadt unter Artilleriebeschuss, und sie baute sich ganz und gar aus Trümmern auf und wuchs empor aus Zerstörungen. Sie war über und über voll von einem bis zum Wahnsinn durchgearbeiteten neuen Inhalt, so neu wie der Leben und Frische atmende Wald, der an jenem Morgen in das Frühlingslaub des Jahres 1903 gekleidet war...» Zu jenem Zeitpunkt betrieb der angehende Dichter sein seriöses Musikstudium, das er 1909 abschliessen sollte, bei den Komponisten Reinhold Glière und Joel Engel, dem Mitbegründer der so genannten «Neuen Jüdischen Schule» in der russischen Musik, der sich als Sammler jüdischer Volkslieder einen Namen schuf, bevor er nach Palästina auswanderte.

Ein Mysterium von Klängen

Als Sechzehnjähriger brachte Boris Pasternak ein rund fünf Minuten dauerndes Prélude in gis-Moll für Klavier zu Papier, das zweimal den Beginn der «Internationale» zitiert, mit der er anlässlich der ersten revolutionären Ereignis-se des Jahres 1905 bekannt geworden war. Seine Sympathie für die unterdrückten Moskauer Arbeiter und deren Streik scheint er auf diese diskrete Weise ausgedrückt zu haben. Mit seiner musikalischen Sprache weist das erst 1977 in Jerusalem veröffentlichte Prélude auf Skrjabin hin, der das grösste Vorbild des jungen Komponisten war. Noch deutlicher ist die stilistische Abhängigkeit von jenem himmelstürmenden Musiker, der die Menschheit in einem «Mysterium» mit einem Gemisch von Klängen, Farben und Düften zu erlösen beabsichtigte, in der mit 19 Jahren geschriebenen Klaviersonate in einem Satz.
Das eine Viertelstunde beanspruchende Werk von 1909 beginnt mit pianissimo zu spielenden Lyrismen von geradezu zerbrechlicher Zartheit und enthält ein ebenfalls lyrisches zweites Thema, das jedoch viel Dynamik aufweist und der Sonate beträchtlichen Schwung verleiht. Dass Pasternak ein gewandter Pianist war und den Klangreiz von Skrjabins farbiger Harmonik zu schätzen wusste, geht aus der weitgriffigen, besonders klangvollen, Begleitfiguren vorziehenden Schreibweise der pianistisch sehr anspruchsvollen Sonate hervor. Das 1977 von Wladimir Feltsman im zentralen Schriftstellerhaus in Moskau aus der Taufe gehobene, umfangreichste Werk Pasternaks wurde zwei Jahre später im Sowjetischen Komponistenverlag in einer kleinen Auflage erstveröffentlicht, die sofort ausverkauft war. Sowohl die von Annie Gicquel besorgte Ersteinspielung auf Langspielplatten (1981) als auch deren CD-Wiederveröffentlichung (1992) ist vergriffen, da die Nachfrage nach einem derartigen Kuriosum offenbar zu gering war.

Pekuniäres Postludium

Bedauerlicherweise hat Boris Pasternak zu seinem Erfolgsroman «Doktor Schiwago» nicht auch die Musik mitgeliefert, wie das Charlie Chaplin zu einigen seiner Filme tat. Ob er mit so vielen Skrjabin-Reminiszenzen von so vielen Lizenzen hätte profitieren können wie der französische Filmkomponist Maurice Jarre (geboren 1924), ist indessen fraglich. Der aus Lyon stammende Schüler von Arthur Honegger brachte es allein mit der knapp drei Minuten dauernden «Schiwago-Melodie» (Thema der Lara) im 1965 von Metro-Goldwyn-Mayer produzierten Spielfilm von David Lean (unter Mitwirkung von Geraldine Chaplin, Julie Christie, Omar Sharif und Rod Steiger) zu einem Vermögen, das ein Vielfaches dessen betrug, was Honegger für sein artenreiches Lebenswerk mit mehreren Opern, Oratorien und Sinfonien erzielte.